Ausgabe 
18.7.1886
 
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226.

Um so schlimmer; meine Frau muß jene unglückliche Ver⸗ gangenheit vergessen und darf gerade Beziehungen von damals nicht wieder anknüpfen.

Deine Frau! Deine Frau! was soll sie Alles nicht! Du hättest, ehe Du mich dazu machtest, mir wirklich alle die Bedingungen stellen müssen, die Du daran knüpftest, wer weiß, ob ich sie eingegangen wäre. f

Blanche! Das eine Wort klang beinahe drohend.

Nun ja, Du reizest mich durch Deine Tyrannenlaunen, Du behandelst mich wie eine Gefangene!

Was ich dadurch bewiesen, daß ich Dich heute in's Theater geführt habe, entgegnete er spottend.

Sie zuckte die Achseln, schob ihren Sessel herum und faltete den eleganten Fächer auseinander, ihn so haltend, daß er gleichsam eine Scheidewand zwischen ihr und Heddenheim bildete.

Sie verfolgte scheinbar aufmerksam die Vorgänge auf der Bühne, aber das Vergnügen daran kehrte nicht wieder. Sie dachte immer⸗ fort, wie amüsant sie jetzt mit Renard plaudern könnte und em⸗ pörte sich innerlich dagegen, daß sie sich den Geboten und Verboten Heddenheims fügen gemußt.

Während der Heimfahrt hatte sie sich mißgestimmt in eine Wagenecke gedrückt und als sich Heddenheim vor dem Hause mit einem kurzen Lebewohl von ihr verabschiedete, erwiderte sie es ebenso kühl. Sie saß noch lange vor dem mit zwei Couverts heute nach ihrer Anordnung besonders zierlich geordneten Tisch, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen, die kleinen weißen Zähne so fest in die Unterlippe gepreßt, daß es sie schmerzte. Zuletzt rannen sogar zwei Thränen über ihre Wangen und sie seufzte schwer.

Heddenheim fühlte sich am nächsten Morgen sehr unbehaglich, es war zum ersten Mal, daß er mit Blanche einen Zwist gehabt, zum ersten Mal waren sie im Groll von einander geschieden. Er empfand eine zärtliche Sehnsucht nach ihr und der Versöhnung, bei der sie die ganze Fülle der Liebe empfinden sollte, die in seinem Herzen lebte. Er hatte wohl Unrecht gehabt, nicht darin, daß er jede Beziehung mit Renard abgeschnitten, das mußte sein, nur in der schroffen Art, in der er auch mit ihr gesprochen, er mußte bei seinen Forderungen an sie mit ihrem vergangenen Leben rechnen.

f Es gelang ihm, sich heute um eine halbe Stunde früher aus

dem Geschäfte frei zu machen, und mit einer halb freudigen, halb bangen Erwartung legte er den Weg zu Blanche zurück, freudig, da er sich nach der zärtlichen Versöhnung sehnte, bange, da er sich fragte: wie wird sie mich empfangen?

Mit gerötheten Wangen und glänzenden Augen, ein fröhliches Lächeln auf der Lippe, trat sie ihm entgegen. Sein Herz wallte über in Glück und Liebe; so hatte sie ebenso empfunden wie er!

Meine geliebte Frau! sagte er, ihre Hände fassend. Gerade in dieses Liebeswort legte er in diesem Augenblick sein ganzes Fühlen.

Sie nickte ihm zu und warf dann mit einer triumphirenden Gebärde den Kopf zurück.

Renard ist nun doch bei mir gewesen und ich habe mich eine Stunde lang köstlich mit ihm amüsirt.

Heddenheim fühlte sich einen Moment wie gelähmt. es gewagt? brauste er dann auf.

Natürlich; er sagte, Du könntest Deine gestrige Aeußerung un⸗ möglich ernst gemeint haben, es sei doch selbstverständlich, daß er mich aufsuchte meine Wohnung hatte ich ihm ja gestern gleich gesagt und da war er.

Und Du nahmst ihn an? fragte Heddenheim bebend vor Zorn.

Gewiß hätte ich ihn nicht abgewiesen, doch hatte ich dazu auch keine Gelegenheit, da er ungemeldet bei mir eintrat.

Heddenheim raffte mühsam seine ganze Kraft zusammen; er hatte noch nicht vergessen, daß er bis vor wenigen Minuten sich Vor würfe darüber gemacht, zu hart gegen Blanche gewesen zu sein. So sagte er sehr ruhig, mit einer Stimme, die er dämpfte, um sie nicht vor zorniger Erregung beben zu lassen:Blanche, ich bitte Dich, traue mir, Deinem Mann, der Dich liebt und Dein unser Wohl im Auge hat; Du darfst Renard nicht wieder empfangen, versprich es mir.

Ihr eben noch so strahlendes Gesicht verfinsterte sich und sie ver setzte, sich grollend abwendend:Ich bin nicht Deine Sklavin.

Welche Antwort, Blanche, auf eine Bitte!

Immer dieselbe, ich kenne sie, brach sie aus,ich soll in Ein

Er hat

samkeit und Langerweile verschmachten, meine Jugend vertrauern, meine Schönheit verblühen sehen weil Du mich zu lieben be hauptest.

