Ausgabe 
18.7.1886
 
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227.

vierzehn Tage von London entfernt halten; vorher aber durfte er Blanche nicht in sein Haus bringen. Er mußte in der ersten Zeit an ihrer Seite bleiben, um mit fester Hand die Schwierigkeiten, die sich überall aufthürmen würden, zu beseitigen und ihr die Stellung zu sichern, die sie als seine Frau einzunehmen hatte. So mußte sie noch bis zu seiner Rückkehr in ihrem Hause bleiben, doch sollte sie wenigstens gleich erfahren, welchen Beschluß er gefaßt, vielleicht würde unter diesem neuen, augenfälligen Beweis seiner Liebe auch die ihre wieder aufflammen wie sehnte er sich darnach.

Du willst wohl Deine Gefangene besser beaufsichtigen können, lautete die Antwort,willst mich nun wohl ganz hinter Schloß und Riegel halten? Wie aber, wenn ich mich weigere, wenn ich ver lange, in diesem Hause zu bleiben?

Ich hoffte, Du würdest gern ganz den Platz einnehmen, welchen ich Dir als meiner Frau zu bieten habe, entgegnete er,war das aber ein schmerzlicher Irrthum, so hast Du Dich doch dem Willen Deines Mannes zu fügen. In einigen Tagen bin ich ge

nöthigt, eine Reise anzutreten, gleich nach meiner Rückkehr, die ich

soviel als möglich beschleunigen will, werde ich Dich in mein Haus führen.

Ich weiß es ja, daß ich Deine Sklavin geworden bin, daß ich keinen Willen mehr habe, sagte sie,so versuche ich es auch garnicht mehr, ihn geltend zu machen.

Heddenheim fühlte sich durch diese Scene so gekränkt und er bittert, daß er mehrere Tage vergehen ließ, ohne Blanche wieder zusehen. Erst an dem Tage seiner Abreise kam er zu ihr. Dies Mal empfing sie ihn mit holdem Lächeln und meinte, sie müßte mit ihm schmollen, daß er so lange fern geblieben sei.

Warst Du mir bbse, fragte sie lieblich,weil ich neulich thöricht schwatzte? Du warst jetzt immer so strenge, da konnte ich wohl glauben, daß Du mir alle Freiheit nehmen wolltest; doch, nicht wahr, Du willst es nicht? Wir werden schön und angenehm mit einander leben und Du wirst mich recht verwöhnen, nicht wahr? Wann soll ich zu Dir kommen?

Er sagte, daß er hoffe schon nach einer Woche zurückkehren zu können und gab sich ganz dem Glücksgefühl hin, mit dem ihn diese Wandlung in Blanche erfüllte. Heute entzog sie sich seinen Küssen und Liebkosungen nicht, sie war heiter und neckisch und hörte auf merksam seinen Erzählungen zu, wie während seiner Abwesenheit die für Blanche bestimmten Zimmer neu hergerichtet werden sollten, damit es ihr dort gefalle.

Heddenheim fühlte sich unsäglich glücklich; dennoch konnte er sich einer beklemmenden, eifersüchtigen Regung nicht erwehren; war Renard noch in London? Konnte er nicht von seiner Abreise er fahren und die Zeit seiner Abwesenheit benutzen, um sich Blanche wieder zu nähern? Hatte er es vielleicht schon gethan? Selbst auf die Gefahr hin, Blanche von Neuem zu erzürnen, er konnte nicht fort, ohne sich darüber Sicherheit verschafft zu haben.

Noch eins, Blanche, begann er,ist Renard ich weiß, Du würdest ihn nicht gesehen haben, schaltete er begütigend ein, doch hat er es noch einmal versucht, Dich zu sprechen?

Eine helle Röthe war auf ihren Wangen bis zu den Schläfen und der Stirn emporgeflammt.Wie sollte er, Du hast es ihm ja verboten, sagte sie leichthin.

Ihm? Woher weißt Du das? fragte er. In seiner Stimme bebten Zorn und Eifersucht.

Die Röthe wich nicht von ihren Wangen, sie schien sich noch um einen Schatten zu vertiefen, doch warf sie mit hellem Auflachen den Kopf zurück.Wie Du gleich glühst! Hast Du es ihm etwa nicht verboten? Das war doch selbstverständlich, was Du mir sagtest, mußte er doch auch erfahren..

Ja, natürlich Du hast recht, entgegnete er, verzeih Blanche, sieh in meiner Heftigkeit nur meine Liebe zu Dir.

Sie nickte.Du bist wie der Löwe des Mr. White, man glaubte ihn sanft wie ein Lamm gemacht zu haben, und dann plötzlich fing er wieder an zu brummen.

Beim Abschiede zog er sie an seine Brust; doch kaum daß er ihre Lippen mit den seinen berührt, als sie sich rasch seiner Um⸗ armung entzog.Warum solchen Abschied, sagte sie,das erweicht uns nutzlos Beide und das liebe ich nicht. Ein schnelles Lebewohl und dann genug. Sie schien erregt und ihre Hand zitterte.

Wird Dir die Trennung schwer, Blanche? fragte er bewegt.

sgeschickt werden sollen.

Er sind ja nur wenige Tage, lachte sie,lebe wohl, reise glücklich.

