Ausgabe 
19.12.1886
 
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402.

stückchen Hendriks auf dem Drahtseil erzählte,und gerade morgen mußt Du Dich plagen, wenn andere Kinder auf die Bescheerung und den brennenden Weihnachtsbaum warten. Daß sich Gott erbarme!

Der Kleine öffnete den Mund zu einer Frage an die freundliche Frau, aber ein gutgetroffener Rippenstoß Lisettes ließ ihn verstummen. Das Mädchen fand es nicht für nothwendig, daß Hendrik durch seine Unwissenheit das Entsetzen der Frau errege und sich vielleicht dadurch ihre Gunst verscherze; sie fand es sehr gemüthlich in der warmen, nach Rauch riechenden Küche mit dem großen Suppennapf auf den Knieen, während sie der aufhorchenden Frau den Glanz und Schimmer ihres Künstlerlebens schilderte, das doch in Wahrheit viel Hunger, Frost und Jammer in sich schloß.

Währenddessen hatte Signor Blandini mit dem Ortsschulzen Alles in's Reine gebracht. Vor dem Dorf lag eine große unbenutzte Scheune, in dieser sollten die Vorstellungen gegeben werden. Die anwesenden Honoratioren brachten denselben von vornherein reges Interesse entgegen und das ernste Gesicht Signor Blandini's heiterte sich bei der Aussicht auf eine glänzende Einnahme zum ersten Mal seit langer Zeit ordentlich auf. Hendrik aber lag diesen Abend lange mit offenen Augen und grübelte über das Weihnachtsfest, von dem er heute zum ersten Mal gehört, über brennende Lichter, Naschwerk und Kirchenglocken, und in der Nacht träumte er, sein Vater spannte das Seil bis direkt in den Himmel hinauf und er ging wohlgemuth daran in die Höhe, bis er endlich einen der leuchtenden Sterne mit den Händen erfassen konnte.

Am nächsten Morgen lag eine weiße Decke auf den Dächern und der Holzverkleidung des Brunnens mitten im Dorf, aber die Luft blieb klar und rein. Signor Blandini war in seiner Scheune sehr thätig gewesen; buntfarbige Papierlampions hingen an den schmucklosen Scharren und Balken, verschossene Tücher dekorirten den Eingang, ein alter, abgenutzter Teppich bedeckte den Boden. Das Einzige, was er nicht hatte ändern können, war die Kälte, die in dem großen leeren Raum herrschte, aber in dies Unvermeidliche ergab er sich wie ein Mann. Solche Kleinigkeiten mußten eben überall mit in den Kauf genommen werden.

Als dann die Mittagsstunde geschlagen, kam er in das Wirths haus zurück, in dem einstweilen Lisette die Schäden der etwaigen Garderobe ausgebessert hatte, zäumte Piccolo auf, der sich in seiner blau und rothen Schabracke, an der ab und zu Schellen hingen, mit den gewaltigen Puscheln vor den langen Ohren und dem breiten Stirnband sehr stattlich ausnahm, warf sich selber in sein Klown kostüm, dem er durch einige Hände Mehl, die er zuletzt noch in das Gesicht rieb, besseren Nachdruck verlieh, und hob Lisette auf den Rücken des Esels, die mit ihrem kurzen Gazeröckchen, Flügeln an den Schultern und der flitterbesetzten Taille für die liebe Jugend geradezu verblüffend wirkte, gab Hendrick, der ähnlich so angezogen war, noch einen freundlich ermahnenden Puff, und setzte sich dann mit seiner Karawane in Bewegung.

Jesus wie schön! sagte die Wirthin hinter ihnen her und faltete ganz andächtig die Hände über so großen Glanz.

Signor Blandini hatte die Airs eines Künstlers. Stolz und hoch aufgerichtet schritt er neben Piccolo einher, jeder Zoll ein großer Mann, bis in die Mitte des Dorfes. Dort machte er Halt, stieß in die Trompete, die er um die Schultern gehängt hatte und lud ein hochlöbliches Publikum zu der heute Abend stattfindenden Vor stellung der rühmlichst bekannten Seiltänzertruppe Blandini ein. Signor Blandini wird sich als Athlet produziren, der die schwersten Gewichte emporhebt und trägt. Fräulein Lisette, die Elfe genannt, mit ihren staunenswerthen Leistungen im Eiertanz und Schwerter werfen. Monsieur Hendrick, Drahtseilkünstler, und endlich der kluge Esel Piccolo!

Signor Blandini schrie das alles und noch viel mehr mit seiner heisern Stimme in den frosthellen Wintertag hinaus, Lisette rieb sich verstohlen die nackten Arme und Hendrick schlug Purzelbäume; das allmählich sich ansammelnde Publikum aber lauschte andächtig, stieß sich aufmunternd zuweilen in die Seiten und war entschlossen, sich all' diese Herrlichkeiten nicht entgehen zu lassen.

Unter den die Gaukler umdrängenden Kinderköpfchen waren auch zwei kleine Mädchengesichter, in hellblaue Kapotten mit weißem Schwan gehüllt, die Kinder des Amtmanns im Dorf. Sie fielen fast übereinander vor lauter Aufregung, Jubel und Entzücken, ehe sie nach Hause kommen und von dem Gesehenen berichten konnten.

