Ausgabe 
18.4.1886
 
Einzelbild herunterladen

*

A 5 8 Ne d 5

thun gedenkt, aber es will mir scheinen, daß er fest entschlossen ist, sich um Dich zu bewerben. Ich weiß nicht, was ich Dir rathen soll, liebes Kind; er hat eine Leidenschaft für Dich gefaßt, das ist klar. Seine Erscheinung ist nur zu bestechend, als daß ich ver⸗ suchen wollte, Dich zu einer nüchternen Prüfung des pour und contre in dieser Angelegenheit zu ermahnen. Lord Graham siegt überall, wo er siegen will; wie sollte ich nun von meiner Adeline erwarten, daß sie klug und bedächtig erwägen soll. An ein stilles friedliches Familienglück ist bei dem excentrischen ruhelosen Mann nicht zu denken das ist eins; er ist nicht in der ersten Jugendfrische und nicht daran zu glauben, daß eine junge Frau nur im Geringsten erwarten dürfte, seine noblen Passionen zu be einflussen; desto unabhängiger wird sie dagegen an seiner Seite leben. Er soll reich sein, ich hörte es kürzlich einen Engländer sagen, der die Graham's in Schottland kennen will. Ihn persönlich kennt er nicht, da der Lord an seinem Heimathland wenig Gefallen zu finden scheint und lieber Entdeckungsreisen macht. Es schien mir, als erwarte er von mir die Versicherung, daß er Deinem Papa ein willkommener Schwiegersohn sein wird, um darnach ein weiteres Vorgehen zu bestimmen. Ich kenne zu wenig Deines Vaters An sichten und weiß nicht, ob ich zu einem Schwiegersohn rathen darf, der so wenig von einem Manne verstanden werden wird, dessen Vergangenheit den schroffsten Gegensatz zu der des Lord Graham bildet. Uebrigens wird es für eine junge Dame, die die Bewunde rung, die ihr zu Theil wird, nicht gerade von sich stößt, gar nicht so unangenehm sein, als Mylady Graham die Welt zu durchreisen. Sprich mit Deinem Vater darüber und thut, was Euch das Beste scheint.

Adeline legte das Blatt bei Seite und ging ans Fenster. Sie sah träumerisch hinab in's Wiesenthal, das sich weit bis zum Flusse hin vor ihren Augen ausbreitete; sie sah, wie die kleine Schwester im weißen Röckchen Blumen auf der Wiese pflückte und mit einem Freudenschrei den Strauß empor hielt, sobald sie Adeline am Fenster erblickte und verlangend rief:Darf ich kommen?

Adeline schüttelte den Kopf und ging vom Fenster. Die glän⸗ zenden Abendgesellschaften standen ihr lebhaft vor der Seele, in denen der Lord gewissermaßen den Mittelpunkt gebildet und sie eine gefeierte Persönlichkeit geworden war. Die andern Männer ver schwanden neben der imposanten Gestalt des Lords; in seiner Art mit den Menschen zu verkehren, zeigte sich eine Ueberlegenheit, die Verdruß und Aerger verursachte, aber die man von keiner Seite angreifen konnte. Und dem langen, halb feurigen, halb zärtlichen Seitenblick aus den dunkeln Augen war schwer zu widerstehen; er war siegesgewiß und wurde entscheidend. Er war erschienen in der Berliner Gesellschaft wie ein Meteor und ebenso war er nach einigen Monaten verschwunden. Als Adeline Berlin verließ, war er seit Wochen abgereist, wohin wußte Niemand. Sein unberechenbares, irrlichtzähnliches Wesen machte ihn um so interessanter und Adeline, die in der Gewißheit ihres Triumphes sich sonnte, wurde erregt, nervös und in der ängstlichen Erwartung seiner Rückkehr war ihr ganzes Sinnen nur auf den Lord gerichtet. Abends in den hell⸗ erleuchteten Sälen konnte er sich kühn der Jugend an die Seite stellen und was sie, umgeben von Musik, betäubenden Wohlgerüchen und Lichterglanz, von Begeisterung für den hochgeborenen, unver gleichlichen Bewunderer ihrer Person empfunden, verminderte sich in den Nachmittagsstunden, wenn das helle Tageslicht bei den kurzen Besuchen auf die hohe elegante Gestalt fiel. Lord Graham war nicht jung, er konnte das Doppelte ihres Alters haben. Wenn auch ein Mann von achtunddreißig Jahren kein alter Mann zu nennen ist, so erschien er doch dem jungen Mädchen, das mit einer ge wissen Vorliebe an die ganze blühende Jugend Eduard van Mossel's dachte, so, als hätte er das Beste von seinem Leben weit hinter sich und ein Gefühl von Verdruß und Unbehagen bemächtigte sich ihrer. Wenn er Adeline klar durchschaut hätte, so würde er nicht umsichtiger in seinem Interesse haben arbeiten können, als durch sein rasches gleichgiltiges Verschwinden. Ihr Stolz war gereizt und nun erst wurde er ihr der Einzige, neben dem alles Andere verschwand. In dieser Stimmung kamm sie in Mandsfelt an; sie war aber nicht niedergedrückt und hoffnungslos, sondern sie wartete.

