Ausgabe 
18.7.1886
 
Einzelbild herunterladen

len.

lärz fes. itz.

1) f

zu den

HOloyurrhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 18. Juli.

1866.

Die Erbin.

Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.)

Im Theater war Blanche ganz Freude und Bewunderung; der helle Lichterglanz, die geputzten Menschen, Musik und Tanz auf der Bühne, Alles schien sie mit Entzücken zu erfüllen, und sie schwatzte und lachte immerfort, strahlend in Lust und Fröhlichkeit.

In der Pause führte er sie in das elegante Foyer, Blanche warf sich auf eines der Sammtpolster und knabberte an den Süßigkeiten, die ihr Heddenheim gebracht hatte. Er war vor ihr stehen geblieben, um sie dadurch gewissermaßen von der Menge abzutrennen, da es ihm schien, als ob man sie beobachte.

Wie lange habe ich kein Theater gesehen, seit Paris nicht, sagte sie,das ist anders als der Circus des Mr. White

Still, unterbrach er sie.

Sie sah mit einem unbefangenen und erstaunten Lächeln zu ihm empor. In diesem Augenblick hörte er seinen Namen. Er sah sich erschrocken um. Mr. Brooke stand neben ihm, sein Rechtsbeistand in einem unangenehmen Prozeß, in den er verwickelt war.

Verzeihung, daß ich eine so angenehme Unterhaltung störe, sagte er lächelnd, mit einem Blick auf Blanche,doch die Gelegen heit ist so günstig, nur einen Moment, ich gebe Sie sofort wieder frei.

Heddenheim preßte die Lippen zusammen.Erwarte mich hier, ich komme sofort, um Dich zu holen, sagte er zu Blanche und ging dann mit Mr. Brooke, der eifrig auf ihn einsprach. Die Sache war wichtig, es handelte sich um die Verhütung eines nicht unbedeuten den Verlustes, so zog sich das Gespräch in die Länge und es waren zehn Minuten vergangen, bevor er zu Blanche zurückkehrte.

Schon von fern sah er, daß ein Herr neben ihr Platz genommen hatte, mit dem sie in lebhafter Unterhaltung war; als er näher kam, erkannte er Herrn Renard. Er saß in nachlässiger Haltung, den Arm an Blanche vorüber auf die Lehne des Divans gestützt und diese rief Heddenheim fröhlich entgegen:Sieh nur, ein alter Be⸗ kannter, Herr Renard. Er ist, während ich hier still in London gesessen habe, durch die halbe Welt gereist und hat so viel zu er zählen.

Heddenheim war auf das Unangenehmste überrascht; unter allen Menschen war Renard derjenige, dem er am wenigsten hier zu be⸗ gegnen gewünscht hätte. Noch ehe er sich gesammelt, hatte ihm dieser bereits vertraulich die Hand geschüttelt und ihn wortreich begrüßt.

Ich bin erst seit gestern hier, sagte er,und wollte Sie morgen aufsuchen. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die reizende Blanche hier plötzlich, schöner und eleganter denn je, wieder⸗ finde. Ich hatte natürlich keine Ahnung davon, daß Sie Glücklicher unsere holde Freundin dem Käfig des Löwen entführt haben, um sie in dem Ihren gefangen zu halten, setzte er lachend hinzu,denn Blanche erzählt mir eben, daß sie heute zum ersten Mal im Theater ist seit zwei Jahren ist es denkbar, Sie Blaubart!

Mein Herr, versuchte Heddenheim seinen Redestrom zu unter brechen, während er vergeblich strebte, aus der Mischung von Scham, Verlegenheit, Zorn und Eifersucht, die ihn zu bewältigen drohte, die nöthige Besinnung zu einer richtigen und würdigen Antwort herauszufinden.

Ja, ja, ich habe Dich verklagt, fiel ihm Blanche, ebenfalls lachend, in's Wort,daß Du mich in Einsamkeit vergraben hast.

Runzeln Sie nicht die Stirn, Verehrtester, begann Renard von Neuem scherzend,vergessen Sie nicht, daß ich Sie mit Blanche bekannt gemacht habe und daß ich ein alter Freund von ihr bin, der als solcher ein Recht auf ihr Vertrauen hat. Nicht wahr? wandte er sich an Blanche.

Doch bin ich nicht gewillt, irgendwem ein Recht der Freund schaft an meine Frau, er betonte das Wort,zu gestatten, entgegnete Heddenheim kalt.

Ah so! Es war ein beleidigendes Lächeln, mit dem Renard die Beiden anblickte.

Heddenheim merkte, daß er nicht verstanden war und sagte: Ich will es nicht versäumen, Ihnen noch in aller Form meine Gattin: Frau Blanche Heddenheim, vorzustellen. Es ist Zeit, mein Kind, komm.

Er zog Blanche's Arm durch den seinen und ließ mit einer kalten Verbeugung den nun wirklich ziemlich verdutzt dreinschauen den Renard stehen. Doch schon im nächsten Moment war er wieder an ihrer Seite.

Ah, ich bitte um Entschuldigung, ich ahnte nicht, daß ich das Vergnügen hatte, Frau Heddenheim vor mir zu sehen, sagte er, mit der unbeirrten Gewandtheit des Weltmannes,ich hoffe, das Vergnügen zu haben, Ihre Frau Gemahlin morgen in Ihrem Hause begrüßen zu dürfen. Wann darf ich mir erlauben zu kommen?

Die letzten Worte waren an Blanche gerichtet, doch antwortete Heddenheim rasch für sie:Meine Frau bewohnt augenblicklich noch allein eine Villa und empfängt keine Besuche.

Sie hatten die Loge erreicht, er nöthigte Blanche mit einer Handbewegung, einzutreten und verneigte sich gegen Renard, so un verkennbar Abschied nehmend, daß dieser, dem die Situation gleich falls nicht behaglich war, sich nun empfahl, jedoch nicht ohne vor her einen Blick mit Blanche gewechselt zu haben.

Weshalb bist Du so unfreundlich zu Renard? fragte Blanche Heddenheim, während sie in der Loge Platz nahm,und verweigertest es ihm, mich zu besuchen.

Es ist unschicklich, daß eine Frau allein Besuche von fremden Herren empfängt, entgegnete Heddenheim gereizt.

Ich kenne aber Renard recht gut, Du weißt es ja, versetzte sie schmollend.