Ausgabe 
19.9.1886
 
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laste, nicht vergessen dürfe.

kümmern als um mich.

volle Stille.

In diesem Augenblick schob sich eine dürftig gekleidete, zusammen⸗

gesunkene weibliche Gestalt durch die Reihen der Spaziergänger und

trat nahe an Frau von Hartwitz heran. Ein buntes Wolltuch deckte nicht die Mängel des darunter verborgenen Kleides, das Gesicht war bleich und eingefallen, die Augen lagen tief im Kopf, und ihre Stimme klang hohl und krank, als sie sagte:Ich bitte um eine kleine Gabe, ich habe lange krank gelegen, und es fehlt mir am Nothwendigsten: ich hungere.

Frau von Hartwitz griff in die Tasche und legte ein Geldstück

in die ihr entgegengestreckte, dürre Hand.

Ich danke. Die Stimme klang noch hohler, die dunkeln, tiefen Augen flimmerten unruhig, sie blieb stehen, als ob sie noch eine weitere Bitte auf den Lippen habe.

Martina überlief ein Schauer; sie legte ihre Hand auf Frau von Hartwitz' Arm, und zog sie einige Schritte weiter.Das ist ein Flecken in dem Bilde, sagte sie.Möchte man es einen

Augenblick vergessen, daß zwischen Schönheit und Freude so viel

tiefes Unglück wohnt, so wird man schnell daran erinnert. Die Frau hatte etwas Unheimliches.

Thue mir den Gefallen, Kind, und werde nicht gar nervös. Du hast doch wohl schon öfter eine Bettlerin gesehen! antwortete Frau von Hartwitz ungeduldig. 90

Martina schwieg; in ihrem Herzen empfand sie diese Begegnung aber wie eine Mahnung, daß sie den Fluch, der auf ihrem Leben Einen Augenblick lang war ihr die Welt so schön erschienen, sie hatte frei geathmet und war glücklich gewesen; da hatte dieses Weib vor ihr gestanden, wie die Ver⸗ körperung von Schuld und Elend, die wie ein dunkler Schatten auch auf ihrem Leben lagen. Die frohe Stimmung, die sie momentan beherrscht, war verschwunden, sie hatte das Gefühl, als sei alle die lachende Schönheit um sie her nur Schein und Täuschung, nur wie eine Blumendecke über einem Abgrund, als wären alle diese heitern Gesichter um sie her nur Masken, welche ein tiefes Weh verhüllen sollten. Trug denn nicht auch sie eine Maske, schien sie nicht etwas anderes, als sie war, weil sonst die Menschen sich erschrocken von ihr abwenden würden, wie er, der Eine, es gethan, von dem es am tiefsten geschmerzt hatte. Mußte sie es nicht ängstlich vor den Augen der Welt verhehlen, wer sie war, sie, die Tochter einer Mörderin?

Der nächste Tag war ein Sonntag, und das Fest irgend eines Heiligen und man wußte, daß einer der besten Sänger von der Oper in der Hofkirche bei der Messe singen würde. Frau von Hartwitz hatte schon vor einigen Tagen die Absicht geäußert, dann auch die Kirche zu besuchen, um den Gesang zu hören, und Martina hatte gern zugestimmt. Heute jedoch zögerte sie.

Möchtest Du nicht allein gehen, Tante? sagte sie,ich scheue die vielen Menschen.

Frau von Hartwitz sah sie mit großen Augen an.Was ficht Dich nur an, Kind? Die Menschen werden sich um Dich so wenig Solch ein Gesang ist ein Kunstgenuß, den man sich nicht entgehen lassen darf. Du kommst mit, das versteht sich von selbst.

Die Kirche war gedrängt voll; dennoch herrschte eine andachts Nach einem Chorgesang setzte die schöne Tenorstimme des Sängers ein; sie schwebte hell und klar durch den Raum und wirkte trotz der mehr weltlichen als kirchlichen Komposition doch erhebend und rührend. Auch Martina hatte sich ganz in's Hören versenkt und vergaß darüber Ort und Umgebung. Ihr Auge haftete an der Wölbung der Kirche, sie hatte die Empfindung als ob die süßen, rührenden Töne von dort herabschwebten und sie emportrügen über Zeit und Raum.

Als sie verstummten, kehrte sie erst wieder gleichsam zur Wirklich- keit zurück, ihr Blick senkte sich von der Kuppel auf die Menschen fluth, die, obgleich eben wieder mächtiges Orgelspiel begann, doch aus der tiefen Stille zu einem Auf- und Niederwogen erwacht schien, und plötzlich sah sie in zwei schwarze Augen, die starr auf sie ge richtet waren. Ein jäher Schauer überlief sie, das waren dieselben Augen, die sie seit gestern nicht vergessen hatte! Sie waren schon wieder in der Menschenwoge untergetaucht, und Martina suchte sie nicht, im Gegentheil, sie drückte sich in die Ecke und schloß die Augen, aber das Gefühl seliger Erhobenheit über die Welt und ihr Leid wollte nicht wiederkehren.

Kurz darauf war die Messe beendet, und der Menschenstrom drängte nach den Ausgängen. Martina hatte ihren Arm in den

kurzen:Ich danke umwandte.

ihrer Tante gelegt, um nicht von ihr getrennt zu werden, und Beide ließen sich von der Menge fortschieben; da plötzlich war wieder jenes N

Weib neben ihr und berührte leicht ihren Arm. Martina zuckte zusammen.Ihr Tuch Sie verloren es. Damit reichte die dürre Hand ihr das Taschentuch.