Heddenheim hatte sich beherrschen wollen, doch dies letzte Wort machte den Becher des Zorns überlaufen.Gut denn, sagte er mit flammendem Blicke,Du willst meine Bitte nicht erfüllen, so wirst Du mir gehorchen. Ich befehle Dir, Renard nicht mehr zu sehen, und werde dafür sorgen, daß es nicht mehr geschieht.

So weit also sind wir, so weit, fuhr Blanche auf,das ist Deine Liebe, Dein Wunsch, mich glücklich zu machen ich dulde es nicht.

Du zwingst mich zu einer Strenge, bei der es mir selbst nicht wohl ist, erwiderte Heddenheim, der sich wieder völlig gesammelt hatte,ich gehe jetzt, das Zusammenbleiben würde für uns Beide nicht wohlthuend sein, ich hoffe, Du gewinnst mit der Ruhe auch bessere Einsicht. Damit verließ er sie.

Am nächsten Tage suchte ihn Renard auf; er empfing ihn kühl und nach einigen höflich gewechselten Phrasen ersuchte ihn Hedden⸗ heim sehr entschieden, seinen Besuch bei Blanche nicht zu wieder⸗ holen, da er nicht wünsche, daß seine Frau Herrenbesuche empfange.

Renard nahm die ziemlich scharf gefaßte Weisung lächelnd hin und meinte, ein solcher Besuch sei nur ein Akt der Höflichkeit gegen eine schöne Frau, mit der man gut bekannt gewesen, doch verstehe es sich von selbst, daß er bei seinem, ja so wie so nur kurzen Aufenthalt ihn nicht erneuern werde, wenn Heddenheim wirklich über seine junge Frau ein solches Klosterleben verhängen wolle, was allerdings da er sie nicht einmal in seinem Hause aufgenommen ein wenig hart sei.

Er hatte das Alles leichthin, im heitern Konservationston ge⸗ sprochen und war dann schnell zu einem andern Thema über gesprungen.

Heddenheim kam von nun an wieder täglich zu Blanche und ermüdete nicht in immer neuen Beweisen der Zärtlichkeit. Er schien es nicht zu beachten, daß sie kühl und verstimmt blieb, ja sogar seinen Liebkosungen sich entzog, er bemühte sich auch, alle den in seinem Herzen aufsteigenden Groll und Zorn, die flammende Eifersucht, die ihn quälte, vor ihr zu verbergen. Jetzt, da ihm die Gefahr drohte, das Glück, das ihn beseligt, zu verlieren, sehnte er es heiß zurück.

Renard's Name war nicht mehr zwischen ihnen genannt worden; glaubte, hoffte Heddenheim auch, daß Blanche ihn nicht wiedergesehen hatte, so peinigte ihn doch der Gedanke an die Möglichkeit, daß er noch einmal versucht, bei ihr Eingang zu gewinnen und doch scheute er sich, durch eine Frage sein Mißtrauen zu zeigen. Unterdeß klang das hingeworfene Wort Renard's mit seinem spöttischen Beigeschmack, seine Frau, die er nicht einmal in seinem Hause aufgenommen, fort und fort in seinem Ohr. Die Pflicht mahnte unablässig, er fühlte, daß, wenn er Blanche's Stellung sichern, ähnliche Erlebnisse wie dies letzte sich und ihr ersparen wollte, er seine Verbindung mit ihr veröffentlichen und sie in sein Haus einführen mußte; nur dadurch konnte er auch die marternde Eifersucht bannen, die ihm immer von Neuem die Stärke seiner Liebe zum Bewußtsein brachte. Und dennoch wich er täglich feige vor dem Entschluß zurück; er sah im Geist die erstaunten, lächelnden, spöttischen Mienen seiner Be⸗ kannten, er empfand die gesellschaftlichen Verstöße, deren sich Blanche wiederholt schuldig machen würde. Um des erhofften Sohnes willen war ihm das Alles unbedeutend erschienen, ja, er hatte kaum einmal daran gedacht, jetzt dünkte ihm das Kind ein Hinderniß mehr: konnte er doch nun vor den Augen der Welt sein längst bestehendes Verhältniß zu Blanche nicht verhehlen.

Wochen gingen in diesem Kampfe hin, bevor Heddenheim zu einem Abschluß gelangte, bevor die Empfindung der Unhaltbarkeit des gegenwärtigen Verhältnisses, seine Liebe zu Blanche und das Gefühl der Pflicht alle Bedenken in ihm besiegte. Und nun es so weit gekommen, erfüllte ihn plötzlich eine heiße Freude, wie auf ein neugewonnenes Glück; war Blanche auch erst im äußeren Sinne des Wortes seine Frau, die Herrin seines Hauses, empfand sie, daß er ihr liebend Alles gab, was der Gatte der Gattin schuldet, dann mußte ja Alles wieder gut, der Schatten wieder gebannt werden, der sich zwischen ihnen zu erheben schien.

Am liebsten hätte er das nun endlich Beschlossene gleich zur Ausführung gebracht, doch stand ihm für die nächste Woche eine Reise behufs Abschuß einer wichtigen Geschäftsangelegenheit bevor, dieselbe konnte nicht aufgegeben werden und mochte ihn acht bis

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