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Im Jahre 1860 sehen wir Liszt in Rom unter dem Schutz des Vatikans. Es gewann damals den Anschein, als wolle der
Künstler, der alle Freuden der Welt genossen hatte, fortan in klöster— licher Einsamkeit leben und in den schattigen Hallen eines Klosters schlug er in der That seinen Wohnsitz auf. Der Papst verlieh ihm auf seinen Wunsch die Würde eines Abbé. Was den Künstler ver— anlaßte, im ewigen Rom den Klosterfrieden zu suchen, läßt sich schwer entscheiden. Ein stark romantischer und auch ein mystischer Zug findet sich ja in seinen Kompositionen und lag also naturgemäß auch in der Seele dieses Tonheros. Vielleicht aber bestimmten ihn auch äußere Momente zur Weltentsagung. Liszt war Zeit seines Lebens ein Liebling der Frauen und manche edle und manche abenteuerliche Frauengestalt ist mit seinem Leben verwebt. In Paris hatte er die aus der Familie Bethmann in Frankfurt stammende Gräfin d' Agoult, geborene de Flavigny kennen gelernt, welche sich unter dem Pseudonym Daniel Stern als Schriftstellerin durch ihre Novellen und geistreichen Aus— sprüche ein gewisses Ansehen erwarb. Die Gräfin verließ ihren Gatten und lebte mit Liszt in wilder Ehe. Sie gebar zwei Töchter, welche Liszt als seine Kinder anerkannte und die er später auch zu seinen Erbinnen einsetzte. Von diesen Töchtern hat die Aelteste den französischen Minister Olivier geheirathet, die zweite, Kosima, den
Pianisten Hans von Bülow und später den Tondichter Richard
Wagner. Später trennte sich Liszt von der excentrischen Gräfin
d'Agoult und die letztere bewies ihm, so oft er nach Paris kam,
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um den Festspielen beizuwohnen.
Klavierschule hinterlassen.
Rhapsodieen.
ihre Feindseligkeit. Liszt trat dann in intimere Beziehung zu der Prinzessin Sayn⸗Wittgenstein, die ihm nach Weimar und Rom folgte und mit der er bis an sein Lebensende in innigster Freund— schaft verbunden blieb. Diese Frau setzte er auch zur Vollstreckerin seines letzten Willens ein. Peinliches Aufsehen erregten vor etwa zehn Jahren„die Memoiren einer Kosakin.“ Die Verfasserin dieses Buches rühmte sich, lange Jahre in vertrauten Beziehungen zu Liszt gestanden zu haben, und die Schilderung, welche dieselbe von seinem Privatleben und Charakter entwarf, ließ den genialen Künstler nicht im besten Licht erscheinen. Lange vermochte derselbe übrigens nicht in der Abgeschlossenheit eines römischen Klosters zu leben. Allmählich kehrte er in die Gesellschaft zurück, besuchte die Feste der römischen Aristokraten und verließ dann Rom ganz, um wieder nach Weimar überzusiedeln. Und Weimar ist bis zu seinem Lebensende dann sein Wohnsitz geblieben. Hier fanden sich wieder Schüler und Schülerinnen in reicher Zahl ein, die seine Unterweisung und seine Empfehlung begehrten, hier baten junge Komponisten um die Gunst, ihm ihre Tonwerke vortragen zu dürfen, hier begehrten Konzertunternehmer und Gesangvereine seinen Rath, wenn es sich um größere Unternehmungen handelte. Das letzte Lebensjahr des Altmeisters glich einem Triumphzug. Er war noch einmal nach Paris und London gegangen, um seine Freunde und Verehrer zu sehen. In Paris bereitete ihm sein Landsmann, der berühmte Maler Munkacsi, einen wahrhaft fürstlichen Empfang, und als Liszt im Salon des Malers vor einer auserlesenen Gesellschaft sich am Flügel niederließ und einige Kompositionen vortrug, entfachte er einen Sturm der Begeisterung. Wie in Paris, so veranstalteten auch in London die Musikfreunde dem greisen Künstler zu Ehren musikalische Aufführungen und Feste und man brachte seinem Genius die feurigsten Huldigungen dar. Im Juli hatte sich Liszt nach Bayreuth begeben, Auch im Hause seiner Tochter war er der Gegenstand zahlreicher Huldigungen. Während der Fest— spiele erkrankte er bekanntlich und verschied nach wenigen Tagen im Kreise seiner Angehörigen und Freunde. ö Franz Liszt gehörte zu jenen Glücklichen, denen es beschieden war, auf den Höhen des Lebens zu wandeln; ihm ging die Sonne des Ruhmes früh auf und sie hat seinen Lebensweg bis an's Ende warm und heiter beleuchtet. Sein langes Leben war reich an Früchten. In seinen„Technischen Studien“ hat er alle Erfahrungen des Pianisten niedergelegt und den Klavierspielern eine ausgezeichnete Von seinen Tonwerken nennen wir nur die Oratorien:„Christus“,„die heilige Elisabeth“, die sympho⸗ nischen Dichtungen:„Prometheus“,„Orpheus“,„Faust“,„die Ideale“ und„Tasso“. Ungemein groß ist die Zahl seiner Variationen, und Auch als Schriftsteller ist Liszt wiederholt mit Glück aufgetreten und hier ließ ihn in der Regel die warme Sympathie der Bewunderung für Berufsgenossen zur Feder greifen. Im Jahre 1851 wies er schon in einer geistvollen Schrift auf den hohen Kunstwerth von Richard Wagner's„Tannhäuser“ und„Lohengrin“
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hin und im Jahre darauf setzte er Chopin ein geistiges Denkmal. Eine sehr originelle Abhandlung hat Liszt außerdem über die un⸗ garischen Zigeuner und ihre Musik geschrieben.