Lebewohl! Haar, ihre Stirn, ihren Mund und ging, ihr noch einen Gruß mit der Hand winkend, der Thür zu. Noch bevor er sie erreicht hatte, rief Blanche:Gustav, willst Du Jeanne nicht noch sehen?

Er hatte an das Kind nicht gedacht und mochte den Abschied, der ihm schwerer wurde, als er es sich selbst gestehen wollte, nicht noch länger ausdehnen. So sagte er nur:O, sie schläft wohl.

Wenn auch, drängte Blanche,sie ist doch Dein Kind.

So folgte er ihr in das Kinderzimmer. Die Wärterin saß an dem Bettchen; als Heddenheim hereintrat, erhob sie sich und schlug die blauseidene Gardine, die es verhüllte, zurück. Unwillkürlich hob er den Blick von dem blassen, häßlichen Kindergesichtchen zu der Mutter empor: welch ein Unterschied. Der helle Lichtstrahl, welcher die kleine Schläferin so plötzlich berührte, mochte sie wohl erwecken, genug sie öffnete die Augen und begann dann jämmerlich zu schreien. Heddenheim wandte sich ungeduldig ab, preßte noch einmal Blanche's Hand und verließ das Zimmer.

Zu Hause fand er eine Karte von Herrn Renard. Es waren mit Bleistift einige Worte darauf gekritzelt: er bedaure, Hedden heim nicht getroffen zu haben, um sich ihm persönlich empfehlen zu können, da er in einigen Stunden London verlasse, wohin er wahr scheinlich nicht so bald zurückkehren werde.

Heddenheim athmete erleichtert auf, er hatte ein gewisses un behagliches Gefühl nicht los werden können, Renard während seiner Abwesenheit hier zu wissen: nun war auch diese Sorge gehoben. Er dachte an Blanche's heutiges Wesen, das wie ein Abglanz früherer schöner Tage gewesen ja, er liebte sie heiß und leidenschaftlich und es würde, müßte Alles gut werden.

Nach zehn Tagen kehrte er zurück, er hatte unterdeß zwei Mal an Blanche geschrieben, ohne eine Antwort zu erhalten. Es über raschte ihn das nicht, denn er wußte, daß schreiben nicht ihre Sache war sie hatte es ja kaum gelernt. Als er nach seiner Ankunft schnell die Briefe durch seine Hand laufen ließ, die als Privat⸗ korrespondenz auf seinem Schreibtisch uneröffnet liegen geblieben waren, erkannte er auf dem einen Brief Blanche's steile Kinderhand schrift. Ein seltsamer Schreck überfiel ihn, über den er sofort selbst lächelte es war wohl ein Versehen, der Brief hatte ihm nach Er öffnete ihn rasch. Er enthielt nur die Worte:Du findest mich nicht mehr. Ich gehe und wir sehen uns nicht wieder. Blanche.

Im ersten Augenblick meinte er nicht zu verstehen, was er da las, meinte, es müßte ein Sinn darin liegen, der ihm unklar sei. Er warf sich in einen Wagen, um zu ihr zu fahren; dort, in dem kleinen Hause, mußte er sie ja finden. Er trieb den Kutscher zur Eile an, ihm war es, als solle ihm Kopf und Her; zerspringen da lag das Haus vor ihm, öde und leer, Thür und Läden ge schlossen, trotzdem riß er heftig an der Glocke, der schrille Ton gellte ihm entgegen Alles blieb still. So war es Wahrheit, Blanche, sein Weib war fort, entflohen, sie hatte ihn betrogen, getäuscht, seinen Namen entehrt, sie und Renard hatten ein schändliches Spiel mit ihm getrieben, während er sie in seine Arme geschlossen und ihrem Lächeln geglaubt, hatte sie des Andern gedacht und über seine Leichtgläubigkeit gespottet. Seine Liebe, sein Stolz, sein Ehrgefühl, alles hatte dies Weib mit Füßen getreten, er war wie vernichtet.

Er war nach seinem Hause zurückgekehrt und hatte sich in sein Zimmer verschlossen. Was sollte er thun? Zunächst trieb ihn der wahnsinnige Zorn, der in ihm raste, den Entflohenen zu folgen, Rache an ihnen zu nehmen, sie zu vernichten, den schändlichen Be trüger niederzuschießen wie einen Hund, Blanche? sie mit Ge⸗ walt zurückzuführen? auch sie zu tödten? Es waren wilde maßlose Gedanken, die in ihm tobten. Dann wurde er ruhiger, ein grenzen loser Ekel erfüllte ihn, sollte er seine reine Hand besudeln mit dem Blute dieses Menschen, sollte er das Weib, das ihn und seinen Namen so geschändet, wieder zu sich zurückführen, der Wächter der Ehre seines Hauses sein, war diese Blanche denn überhaupt noch sein Weib, wollte er sie noch an seiner Seite, in seinem Hause dulden? Nein, und tausend Mal nein! Freilich hatte sie auch sein Kind mitgenommen; er besann sich einen Augenblick, ob nicht die Pflicht gegen dies es fordere, daß er es den Händen dieser Mutter entreiße nur einen Augenblick: es war ja auch ihr Kind, er hatte es nie geliebt, was sollte er mit dem kleinen Wesen, das ihn

Er umschlang sie doch noch einmal, küßte ihr

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