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Es war ein schmales etwas gebogenes Messer, etwa sechs Zoll lang, ein Messer, wie es jeder Italiener der unteren Klassen stets bei sich trägt und mit dem die meisten italienischen Mordthaten be— gangen werden.
Er blickte es lange an. Wenn das leblose Ding nur hätte sprechen können, wenn es die Unthat hätte erzählen können, die es vollbracht!
Auf dem Boden knieend, sah er es in starrem Entsetzen an, dann legte er es wieder in die Grube, die er gegraben hatte, zurück und glättete mit seinem Spaten die Erde, mit der er es wieder bedeckte. Der Boden war so trocken, daß er fast keine Spur von seinem Thun hinterließ. Ernst kehrte er dann nach Hause zurück, von der Wahrheit des Geständnisses, das ihm gemacht worden, fetzt fest überzeugt. Ein paar Leute begegneten ihm auf dem Weg. Bauernjungen, die frühzeitig Vieh auf einen fernen Markt führten. Sie grüßten ihn respektvoll, aber lachten, als sie an ihm vorbei waren.
Was hatte Seine Ehrwürden, wunderten sie sich, zu dieser Tageszeit nur mit einem Spaten zu thun? Grub er etwa nach Schätzen? In der Gegend erzählte man sich nämlich von vielen, vielen Säcken Dukaten, die irgendwo an dem Fluß zu Zeiten des ersten Konsuls, um sie vor den Franzosen zu retten, vergraben worden wären.
Ohne zu ahnen, was sie von ihm sprachen und dachten, ging Gesualdo heim, stellte den Spaten wieder in das Werkzeugshaus, schloß seine Kirche auf, trat ein und blieb lange im Gebet, dann weckte er seinen verschlafenen Glockenläuter und hieß ihn aufstehen und zur ersten Messe läuten. Der Mann stand murrend auf, denn es war noch stockfinster, und erzählte den folgenden Tag den Leuten von dem komischen Wesen des Pfarrers, wie jener die ganze Nacht in seinem Zimmer auf- und abschreite, manchmal mitten in der Nacht ausgehe und über seine Gesundheit und Ruhe klagte. Ein un⸗ behagliches Gefühl bemächtigte sich der Einwohnerschaft.
(Schluß folgt.)
Franz Liszt.
In den ersten Tagen des August ist in Bayreuth ein Mann aus den Reihen der Lebenden geschieden, der einen fast ebenso gewaltigen Einfluß auf das Musikleben der Gegenwart ausübte, wie sein Schwieger⸗ sohn Richard Wagner. Franz Liszt hat seine Laufbahn als musikalisches Wunderkind begonnen und sich dann zum Meister aller Pianisten emporgerungen. Nach Paganini erregte kein Virtuose der Welt so feurige Bewunderung, als der Pianist Franz Liszt. Um ihn schaarten sich in Rom und Weimar die jungen Virtuosen aller Länder. Die Zahl der jungen Talente, welche er ausgebildet, gefördert oder in die Musikwelt eingeführt hat, ist Legion. Er war außerdem ein bedeutender und fruchtbarer Komponist und lenkte als solcher in neue Bahnen ein, indem er für sein individuelles Empfinden neue Kunstformen erfand. Franz Liszt, der König der Pianisten, war, wie Joachim, der König der Geiger, ein Ungar und wurde am 22. Oktober 1811 in Raiding geboren. Sein Vater, ein Beamter des Fürsten Esterhazy, besaß selber musikalische Bildung genug, um dem Knaben den ersten Unterricht auf dem Piano zu ertheilen. Franz Liszt zeigte eine fast an's Wunderbare grenzende Begabung für die Musik, trat schon in seinem neunten Lebensjahre öffentlich auf und erregte durch die weit gediehene Technik Erstaunen. Es nahmen sich dann reichbegüterte ungarische Edelleute, die Grafen Amade und Szarpary des jungen Talentes an, und Liszt's Vater wurde in den Stand gesetzt, mit seinem Sohn nach Wien zu gehen, wo Czerny den weiteren Unterricht übernahm. Nach anderthalb Jahren trat Franz Liszt auch in der alten Kaiserstadt an der Donau mit glänzendem Erfolg auf. Von hier begab er sich nach Paris, wo er Aufnahme im Konservatorium zu finden hoffte. Cherubini, der Direktor dieser Anstalt, wies ihn jedoch mit dem Bemerken zurück, daß er als Ausländer nicht zugelassen werden könne. Zum Glück bedurfte der hochbegabte junge Bursche des Konservatoriums nicht mehr, er spielte in den Salons der französischen Aristokraten, erhielt Einladungen zu den Hofkonzerten und machte durch seine Leistungen so großes Aufsehen, daß sein Name bald in aller Munde war. Von Paris aus unternahm er im Alter von sechzehn Jahren Konzertreisen nach England, die gleichfalls vom glücklichsten Erfolg
gekrönt waren. Die Julirevolution brachte bei Liszt eine große seelische Erregung hervor und unter dem Eindruck derselben schrieb er seine erste Komposition, die er als„Revolutions-Symphonie“ 1 bezeichnete. Paganini, den er im Jahre 1831 zum ersten Mal
