E
zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 20. Juni.
1886.
XII.
Ein recht kalter Winter war vorübergegangen und die April— sonne schien hell in die geöffneten Fenster von Mandsfelt. Die Gutsherrschaft wurde anfangs Mai erwartet und Alles war in Thätig— keit, Haus und Garten zum Empfange herauszuputzen. Ein Wagen hielt an den Stufen der Veranda, Eduard van Mossel stieg heraus. Durch ihn waren die Nachrichten von der in Cannes weilenden Familie zu der Dienerschaft gelangt.„Sie kommen noch nicht mit dem Monat Mai,“ war die Kunde, die in der Küche eifrig besprochen wurde, als nach einem Gang durch den sauber und sorgfältig an— gelegten Garten Eduard Mandsfelt wieder verließ. Die Nachricht machte ihn mißmüthig; der Winter ohne die Familie Lindner war ihm und seiner Mutter sehr lang geworden.
Eduard fühlte Heimweh nach ihnen Allen und am meisten— ja, er gestand sich's lachend— nach dem großen Kinde, das ihn nie in Ruhe ließ, ihn bald als Altersgenossen behandelte, bald als den„alten Onkel Eduard“, sobald er sich es nur einfallen ließ, Ellinors Muthwillen ein wenig zu dämpfen. Es ist das Loos Derer, die bleiben, daß sie nicht vergessen; Ellinor dachte wohl nicht mehr an den Freund.„Sie ist so glücklich,“ schrieb Herr Lindner,„und die fröhliche Laune unseres Kindes erheitert gar sehr unser Familienleben. Ellinor hat eine Menge Bekanntschaften ge— macht; sie spricht alle Sprachen ihrer ausländischen Freunde, auch selbst das Italienische mit Geläufigkeit, und der Gedanke, daß wir in einigen Wochen die wirklich angenehme Gesellschaft und das schöne Land des Südens verlassen werden, macht die lustigen Augen bis⸗ weilen ernst und nachdenkend. Ich bin der guten milden Luft herz— lichen Dank schuldig; meiner Julia Gesundheit hat sich so sehr hier gekräftigt, daß ich anfange, mich der beglückenden Hoffnung hinzu⸗ geben, sie werde wieder ganz genesen. Die Aerzte hier haben mir fast die Gewißheit gegeben, nur— und das ist's, was uns Allen mißfällt und besonders meiner Julia,— wir sollen noch den ganzen Sommer von Mandsfelt gebannt bleiben, sollen nach Chamouny aufbrechen und später im Laufe des Sommers im Engadin bleiben. Wir wollen strikte diesen Vorschriften folgen, und nun weiß der liebe Gott, wann wir unser Mandsfelt wiedersehen werden. So schwer mir dies unter andern Umständen würde, scheint mir das Opfer, in Anbetracht des uns verheißenen Erfolges, gering. Wann wir uns, unter den gegenwärtigen Umständen, in dem guten Heim wieder begegnen, das mag ich mich gar nicht fragen, mein Junge, geschieht es aber früher oder später, und ich bringe Euch mein trautes Weib in blühender Gesundheit zurück, so wollen wir zu Hause Tage zusammen verleben, um die uns die Götter beneiden.“
Es war in den ersten Tagen des Mai und Eduard war mit seiner Mutter fast täglich in Mandsfelt, den lieben Nachbarn so
Die Stiefmutter.
Roman von M. Elton. (Fortsetzung.)
recht Alles nach Wunsch in der Heimath zu bereiten. Eduard be— sichtigte mit dem Verwalter das äußere Revier und seine Mutter sann und sorgte im Hause. Frau van Mossel erwartete ihren Sohn, die langen Schatten fingen schon an, sich in's Thal zu senken und mit Vergnügen sah sie Eduard in den Hof eintreten. Es kam ein Mann auf ihn zu, der ihm eine Depesche reichte; sie sah, wie ihr Sohn sie gleichgültig öffnete und sich zum Verwalter wendete und mit ihm sprach. Ein Blick auf das Papier und Eduards Gesicht nahm den Ausdruck des Schreckens an und erbleichte furchtbar. Frau von Mossel stieß einen leisen Schrei aus und eilte vom Fenster ihrem Sohne entgegen.„Was ist's, Eduard,“ rief sie und hielt seinen Arm mit beiden Händen;„sage es mir schnell, nur keine Einleitung.“
„Julia ist todt,“ antwortete er mit dumpfer Stimme.
Acht Tage später waren Lindners wieder in Mandsfelt eingezogen, und es sah wieder so feierlich um Hof und Haus aus,— trauernde, schwarzgekleidete Menschen kamen zahlreich durch das Gitterthor und schaarten sich um das Haus, ein mit Blumen bedeckter Sarg stand auf der Verandg. Der lange endlose Zug setzte sich nach dem Dorf— kirchhof in Bewegung, dicht hinter dem Sarge ging Eduard van Mossel und Otto von Manners, das ganze Dorf folgte. Und sie trugen Julia's Hülle in der Herrlichkeit des Maimonats davon, die glänzende Sonne und der tiefblaue Himmel und der jubelnde Chor der Vögel gaben ihr das Geleite und die lange Allee der blühenden Bäume streute Blumen auf den Weg, der zu ihrer letzten Ruhestätte führte. Oben am geöffneten Fenster stand Lindner, ein alter gebrochener Mann, und sah mit stieren trockenen Augen, wie jeder Schritt sie mehr von ihm trennte und wie der Zug endlich in den Blüthenwald verschwand. Er sah ängstlich nach allen Seiten, als der Letzte der Leidtragenden nicht mehr sichtbar war und be— merkte jetzt erst, daß sein Kind an seinem Arme hing und flehendlich aus den thränenvollen Augen zu ihm aufsah.„Vater, Vater; o sprich zu mir, nur ein Wort, ich bitte Dich,“ bat sie schluchzend.
„Wir sind sehr unglücklich, mein Kind,“ sagte er mit tonloser Stimme, und das war das erste Wort, das er seit ihrer Mutter Tode zu ihr sprach. Der gute treue Freund war nach Cannes ge— kommen und hatte den Mann vertreten, der, betäubt von dem Schlage, der ihn so plötzlich und unerwartet getroffen, weder eines Wortes, noch eines Gedankens fähig gewesen. An Eduard hatte sich das verlassene erschreckte Kind ängstlich angeschlossen, war laut weinend in seine Arme geeilt, als der helfende Freund bleich und erregt in dem Zimmer erschien, in dem Julia verklärt ruhte, und das Lindner noch keinen Augenblick verlassen hatte. Eduard er— blickte eine andere Ellinor; die holde jungfräuliche Erscheinung mit den tiefblickenden dunklen Augen, in denen eine Welt voll stummen
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