Ausgabe 
18.4.1886
 
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als schalkhafte, muntere Soubrette so Hervorragendes wie in dramati⸗ schen Partien. Sie ist der entzückendste Page, der je in Figaros Hochzeit die Bühne beschritten hat und ist eine ausgezeichnete Selica. Unerreicht steht ihre Carmen da. In dieser Rolle geht ihre Individualität vollkommen auf und sie bringt eine unvergeßliche Kunstwirkung hervor. Von allen Sängerinnen, die wir bisher kennen

lernten, kommt Pauline Lucca der Diva Patti am nächsten.

R. E.

Auf den Wassern.

Novelle von Konrad Telmann. 4 a a(Fortsetzung.) 199 Als Joseph über die Piazza die Riforma ging und sich gelangweilt seinem Hotel zuwenden wollte, hörte er sich von einem der Cafes, dessen Tische nach Landesbrauch auf dem Straßenpflaster aufgestellt waren, angerufen und sah, als er sich umwandte, zwei junge Männer an einem der Tische sitzen, mit denen er bereits eine Woche im Gasthof zusammen war und eine, wenn auch nicht besonders innige, Bekanntschaft geschlossen hatte. Sie stammten beide, wie er, aus; Oesterreich, ein paar Offiziere, die ihren Urlaub zu einer Reise und längerem Aufenthalt an den oberitalienischen Seen benutzten. Er trat auf sie zu, froh, Gesellschaft und eine die Gedanken abziehende Unterhaltung zu finden, um sie zu begrüßen und auf ihre Ein⸗ ladung hin neben ihnen Platz zu nehmen. Wo, Teufel, haben Sie gesteckt? fragte der eine, ein junger, hochblonder Mann mit einem Anflug von Schnurrbart,Sie müssen während Ihres längeren Hierseins ganz aparte Quellen der Zer⸗ streuung entdeckt haben, während wir uns eben gegenseitig gestanden, daß wir in Folge der Langweiligkeit dieses Daseins unbedingt an die Abreise denken würden, wenn nicht gerade heute ein Magnet hier angelangt wäre, der uns noch länger fesseln wird.Wissen Sie auch, daß man allgemein im Hotel der Ansicht ist, Sie hätten irgend eine geheime Liaison? Joseph lachte gezwungen.

Der Kreis der Unterhaltung bei den Pensionsgästen ist ein so beschränkter, gab er zur Antwort, daß man es Niemanden verargen kann, wenn er über das Wirk⸗ liche hinaus zu Erdichtungen seine Zuflucht nimmt.

Ich muß Ihnen sagen, Herr von Meersberg, fiel der andere Offizier, ein schwarzbärtiger Herr mit etwas gebräuntem Teint und tiefer Baßstimme, ein,diese Erdichtung hat so reelle Grund⸗ lagen, daß man die Diskretion in allen Ehren! verfängliche Schlüsse ziehen darf.

Und die wären? fragte Joseph.

Sie sind bereits vier oder fünf Wochen hier, obgleich der Aufenthalt bei aller Schwärmerei für die Schönheiten der Natur verzweifelt wenig bietet, Sie klagen nie über Langeweile, Sie sind meistens allein, Sie verschwinden zuweilen auf die räthselhafteste Weise von der Welt, und sind des Abends an der Table d'hôte merkwürdig gut gelaunt werther Herr, wenn das keine Symptome sind, so will ich nicht Hans von Pfuhlstein heißen und kaiserlich⸗ königlicher Unterlieutenant sein.

Der Blonde stimmte lachend zu, während Joseph gleichmüthig seinen Sorbetto schlürfte.Das ist allerdings gravirend, ent⸗ gegnete er endlich mit dem Versuche, zu scherzen,und es thut mir um so mehr leid, Ihnen mittheilen zu müssen, daß ich gerade heute, und aus eben dem Grunde, dessen Existenz Sie bei mir ableugnen,

beschlossen habe, meinem Aufenthalt hier ein Ziel zu stecken ich werde morgen oder übermorgen, jedenfalls in den nächsten Tagen, reisen.

Aber wie ist das moglich? fragte Pfuhlstein erstaunt,nach⸗ dem Sie es so lange hier ausgehalten haben?

Joseph zuckte die Achseln.Ich bin auf Reisen gegangen, weil ich daheim nicht wußte, was beginnen, erwiderte er,ich bin eine ganze Weile herumgestreift und habe mich endlich hier für ein paar Wochen zur Ruhe gesetzt, weil ich nichts Besseres zu thun wußte nun ist mir die Einförmigkeit des Daseins hier zuwider ge⸗ worden und ich werde abermals mich auf's Vagabondiren begeben, das ist das Ganze. Aber nun lassen wir diese Angelegenheit schlummern und erzählen Sie mir lieber, welcher Magnet es ist, der Sie noch länger, als Ihre Absicht war, hier festhalten wird. Natür⸗ lich eine Dame.