Martina hatte die Empfindung, daß sie es lieber eingebüßt, als von dieser Finderin zurückerhalten hätte, während sie sich mit einem

Die beiden Damen gingen langsam ihrer Wohnung zu, von dem herrlichen Gesange, den sie soeben gehört, sprechend und be rathend, wie der heutige schöne Tag am besten verwandt werden

könne, der schon jetzt alle Welt hinausgelockt hatte, so daß die

Straßen von Gefährten aller Art und Spaziergängern überfüllt waren. Als sie sich ihrem Hause genähert hatten, war Martina einige Schritte vorausgegangen, um die Glocke zu ziehen, und als sie sich dann nach Frau von Hartwitz zurückwandte, fiel ihr Blick abermals auf die verkommene Gestalt, mit dem auffallend bunten Tuch und den krankhaft leuchtenden Augen. Ihr halb erschrockener, halb zorniger Blick veranlaßte auch Frau von Hartwitz, sich um⸗ zusehen. Die Frau war ihnen so ersichtlich gefolgt, daß sie un willkürlich fragte:Was wollen Sie?

Einen Augenblick blieb die Antwort aus, als sie dann aber leise

murmelte:Nichts, hatte Frau von Hartwitz bereits ihre Börse geöffnet und legte ein Geldstück in ihre Hand.

Das Weib verfolgt uns, rief Martina, als Beide in das Haus eingetreten waren,weshalb schleicht sie uns nach, mir ist, als müßten wir uns vor ihr in Acht nehmen. ö

Frau von Hartwitz lächelte.

Tasche gezogen, und schämte sich nur es auszusprechen, denn sie sieht, trotz aller Zerlumptheit, doch aus, als ob sie bessere Tage gekannt hätte. Jedenfalls ist die arme Person weder des Zornes, noch des Grauens werth, die Du an sie verschwendest.

Mir ist sie unheimlich, behauptete Martina.

Und ich merke, daß Du wieder in die Ornshagener stärkende Seeluft mußt, meinte Frau von Hartwitz,hier verweichlichst Du mir, hast dort doch wohl andere Bettlergestalten gesehen, die sich bei uns eine warme Suppe und einen Zehrpfennig holen kamen.

Am nächsten Vormittag saß Frau von Hartwitz in ihrem Zimmer, mit einem Briefe an ihren Inspektor, Herrn Grube, beschäftigt, als nach leisem Klopfen Frau Müller, die Hauswirthin, eintrat. Die alte Dame mit dem schwarzen Wollenkleide, der schweren goldenen Uhrkette und der noch ein wenig jugendlich aufgeputzten Haube, leitete dasGeschäft, ein Hötel garni ersten Ranges, mit außer⸗ ordentlicher Umsicht und Würde, undempfing ihre Einwohner, wenn sie irgend welche Wünsche oder Aufträge hatten, die sie bereit⸗ willigst ausführte, in dem Wohnzimmer, dessen rothe Plüschsophas und Sessel mit gehäkelten Schutzdecken reichlich geziert waren. Nur in außergewöhnlichen Fällen erschien sie selbst in den Zimmern ihrer Gäste, und so war auch Frau von Hartwitz auf etwas dergleichen gefaßt, als die korpulente kleine Dame ihre Schwelle überschritt.

Verzeihen Sie, gnädige Frau, wenn ich störe, begann sie, als sie sich auf den ihr von Frau von Hartwitz angebotenen Stuhl niedergelassen,ich habe Ihnen hier einen Brief abzugeben, den ich nicht abweisen zu können meinte und doch auch nicht ohne Weiteres hereinschicken wollte, ohne Ihnen das Nähere mitzutheilen. Also:

es kam heute früh eine Frau zu mir, nun sie sah aus wie

eine Bettlerin, sehr armselig und zerlumpt, doch hatte sie etwas an sich nun wie soll ich sagen, von Bildung, von Chik, ich weiß nicht sie sprach auch gut, ich mußte mit ihr anders umgehen wie mit den Bettlern, die von den Straßen in die Häuser dringen; sie fragte, ob hier eine Frau von Hartwitz wohne, als ich es be jahte, gab sie mir diesen Brief und bat, ihn der Dame, die ihr von fruͤherer Zeit bekannt sei, abzugeben. Ich hatte Bedenken, da ich mich nicht gern als Vermittlerin, gegenüber meinen Einwohnern, benutzen lasse, doch die Frau wurde so dringend und, wie gesagt, als eine gewöhnliche Bettlerin konnte ich sie nicht ansehen und be⸗ handeln; sie versicherte, daß es sich um eine wichtige Sache handele, nicht um Geld nun genug, ich nahm den Brief und bitte die gnädige Frau es zu verzeihen, ich konnte eben nicht anders. Sie legte den Brief auf den Tisch.Viel etwas anderes als ein Bettel⸗ brief wird es ja doch wohl nicht sein, nun, gnädige Frau werden

ja damit umzugehen wissen..

Sie wollte natürlich ihren Finder lohn für Dein Tuch haben, das sie Dir vielleicht selbst aus der

eee, eee.