Heute aber, als sie in dem Salon erschien, in welchem eben Frau van Mossel mit ihren Söhnen eingetreten war, glänzte Ade linens schönes Gesicht von stolzer Freude. Die alte Gewohnheit, die sie seit ihrer Wiederkehr vernachlässigt hatte, wurde heute mit

Vergnügen wieder aufgenommen: sie kam Eduard van Mossel mit der ehemaligen Kinderfreundschaft entgegen und beschäftigte sich nur mit ihm. Gerade so, wie sie früher gethan, legte sie wie selbst⸗ verständlich ihren Arm in den Eduard's und durchstrich mit ihm die Alleen des englischen Gartens. Des jungen Mannes gebräunte 4 Wange färbte sich mit dunklem Roth, als sie die kleine Hand fester auf seinen Arm drückte und ihn mit einem ihrer sengenden Blicke ansah.

e gestehe, was hast Du gegen mich, Eduard? fragte sie rasch. N 9

1 Dich? doch wohl niemals das Geringste, antwortete er verlegen.

Du entgehst mir nicht; gestehe, warum Du ungezogen gegen mich warst, sagte sie ungeduldig.

Er war in sichtbarer Verlegenheit, sein jugendlich schönes Gesicht erröthete tief. Ich ungezogen gegen Dich? fragte er verwirrt. Wenn ich hätte denken können

Also hast Du es mit Absicht gethan auf wessen Geheiß? fragte sie und sah ihm beobachtend in's Gesicht. f

Sie sagen Alle, in Deinen Augen sei etwas Magnetisches, Adeline, sagte er mit einem Gemisch von Verlegenheit und offe⸗ ner Fröhlichkeit.

Und davor wolltest Du Dich hüten, lachte sie geschmeichelt.

Muß ich nicht? fragte er sie mit einem langen Seitenblick.

Warum müßtest Du? fragte sie keck. a Adeline! rief er und ergriff ihre beiden Hände, während sein Gesicht tief erbleichte.Der Preis schien mir so unerreichbar, deshalb

Deshalb dachtest Du, Du müßtest Bruder Georg nachahmen und einfach grob werden. Ja, was hat man davon, wenn man mit solch' einem Menschen aufgewachsen ist und hat ihn herzlich lieb gehabt; kommt man dann nach Jahren zurück und freut sich ihn wiederzusehen, dann sieht man mit einem recht niederdrückenden Gefühl in ein Gesicht, so verbissen und grimmig, als wolle man Einem den Krieg erklären, weil man gewagt hat, groß zu werden und ein Fräulein zu sein. Geh, Du hättest es verdient, daß ich Deine Feindseligkeiten erwidert hätte. Sie zog hastig ihren Arm aus dem seinen und brachte den armen Jugendfreund in keine geringe Bestürzung.

Ich bitte Dich, so war dies nicht gemeint! rief er aus. Wenn Du wüßtest aber ich will schweigen. Wenn Du t über haupt an mich gedacht hast, so erinnerst Du Dich noch des letzten Abends, als Dein Fortgehen mich mehr sagen ließ, als ich Dir damals sagen durfte.

Da kommt uns Deine Mutter entgegen, flüsterte Adeline und zeigte Frau van Mossel ein strahlendes Lächeln. Die Augen der Dame sahen mit Unruhe in das erregte Gesicht des Sohnes, der sein Gleichgewicht nicht wieder gefunden hatte. Als sie im offenen Wagen neben einander saßen und die Jugend vorzog, zu Fuße zu gehen, legte Frau van Mossel fest die Hand auf den Arm ihres ältesten Sohnes und sah ihn traurig an.Du hast Dich von ihr überrumpeln lassen? fragte sie langsam. 5 5

Wahrhaftig, es muß absolut ein erklärter Kriegszustand zwischen den Nachbarskindern etablirt sein der Feind hat mich überrumpelt, sagst Du, rief Eduard mit einem erzwungenen, Lachen.

Du bist nicht offen gegen mich, Eduard, sagte Frau van Mossel mit einem so gedrückten Ausdruck, daß er dem Sohne zu Herzen ging.Warum willst Du mir nicht gestehen, daß Du Adeline liebst? Dein gesuchtes Betragen gegen sie hat Dich verrathen. Nach dem letzten Willen Deines Vaters ist das Gut Dein Eigen⸗ thum, Du bist frei in der Wahl der Gutsherrin.

O ja, ich bin frei, erwiderte er mit einiger Bitterkeit.So lange Du der Ansicht bist, daß Du mit Adeline nicht zusammen auf dem Gute zu leben vermagst, so lange gebe ich für das, was Du meine Freiheit nennst, nicht einen Pfennig.

Frau van Mossel erbleichte.Du liebst sie also sehr? fragte. sie kaum hörbar. i 1

Ja, ich liebe sie so sehr, wie ich nie eine Andere lieben werde! rief er fast trotzig. Nun war sein Geheimniß verrathen, seine Brust hob und senkte sich; sein schönes, kühn geschnittenes Gesicht

vermied den Blick seiner Mutter, seine Augen schweiften wild über

die im Abendsonneuschein ruhenden Felder. f O, vergiß das, mein Sohn, sagte die alte Dame fast flehend.

N