Ausgabe 
19.12.1886
 
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kommt jetzt langsam ein klappriges Gefährt einher.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

zu den

Ouherhessischen UMachrichten.

Nr. 51.

Gießen, den 19. Dezember.

Von der Candstraße.

Von H

Leise, in großen weißen Flocken fällt der Schnee. Grau der Himmel, grau und erstorben die Erde mit den kahlen Bäumen, grau und nebelhaft die Atmosphäre und still vor allen Dingen, so still, daß man das Flügelschlagen der Krähen zu hören meint, die am Wegrand sitzen und die Landstraße hinabblinzeln.

Sturzacker rechts und links, den die mitleidigen Flocken sanft und leise zuzudecken versuchen, tief ausgefahrene Geleise auf der Straße, ab und zu das Skelett eines Baumes, sonst flaches Feld soweit das Auge reicht, nur fern am Horizont die Spitze einer

Dorfkirche.

Auf dieser Landstraße, welche die öde, reizlose Gegend durchzieht, Ein müder Maulesel zieht den großen mit Leinwand überspannten Wagen und neben ihm geht ein müder Mann, groß und muskulös, aber mit eingefallenem Gesicht und gefurchter Stirn. Er trägt einen weißen Leinewandanzug, eine sehr wunderbare Mütze und hat um die Schultern die Decke geschlagen, die sonst vielleicht dem Esel gehört und die, aus vielen bunten Lappen zusammengeflickt, einen grotesken Eindruck macht.

Der Mann seufzt und der Esel senkt den Kopf und läßt die Ohren hängen, gerade als flöße auch ihm der ferne Kirchthurm noch Sorgen ein, aus dem Wagen heraus aber hört man Lachen und Kichern und unterdrücktes Gemurmel, dann faßt eine kleine Faust zwischen die geschlossne Leindwand und ein blasses, mageres, bild hübsches Kindergesicht zeigt sich in dem Spalt.

Vater!

Bleib drinnen! herrscht der Mann neben dem Esel zornig, froh, dadurch eine Ableitung seiner bösen Gedanken gefunden zu haben; bleibe drinnen sag' ich Dir, oder

Er schüttelt die Peitsche und einen Augenblick duckt sich der Kinderkopf wie erschrocken, dann lacht er gleich darauf.

Ich muß Dich einmal etwas fragen, Vater! Lisette erzählt mir, es giebt einen Abend im Jahr, wo die Leute, die immer in festen Häusern wohnen, einen Baum aus dem nahen Walde holen, Lichte daran stecken und viele schöne Sachen dazu, das nennen sie Weih⸗ nachten. Ist das wahr?

Der Mann murmelte einen Fluch. Dich an? 5

Die runden großen Augen des Knaben erweiterten sich vor Er⸗ staunen, trotz der Kälte draußen und seines leichten Kostüms kroch er ein Stückchen weiter aus der Leinwand und beugte sich vor, so weit es ging.Vater, erzähl Du mir davon, Dir glaube ich, die Lisette da drinnen lügt so oft, und ich möchte gern wissen, wie das ist.

Der Mann draußen, der Direktor der berühmten Seiltänzertruppe Blandini, schüttelte unwirsch den Kopf.Laß mich zufrieden! Ich habe gerade Lust zum Reden.

Sind wir bald da, Vater?

Wenn schon! was geht's

Schobert.

Vor Dunkelwerden nicht! Kriech wieder hinein, dummer Fratz, Du weißt garnicht, wie gut Du es da drinnen hast.

Das Kindergesicht verschwand, die kleine geschmeidige Gestalt kroch wieder zurück in das Nest, das er sich in das trockene Stroh ge wühlt und in dem er die Zeit zuzubringen pflegte, wenn die Künstler⸗ truppe auf Reisen war.

Seine Gefährtin, ein hübsches, junges Mädchen, fröhlich und leichtherzig, stolz auf ihren Beruf, der ihr gestattete, alle Abend in kurzen verschossenen Gazeröcken die Bewunderung der Zuschauer auf ihre Person zu lenken, lag neben ihm und kaute an einem Stroh⸗ halm, den sie zwischen die festen weißen Zähne gesteckt hatte.Bist Du zufrieden, Hendrick?

Er sah sie mit den großen glänzenden Kinderaugen, die doch schon so altklug und verständig zu blicken verstanden, forschend an.Erzähl! mir mehr, Lisette!

Sie lachte.Du glaubst mir ja nicht.

Erzähl' nur, ich glaub' Dir's schon.

Du bist toller wie ein Heide, Hendrick, Du weißt nicht einmal etwas von Weihnachten.

Ich kann nicht dafür, wer sagt mir's denn! Der Vater fragt nur darnach, wie ich auf dem Seil tanze.

Ja, Du armer Bub! sagte sie mitleidig, zog den Kopf des Knaben in ihren Schoß mit jenem mütterlichen Instinkt, der jedem Weibe eigen, und begann das Märchen der Weihnacht dem still Zuhörenden zu erzählen.

Draußen fluchte der Mann über sein elendes Dasein, den müden Esel und die leeren Taschen, drinnen träumte der kleine Knabe von einem glänzenden, lichtergeschmückten Tannenbaum.

Das Dorf, in welches die Gaukler einzogen, als die Nacht bereits eingebrochen, war groß und wohlhabend aussehend. Signor Blandini hatte das sofort erkannt. Es hatte ein ansehnliches Wirthshaus, in dem die drei fahrenden Künstler, nicht zu vergessen den Esel Piccolo, der nur auf Reisen die Dienste eines schlichten Grauthiers verrichten mußte, nach dem weisen SprüchwortNoth kennt kein Gebot, sonst aber zu allerhand nicht zu verachtenden Kunststückchen abgerichtet war, Unterkunft fanden.

Die Wirthin war eine behäbige, rundliche Frau, neugierig und schwatzhaft wie eine Elster, sie brauchte es nicht auf den Groschen anzusehen und da ihr die Vorstellungen der Künstler Vergnügen und Einnahmen in Aussicht brachten, so stellte sie aus freien Stücken dem Direktor ein Glas dampfenden Grogk hin, nahm Lisette mit in die Küche und strich gutmüthig über den Krauskopf des Knaben.

So ein kleines Bürschchen und schon so klug, sagte sie an⸗ erkennend, als ihr Lisette von den schwierigen und gefährlichen Kunst⸗

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