So zeigte sich der größte Virtuose der Gegenwart als ein uni— verseller Geist, der alle künstlerischen Bestrebungen aufmerksam ver⸗ folgte und das wahrhaft Gute und Schöne mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern suchte. Seine Schüler rühmen sein Wohlwollen und seine Herzensgüte, und alle, die ihm nahe standen, waren entzückt von seiner feinsinnigen und liebenswürdigen Natur. Für die Musikwelt ist sein Tod ein herber Verlust. Mag man über den Kunstwerth seiner Kompositionen verschiedener Meinung sein, so viel ist gewiß: Franz Liszt gehörte zu den mächtigen, glanzvollen Künstlererscheinungen, welche weit über's Grab hinaus eine leuchtende Spur hinter sich lassen. R. E.
Lose Blätter.
Sobieski. Es war am 17. Juni 1696. In Warschau herrschte eine Sabbathstille, als ob ein hoher Feiertag wäre. In der Nähe des Königs⸗ schlosses sah man zahlreiche Gruppen, die ihre Augen ängstlich auf den Sitz der Herrscher gerichtet hatten. Drinnen lag aber auf seinem Krankenbette der Heldenkönig Johann III. Sobieski, der Schrecken der Türken und Tataren, der Befreier Wiens. Zahlreiche Aerzte umstanden sein Lager. „Es geht mit mir zu Ende,“ sagte Sobieski. Man vermied direkte Ant⸗ wort und erwiderte:„Wollen Euer Majestät nicht Euer Testament machen.“ „Wozu?“ erwiderte der Leidende spöttisch:„Man hat mir während meines Lebens nur widerstrebend gehorcht, so daß ich nicht annehmen kann, man werde es nach meinem Tode thun.“ W. G.
Wie die großen Tonkünstler schufen, ist ungemein verschieden. Wenn Auber auf seinem Schimmel galoppirend seine Melodieen fand, schuf Beethoven seine Meisterwerke in nächtlicher Stille oder in der Einsamkeit des Waldes, arbeitete der Ritter Gluck am liebsten in Gegenwart der Champagnerflasche im Angesicht einer sonnigen Flur. Mozart schrieb die Arie des Sarastro: „In diesen heiligen Hallen“ und andere seiner wunderbarsten Gesangs⸗ nummern auf der Kegelbahn. Cimarosa arbeitete mitten im Festjubel. Wenn Cherubinis Phantasie erschlaffte, nahm er ein Kartenspiel zur Hand und durchblätterte es. An den bunten Bildern schien seine Schaffenskraft wieder zu erstarken. W. G.
Irene, Gemahlin Sultan Mahomeds II. Mahomed II., einer der grausamsten Herrscher des osmanischen Reiches, hielt als Sieger seinen Triumpheinzug in Konstantinopel, nachdem er den größten Theil des Ostens sich durch die Gewalt der Waffen unterthan gemacht hatte.—
Er überlieferte die eroberte Stadt der Plünderung und machte dabei
für sich selbst unermeßliche Beute. Eines der köstlichsten Theile derselben war ein reizendes Mädchen, Irene, die Tochter eines der edelsten griechischen Geschlechter.
Ihre Reize entzückten und besiegten den Eroberer, der jetzt zum ersten Mal in seinem Leben empfand, was wahre Liebe sei. Nur mit Irene be⸗ schäftigt, vergaß er in ihrem Besitz seine Liebe zum Kriege und seinen
Ehrgeiz; sein Herz schien weicher zu werden unker dem Einfluß seiner
zärtlichen Leidenschaft.
Selten verging früher ein Tag, an dem er nicht das Todesurtheil irgend eines seiner Unterthanen, der ihm zuwider gehandelt oder ihn be⸗ leidigt hatte, unterzeichnete. Jetzt war er menschlich und milde, und schenkte auf die Fürbitte Irenes Manchem das Leben. Irenen wurde die freie Aus⸗ übung ihres Glaubens gestattet, und Mahomed II. begann sich zu erinnern, daß seine eigene Mutter, von christlichen Eltern stammend, ihn in seiner frühesten Kindheit aus der heiligen Schrift unterrichtet hatte. Irene freute sich ihres Triumphes innig, denn sie machte den Kaiser gnädig gesinnt und schmeichelte sich bereits mit der Hoffnung, einst noch den Glauben ihrer Väter auf den Thron Mahomeds zu erheben.
Das Heer aber zitterte vor Besorgniß über die täglich wachsende Macht und den steigenden Einfluß der christlichen Sklavin. Der Großvezier wagte es endlich, den Sultan im Namen der Unzufriedenen zu ermahnen, Ruhm und Ehre nicht zu vergessen. Der Tiger, auf diese Weise rauh aus seinem Schlafe erweckt, erhob sich grausamer und blutdürstiger denn zuvor. Er faßte einen gräßlichen Entschluß, und eilte, ihn auszuführen. Er berief sämmtliche Offiziere in dem Lager zusammen, und führte Irene in deren Mitte, nachdem er ihr zuvor befohlen hatte, ihre Reize durch den kostbarsten Schmuck in das vortheilhafteste Licht zu setzen. Triumphirend zeigte er sie dem sie voll Bewunderung anblickenden Heere und sagte:„Betrachtet sie genau.— Erblickten Eure Augen je ein reizenderes Wesen?— Ihr ver⸗ danke ich das einzige Glück, welches ich je in der Gesellschaft von Weibern genoß. Ich bete sie an, aber ich opfere diese Anbetung und sie selbst dem Ruhm.“
Und indem er so sprach, schlang er die Haare der Unglücklichen um seine linke Hand, riß den Säbel aus der Scheide und trennte mit einem einzigen fürchterlichen Hiebe Irene's reizenden Kopf vom Rumpfe.