Mama, liebe Mama, laß uns zusehen, baten sie in zitternder Hoffnungsseligkeit..

Ich weiß nicht recht, zögerte die also Bestürmte, der jede solche Schaustellung ein Gräuel war.

Laß sie nur gehen, Lina, Mine kann sie hinführen, Du hast dann ungestört Zeit, den Baum zu putzen und aufzubauen, meinte der Amtmann, der ungern seinen Zwillingen einen Wunsch versagte, besonders nicht, wenn er ihm so berechtigt erschien wie dieser,und damit Du ganz beruhigt bist, werde ich die Kinder begleiten.

Dagegen hatte die Mutter keine Einwendungen mehr und Liese und Käthe standen heute in doppelter Ungeduld auf die Dämmerung wartend am Fenster. Sie wußten nicht, worauf sie sich mehr freuen

sollten, auf die Vorstellung in der Scheune oder den brennenden Christbaum mit all' seinen Gaben. freigiebig gegen sie gewesen.

Heute war das Schicksal allzu

Signor Blandini überflog mit stolzen Blicken die dicht gedrängten Schaaren der Zuschauer. Sie hatten nicht einmal alle Eingang in den der Kunst geweihten Raum gefunden, manch Einen hatte er fortschicken und auf morgen vertrösten müssen. Und alle Hono ratioren hatten sich eingefunden. Der Amtmann, der Schulze, der Lehrer! Signor Blandini nahm sich vor, sein Bestes zu thun und er that sein Bestes! Die hundertpfündige Kugel, die er sich über Brust und Nacken laufen ließ, schlug dumpf dröhnend auf den Lehm boden der Scheune, die Pfauenfeder, die er auf der Nase balanzirte, schwankte nicht und alle sonstigen Kraftstückchen, die er außerdem zum Besten gab, imponirten dem Publikum außerordentlich.

Dann kam Lisette. Sie fror wohl etwas, aber das milde Licht der bunten Laternen, die nur noch einige Talgkerzen zugesellt be⸗ kommen hatten, ließ ihre Toilette in verführerischem Reiz erscheinen, während das kalte, mitleidslose Tageslicht nur allzu freimüthig deren etwaige Schäden enthüllt hätte. Die hübsche Lisette war, mit ihren kecken Augen und lachenden Lippen, in der halbdunklen Scheune ein Bild nicht ohne Reiz, und als sie den Eiertanz beendet, die Schwerter geworfen uud nun mit brennenden Fackeln jonglirte, hatte sie die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert. Nun kam Monsieur Hendrick.

Der Knabe war den ganzen Tag von einer ihm sonst fremden Ruhe und Trägheit gewesen, aber wer hatte Zeit darauf zu achten? Als er auf einen Wink des Vaters die Leiter hinaufkletterte, die auf das Seil führte, hatte er zum ersten Mal in seinem Leben eine Anwandlung von Furcht. Am liebsten wäre er umgekehrt und hätte den Vater gebeten, ihn drunten zu lassen, aber einestheils war ihm dann die Peitsche, anderntheils Lisettes höhnisches Gelächter sicher. So faßte er sich denn ein Herz und stieg vollends hinauf. Als er oben war, schwand seine Schwäche, etwas wie Uebermuth überkam ihn. Er sah herab auf alle die Zuschauer, die gespannt mit an gehaltenem Athem zu ihm in die Höhe blickten, er sah gerade in die entsetzensstarren Augen der beiden Blondköpfchen hinein und der ganze Ehrgeiz eines Künstlers überkam auch ihn. Ja! Was er verstand, konnte ihm so leicht Keiner nachmachen! Er wurde be wundert, angestaunt, sogar von Kindern, die schwanenbesetzte Kapotten trugen, die also reich waren, während er sich mit Drangabe seines Lebens allabendlich um das tägliche Brod plagen mußte. Aber was that das! Und Hendrik streckte den rechten Fuß hinaus und wiegte sich auf dem linken, zog ihn ein und machte es mit dem linken ebenso. Dann lief er das Seil entlaug und rückwärts zurück. Er sah in den Augen seines Vaters Freude und Zufriedenheit, übermüthig schüttelte er das Haar zurück und begann seine letzte Evolution.

Da plötzlich rinnt es ihm wie Eis über die erhitzten Glieder, sein Fuß stockt, ein Schwindel befällt ihn, verzweifelt greift er mit den Händen in die Luft die schmächtige Gestalt in dem blauen Sammetwamms liegt am Boden und das Licht der Talgkerzen glitzert auf den Flittern, die es bedecken.

Ein Aufschrei durchläuft das Publikum, blaß und zitternd beugt 4

sich der Vater herab und nimmt den Knaben in seine Arme. Er kennt dies harte dumpfe Aufschlagen wohl. Sein Weib ist so vom Seil gestürzt und nach kaum vierundzwanzig Stunden hielt er sie als Leiche an seiner Brust. Wird es mit dem Knaben ebenso werden? Ueber das weiß und ziegelroth geschminkte Gesicht des