Ausgabe 
18.4.1886
 
Einzelbild herunterladen

Titelrolle erwies. Die deutsche Sängerin hat dieser französischen Oper Schwingen verliehen. WährendCarmen in Paris kaum einen Achtungserfolg errang und sehr bald wieder vom Repertoir verschwand, übte das originelle Werk Bizet's in Wien und Berlin mit Pauline Lucca in der Titelrolle eine enorme Zugkraft aus. So ist der Weltruf, denCarmen mitlerweile erlangt hat, lediglich der genialen Darstellung der Lucca zu danken.

Die Sängerin wurde in Wien geboren.

Wann?

Ja, das ist eine kitzliche Frage. Lebensalter einer Pri⸗ madonna zu erfahren. Das Konversationslexi kon gab bisher das Jahr 1842 als Geburtsjahr der Lucca an; galante Kritiker ließen sie erst 1844 zur Welt kommen. Beide Angaben wurden jedoch von Sachver⸗ ständigen stark bezwei⸗ felt, weil die Sängerin Anno 1859 bereits in Ollmütz in einer größe⸗ ren Rolle debütirte und bekanntlich die Stimme selbst robuster Mädchen im Alter von 17 Jah-

ren noch nicht die Opernreife erlangt hat. Bei Pauline Lucca er⸗ regten jene Geburts jahre ganz besondere Zweifel, da die Sän⸗ gerin von vermögens losen Eltern abstammte, von der Pike auf zu die⸗ nen gezwungen war und schon im Jahre 1856 als Choristin auf der Bildfläche des Kärnth ner Theaters erschien. Das Geburtsjahr er fuhr dann im Laufe der Zeit eine Korrektur. Die Sängerin war groß⸗ müthig genug, zwei Jahre zuzulegen. Mehr aber konnte sie beim besten Willen nicht thun. Frau Lucca ist also am 25. April 1840 in Wien geboren und erhielt den ersten Gesangsunterricht durch den Chordirigen ten der wiener Karls kirche, Joseph Rupprecht. Als sie ein Kunstfreund in dieser Kirche ein Solo singen hörte, ohne sie zu sehen, lief der selbe nach dem Gottesdienst zu Rupprecht hinauf und fragte nach der Solistin. Jener stellte die Sängerin vor und der Wiener Musik enthusiast brach überrascht in den Ruf aus:Was, das klane Madl hat die große Stimm!

Ihr erstes Debüt bestand die junge Sängerin in Ollmütz und zwar alsElvira in Verdi'sErnani. Im März 1860 trat sie in den Verband des deutschen Theaters zu Prag und hier bereits gelang es ihr durch ihre frische Stimme und ihr originelles Dar stellungstalent das Publikum zu fesseln und die Aufmerksamkeit der Kunstkenner auf sich zu ziehen. Sie erhielt einen Ruf an die königliche Hofoper in Berlin und debütirte daselbst am 1. April 1861 alsValentine in denHugenotten mit gutem Erfolg. Ein neckischer Zufall wollte es, daß sie gerade 25 Jahre später, kurz nach ihrer Wiedergenesung, in Berlin wieder als Konzertsängerin

ichts hält so schwer, als das

Do

N

Nah einer Photographie von Reichardt& Lindner, königl. Hofphotographen in Berlin.

auftrat. Vom Jahre 1861 ab war Pauline Lucca Mitglied der königlich preußischen Hofoper und es gelang ihr in dieser Stellung

sich bald die Gunst des Publikums, wie jene des Hofes in hohem Der König ernannte sie zur Kammersängerin,

Maße zu erringen. Ehren und Auszeichnungen wurden ihr in Hülle und Fülle zu theil.

Nachdem sie mit der Intendanz einen Vertrag auf Lebenszeit ab⸗

geschlossen hatte, glaubten die Berliner, sie werde niemals den ihr lieb gewordenen Wirkungskreis verlassen. Da, im Jahre 1872, als sie sich bereits auf der Höhe ihrer Beliebtheit und ihres Ruhmes befand, brach der Mallinger-Konflikt aus und die nervöse Künstlerin

verließ Berlin mit dem Vorsatz, nie wieder da hin zurückzukehren. Auf dem Theater führt der Wettbewerb

blikums die Streitigkeiten Mathilde Mallinger war aus München im Vollbesitz ihrer schönen Mittel nach Berlin ge kommen und hatte durch ihre künstlerischen Lei⸗ stungen sehr bald warme Sympathien gefunden. Frau Lucca aber gehörte

meisten

süchtigen Divas, welche

und Göttinnen neben sich dulden. Es kam zu Friktionen zwischen den beiden Künstlerinnen, deren Wirkung man selbst auf der Bühne verspürte. Nun bildeten sich im Publikum Par⸗ teien, und wenn die beiden Rivalinnen in der gleichen Vorstellung auf der Bühne erschie nen, so lieferten sich ihre Parteigänger im Par⸗ terre wahre Beifalls schlachten. Es schien da mals, als hätten die Mallinger-Enthusiasten die kräftigsten Hände gehabt, denn diese setzten die Ovationen für ihren Liebling in der Regel noch auf der Straße vor dem Eingang zum The⸗ ater fort. Da sich Pau⸗ line Lucca nun auch durch die Regie in der Rellenvertheilung benachtheiligt glaubte, so machte sie kurzen Prozeß und räumte das Schlachtfeld.

Vielleicht mochten auch ihre ehelichen Verhältnisse zu dem Ent⸗ schluß beigetragen haben, die ihr lieb gewordenen gesellschaftlichen Verhältnisse abzubrechen und von dem Schauplatz ihrer ersten künstlerischen Triumphe zu scheiden. Die Sängerin war mit dem

Baron von Rahden vermählt und es hatte zuerst den Anschein, als f

ob diese Ehe eine recht glückliche sei. Als ihr Gatte im französischen Kriege verwundet wurde, eilte Pauline Lucca unter Besiegung großer Schwierigkeiten auf den Kriegsschauplatz und pflegte denselben mit aller Hingebung. Später trat eine Entfremdung der Eheleute ein und als die Sängerin im Jahre 1873 ihre große Gastspielreise durch die Vereinigten Staaten vollzog, benutzte sie die der Ehe⸗ scheidung günstige Gesetzgebung der transatlantischen Republik und

brach die ihr lästig gewordene Ehefessel. Sie verheirathete sich bald

brach ihren Vertrag und

um die Gunst des Pu⸗

herbei.

derzeit zu jenen eifer⸗

keine anderen Götter