hörte, übte einen großen Einfluß auf seine künstlerische Entwickelung N aus. Liezt trat in einen künstlerischen Wettstreit mit Thalberg und es gelang ihm, diesen zu überflügeln. Für seine Stellung in der pariser Gesellschaft ist ein kleiner Zank bezeichnend, den er mit Heinrich Heine hatte. Jener große Lyriker zeigte bekanntlich in der Verbannung Interesse für Berlioz, Liszt und Chopin. Am höchsten stand ihm Chopin, von Liszt aber schrieb er: derselbe stehe im
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Mittelpunkt der Vorstellung, in welcher der Enthusiasmus mit der Ironie den Ton wechsle. Bei seiner Kritik der drei Musiker ging der geniale Heine, wie das seine Art war, auf das persönliche Gebiet über, erfuhr aber dann durch Liszt eine Zurechtweisung, welche wohl beweist, daß der Musiker nicht weniger geistreich war als der. Dichter. Heine hatte über Liszt geschrieben:„Höchst merkwürdig 1. sind seine Geistesrichtungen. Er hat große Anlagen zur Spekulation 5 und mehr noch als das Interesse seiner Kunst interessiren ihn die Untersuchungen der verschiedenen Schulen, die sich mit der Lösung der großen, Himmel und Erde, umfassenden Frage beschäftigen. Er glühte lange für die schöne Saint⸗Simonistische Weltansicht, später umnebelten ihn die spiritualistischen oder vielmehr vaporischen Ge— danken von Ballanche, jetzt schwärmt er für die republikanisch— katholischen Lehren eines Lamennais, welcher die Jakobinermütze aufs Kreuz gepflanzt hat. Der Himmel weiß, in welchem Geistes⸗ stall er sein nächstes Steckenpferd finden wird. Aber lobenswerth bleibt immer dieses unermüdliche Lechzen nach Licht und Gottheit, es zeugt von seinem Sinn für das Heilige, für das Religiöse.“ Liszt befand sich in Venedig, als diese Kritik erschien, und er N antwortete sofort in einem offenen Briefe, worin es unter Anderem. heißt:„Offen gesagt, ich sehe die Veröffentlichung der Gedanken und Gefühle inneren Lebens durch die Presse als eines der Uebel unserer Zeit an. Unter uns Künstlern herrscht der große Mißgriff, daß einer den Andern nicht nur in seinen Werken, sondern auch in seiner Persönlichkeit beurtheilt. Irre ich nicht, so habe ich zur Zeit, als ich im Stillen den Predigten der Saint-Simonisten mit vielen Anderen folgte, aus der Ferne auch Sie, den berühmten Dichter, vordringen sehen bis in das Sanktuarium, zu dem Sie sich später auch furchtlos bekannten, indem Sie dem pere Enfantin ein schönes Buch mit der Bitte dedieirten, durch Raum und Zeit hin-. durch sich mit Ihnen verbinden zu wollen. Etwas später gewährte mir die Güte des Herrn Ballanche eine Begegnung mit Ihnen in seinem Hause und machte mich einige Male zum demüthigen Echo der Bewunderungsaussprüche, die aus Ihrem Munde ihm nur schmeicheln konnten. Es ist wahr, Sie konnten das Kreuz zu Gol⸗ gatha immer besser entbehren als ich, und doch wiesen Sie mit Energie die Beschuldigung zurück, zu jenen zu gehören, die es dem Erlöser der Welt errichtet haben. Und was sagen Sie zur Jakobiner. mütze? Sollte Sie bei eifrigem Nachsuchen wirklich nicht mehr in 1 Ihrer Garderobe zu finden sein?“ 8 1 Diese feine Abfertigung verschaffte Liszt die Achtung der litera.* rischen Kreise von Paris. Vom Jahre 1839 bis zur Revolution des Jahres 1848 bereiste der Künstler fast alle größeren Städte Europa's, um jene Virtuosenkonzerte zu geben, welche ihm Lorbeeren und Gold in Hülle und Fülle einbrachten, dann wurde er wander müde und ließ sich in Weimar nieder, wo ihm der Großherzog längst die Stelle eines Hofkapellmeisters und ein schönes Haus als Wohn⸗ sitz angetragen hatte. Liszt ließ sich auch in dem Lieblingssitz der Musen an der Ilm nieder und sammelte einen Kreis von Schülerinnen 1 und Schülern um sich, welche er mit Eifer unterrichtete. Außer- dem schuf er in Weimar eine große Anzahl von Kompositionen und bot von hier aus seinen ganzen Einfluß auf, um den Musik- dramen Wagner's die Wege zu ebnen. Die Neidlosigkeit ist eine der schönsten Charaktereigenschaften Liszt's. Wie er mit dem vollen Gewicht seiner künstlerischen Autorität für Wagner eintrat, mit dem 3 er sich geistig verwandt fühlte, so ebnete er auch jungen Pianisten* in aufopferndster Weise den Weg zum Ruhm. Das beredteste Zeug⸗ niß hierfür bot wohl der geniale Karl Tausig, welcher als Knabe Auf⸗ nahme und die liebevollste Unterweisung im Hause Liszt's empfing, und der selbst durch seine leichtsinnigen Streiche den Meister nicht zu erzürnen oder in seiner zärtlichen Fürsorge irre zu machen ver⸗ mochte. 1
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