Errathen, lachte Pfuhlstein, während der blonde Herr von Seewis erröthete. 1 und darf man Näheres erfahren? fragte Joseph. 5 Warum nicht? war Pfuhlstein's Antwort.Sie haben natür⸗⸗- lich von der Gräfin Helmstein gehört? Die beiden jungen Komtessen erschienen im vergangenen Winter zum ersten Male in der Wiener Gesellschaft, die ältere, Gräfin Hermine, hat ungewöhnliches Auf sehen erregt und gilt heute für eine der ersten Schönheiten in der Kaiserstadt. Heute hat sie ein dreispänniger Reisewagen beide nebst der Mutter vor unserem Hotel gelandet. Und da Seewis an dem Triumphwagen der Komteß mitzuziehen beabsichtigt und bereits mm̃ Winter ihretwegen seine Kasse auf un verantwortliche Weise in An- griff genommen hat 6 Lieber Pfuhlstein, fiel Seewis ein,Du wirst anzüglich Lieber Seewis, klang es zurück.Wenn ich im Besitz der Summe wäre, die Du für Bouguets im letzten Winter verschleudert hast, wäre ich ein gemachter Mann. 5 Nun, wie dem auch sei, sagte Joseph lachend,die Hauptsache, die Sie selbst ausgesprochen haben, Herr von Seewis, ist die, daß Gräfin Hermine der bewußte Magnet ist. Das genügt. Die Dame ist also schön? g 5 Blendend wenigstens, entgegnete Pfuhlstein,ein aufmerk samerer Beobachter würde vielleicht der Jüngeren, Komteß Erna, 0 den Preis zuertheilen, die allerdings eine eigenartige, stille, ich möchte sagen madonnenhafte Schönheit hat, die nicht Jedermann auf den ersten Blick zu fesseln versteht, womit übrigens keineswegs gesagt sein soll, daß etwa ich Oh, ich verstehe, fiel Joseph ein,und bin weit entfernt, zu glauben aber der Zufall es ist doch natürlich nur Zufall? hat es wirklich recht gut mit Ihnen im Sinne, daß er Ihnen. die Damen gerade heute entgegen führt, wo Sie bereits die ver⸗ zweifeltsten Entschlüsse gefaßt hatten. 0 Man scherzte so noch eine Weile fort und kam in die lebhafteste Unterhaltung, so daß Joseph den Bann, der auf ihm gelegen, von sich abgeschüttelt fühlte und alle Raketen seiner guten Qaune steigen ließ. Erst spät gingen die Drei Arm in Arm dem Hotel zu Der nächste Tag erhob sich trübe und dunkelgrau. Die Wolken hingen tief an den Bergen herunter, und kein Luftzug rührte sich. Die Natur schien nach wochenlanger Dürre auf den erquickenden Regenguß stille zu warten. Es lag nun doch auch etwas Me 1 lancholisches in diesem Herbstbild. Joseph sagte sich das mit einer gewissen Befriedigung, als er auf den Balkon seines Zimmers hin⸗ austrat und über den reglos schlummernden See hinblickte, in den sich die dunklen Berge spiegelten.Der Traum hier ist zu Ende., sagte er leise,auch hier kommt der Winter. Sollte er wirklich 1 abreisen? Er hatte es gestern leichthin gesagt, ohne es vorher be- dacht zu haben, es lag ja nichts daran, ob er blieb oder ging. Er war frei. Und warum nicht heute abreisen, heute so gut als morgen oder ein paar Tage später? Es ging alles in Einem hin. Ein Ende mußte gemacht werden, je eher, desto besser. Er begann langsam und mechanisch seine Sachen zu ordnen. Hin und wieder unterbrach er sich bei der Beschäftigung und trat hinaus. Es wurde immer dunkler und stiller. Allmälich begann der Regen leise niederzurieseln, gleichmäßig fielen die Tropfen.Es ist gut, dachte er,heute erwartet sie mich nicht, und morgen morgen bin ich weit von hier, für sie unerreichbar. Bei dem Gedanken überkam es ihn doch wieder eigenthümlich. Sollte das Band so jäh zerrissen werden, das zwei junge, heiße Herzen aneinander gefesselt! Er hatte sie ja geliebt vielleicht liebte er sie noch jetzt, er wußte es selbst nicht, er hatte sich wie im Traum und besinnungslos in diesen Rausch gestürzt, von dem nun nichts als Wehmuth für ihn übrig geblieben. Es waren ihm keine schlechten Gedanken gekommen, er hatte der Stimme seines Innern gehorcht, die ihn immer wieder zu dem holdseligen Fischerkinde gerufen, bis ihm die sinnbethörende Stunde vollends die Besinnung geraubt. Und auch dann noch hakte er weiter gelebt, wie bisher, ahnunglos, daß etwas Ent⸗ scheidendes geschehen war, das nicht ohne Einfluß auf sein Dasein bleiben konnte. Nun war er zur Wirklichkeit zurückgerufen, schau⸗ derte vor dem Abgrund zurück, an dessen Rande er gestanden, und wußte doch, daß es für ihn noch eine Umkehr gab für sie keine mehr, und er hatte sie geliebt. Gleichviel, sie war nicht zu retten. Er hätte viel darum gegeben, wenn er es vermocht hätte. Abe der Gedanke, daß er, der reiche Edelmann, eine Fischertochter, ein

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