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zu den
Oberhessischen Uuchrichten.
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Ur. 38.
Gießen, den 19. September.
Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.)
XV.
Trau von Hartwitz hatte den Aufenthalt in Dresden in der
richtigen Erkenntniß gewählt, daß für Martina nichts gefährlicher sei, als ein stilles in sich hinein Grübeln. Hier fand sich durch die Fülle der Kunstschätze reicher Stoff, der ihren Sinn und ihre Gedanken beschäftigten konnte, und Frau von Hartwitz sah es mit Befriedigung, daß allmählich ihr Interesse und ihre Freude daran sich steigerten, wenn auch der Grundton ihres Wesens in der Moll— sonart gestimmt blieb. Die alte frische Heiterkeit wollte nicht zum Durchbruch gelangen, und ihr frisches Lachen ertönte nicht wie sonst.
Dennoch war Frau von Hartwitz mit dem Erreichten zufrieden und hoffte von der Zeit noch Besseres. Sie machte sich in ihrem Herzen Vorwürfe, damals dem energischen Drängen Martina's nach— gegeben und ihr die Geschichte ihrer Mutter erzählt zu haben; eine unglückliche Liebe hätte ihr gesunder Sinn bald überwunden, meinte sie, während dieses Schicksal ein fortwährender Stachel, eine De— müthigung ihres Stolzes war, von der sie sich vielleicht nie mehr ganz erholen mochte. f
Als der Frühling sich näherte, regte sich in Frau von Hartwitz der dringende Wunsch nach der Heimkehr, ihre Gegenwart in Ornshagen schien ihr nothwendig und sie meinte auch den Augenblick gekommen, in dem sie Martina den Vorschlag machen konnte, dorthin zurück— zukehren. Sie stieß zu ihrer Genugthuung bei dieser auf keinen Widerspruch.
„Einmal muß es ja doch sein, weshalb also nicht jetzt,“ sagte sie,„und die geliebte See wiederzusehen, würde mich sogar sehr, sehr freuen. Du, liebste Tante, hast mir schon ein so großes Opfer gebracht, daß es undankbar von mir wäre, wenn ich noch mehr verlangen wollte.“
Frau von Hartwitz strich ihr mit ungewohnter Zärtlichkeit über die Wange, ohne ein Wort darauf zu erwidern; in Gedanken aber machte sie bereits Reisepläne und überlegte, ob man direkt heimwärts gehen, oder noch hier und da eine Station machen solle.
Am folgenden Tage traf ein Brief Anneliesens mit der Nach— richt ihrer Verlobung ein. Er war von einem so tiefen und innigen Glück durchwärmt, daß Frau von Hartwitz ihn Martina mit den Worten reichte:„Da lies, endlich einmal eine rechte Herzensfreude.“
„Die gute Anneliese, wie gönne ich es ihr, daß sie noch einmal kennen lernt, was Glück ist,“ sagte Martina innig.„Dr. Weber ist ein sehr guter, lieber Mensch. Liebe Tante,“ fügte sie dann plötzlich erschrocken hinzu,„jetzt aber lasse uns hier bleiben, ich könnte nun nicht nach Ornshagen zurück, mit dem Brautpaar zusammen sein, zumal mit Dr. Weber— ihn täglich sehen— das ist un⸗ möglich— sie werden ja bald heirathen, und dann wollen wir gleich zurück, nur bis dahin lasse uns warten. Mit einem glücklichen
Brautpaar täglich zusammenleben, täglich an das erinnert werden, was— ach nein, Tante, das verlangst Du nicht von mir, nicht wahr?“
„Ich verlange nichts, was Dich beängstigt, mein Kind,“ erwiderte Frau von Hartwitz,„wir wollen hier bleiben. Doch erwarte ich von Deiner Vernunft, Deinem klaren Verstande, daß sie bald über thörichte und phantastische Vorstellungen siegen werden. Du wirst einsehen, daß sich nichts, garnichts dadurch geändert hat, daß Anneliese mit Dr. Weber verlobt ist, daß Du ihn, sobald wir nach Ornshagen zurückkommen, unter allen Umständen wiedersehen mußt, da er unser Arzt und unser guter Freund ist, mit dem zu brechen keinerlei Veranlassung vorliegt, und daß Du noch oft in die Lage kommen wirst, ein glückliches Brautpaar vor Dir zu sehen.“
Martina stand gesenkten Hauptes.„So wollen wir nach Hause,“ sagte sie leise.
Frau von Hartwitz schüttelte den Kopf.„Ich bin nicht grausam, Kind, wir bleiben natürlich noch hier, ich wollte nur Deinen Ge— danken die Richtung geben, die sie allmählich einschlagen müssen und werden; ich kenne Dich.“
Frau von Hartwitz fühlte sich verstimmt darüber, daß ihre Heimkehr nun wieder in's Ungewisse hinausgerückt war, und als sie sich niedersetzte, um Anneliese zu antworten, brummte sie leise vor sich hin:„Es hätte auch keine solche Eile gehabt, sie hätten mit der Verlobung noch ein paar Wochen warten können.“
Als dann sonnige Tage kamen, die überall das Grün hervor— lockten und die Natur mit neuem Reiz schmückten, hatte sie keine Freude daran; sie sehnte sich nach der Heimath und konnte den Gedanken nicht los werden, wie nöthig jetzt ihre Anwesenheit in Ornshagen sei. Martina aber entzückte das neu erwachende Leben um sie her; die Schönheit der Elbufer war ihr nie so überraschend entgegengetreten, der große Garten dünkte ihr ein Paradies. An Stelle der Kunst, welche ihre Zeit während des Winters ausgefüllt hatte, war jetzt die Natur getreten; sie mochte nicht in geschlossenen Räumen sein und täglich erquickten sie Spazierfahrten und Gänge, die sie mit Frau von Hartwitz, oft auch allein, unternahm.
Es war an einem sonnigen Nachmittag, als sie die Treppe zur Brühlschen Terrasse hinaufschritten. Der breite Strom lag von hellem Licht überglänzt, die allmählich ansteigende Berglinie des gegenüberliegenden Ufers strahlte in dem Lichtgrün des Frühlings. Auf der Terrasse bewegte sich ein lauter Menschenschwarm in hellen, sommerlichen Gewändern hin und her, es war ein heiteres, frisches Bild, dessen Eindruck auf das Gemüth sich kaum Jemand hätte entziehen können.
„Wie schön!“ sagte Martina, tief aufathmend,„es wirkt so harmonisch, alle Mißtöne sind verstummt.“


