Ausgabe 
17.10.1886
 
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frugales Abendessen auftrug.

Die Leute in Marca sagen schon, Sie denken viel zu viel an diese Geschichte. Die Leute raunen sich sogar zu, Sie vernachlässigten darüber Ihre heiligen Pflichten, bemerkte sie, während sie ihm sein Verbrechen werden, so lange die Welt steht, begangen werden. Warum sollen da gute Menschen über etwas, was einmal nicht zu ändern ist, außer Fassung gerathen?

Gesualdo antwortete nicht, aber die Wirthschafterin sah seine Lippen beben.Es kommt mir nicht zu, Ehrwürden an Pllicht zu gemahnen, fügte Letztere in scharfem Ton hinzu,aber die Leute sagen, sich um eine Verbrecherin so zu ängstigen hieße den Guten Unrecht thun.

Gesualdo streckte seine Hand leidenschaftlich über den Tisch. Wie kannst Du es wagen, sie eine Verbrecherin zu nennen? rief er.Ist ihre Schuld schon bewiesen?

Candida sah ihn mit verschmitzten argwöhnischen Blicken an, wie sie den Salatnapf niedersetzte.

Ich habe noch keinen gesprochen, der daran zweifelt, sagte sie grausam,außer Ehrwürden und ihr Schatz drüben im Schloß.

Ihr seid alle viel zu sehr geneigt, das Schlechte zu glauben,

sagte Gesualdo mit nervöser Hast. Und er stand auf, ließ sein

Essen unberührt stehen und ging zum Hause hinaus.

Er ist ganz außer sich um dieses Frauenzimmers willen, dachte Candida, und nachdem sie eine Weile auf sein Zurückkommen ge wartet hatte, setzte sie sich hin und verspeiste den Salat selber.

Waren Verbrechen gleich in der Welt so gemein wie Fliegen im Sommer auf dem Pflaster, so sah sie doch nicht ein, warum das gute Essen darum verkommen sollte.

Nach dem Essen nahm sie ihren Rocken und ging und setzte sich auf die niedrige Mauer, die den Kirchen-Grund und Boden von der Straße trennte und klatschte mit den Dorfbewohnern. Kein einziger in Marca hatte je so viel zu thun, um nicht zum Klatschen ein paar Minuten übrig zu haben, und die Kirche war ein be liebter Halteplatz für die sonnenverbrannten Bäuerinnen, wenn sie vom Felde, aus den Bergen oder von dem Brunnen kamen. Und hier vor ihren Klatschbasen konnte Candida nicht umhin, das eine oder das andere Wort fallen zu lassen, das die Unruhe verrieth, in der sie über die Veränderung im Wesen des Pfarrers lebte. Sie war ihm zugethan und ergeben, aber ihre Ergebenheit war nicht so stark wie ihre Liebe für Geheimnißkrämerei und ihre Ungeduld über alles, was ihrer Neugier eine Schranke entgegensetzte. Sie war sich nicht bewußt, eine Silbe gesagt zu haben, die seinem Ruf nachtheilig sein konnte, indeß alle ihre Nachbaren gingen von ihr fort mit dem Gedanken, daß im Pfarrhaus nicht alles recht ge⸗ heuer sei und daß des Pfarrers Haushälterin, wenn sie wollte, schöne Dinge zu erzählen wußte.

Seit den Tagen des Mordes Tasso Tassilo's hatte sich in Marca ein reges Vorurtheil gegen Don Gesualdo herausgebildet. Ein Mensch, der bei einem solchen Ereigniß, wie dieses war, nicht schrie und zeterte, war zum Mindesten ein unngtürlicher Mensch in ihren Augen. Den Leuten fiel es da plötzlich ein, daß er ausländisches Blut in sich hatte, und daß er sich eigentlich mit Tasso Tassilo's Frau stets freundschaftlicher gestanden hatte, als sich für seinen Beruf schickte.

Falko Melegari wurde von den Behörden der Zutritt zu ihr verweigert. Man war sich nicht klar, ob ihr Geliebter mit dem Verbrechen nach allem nicht doch irgendwie in Verbindung stand. Ueberdies hatte seine ungestüme und unbedachte Sprache bei dem Vorverfahren so gegen jede Sitte verstoßen, daß alle Beamten gegen ihn voreingenommen waren. Diese Maßregel erhöhte den Schmerz, den er fühlte, und reizte ihn gegen den Pfarrer von San Bartolo, dem der Zutritt zu ihr vergönnt ward.

Diese schwarzen Schlangen schlüpfen und drängen sich überall

hinein, dachte er ingrimmig, und er fing an zu wüthen und zu

fluchen gegen das ganze Pfaffengezüchte. 5

Zu Ostern war Gesualdo stets sehr angegriffen; und als Ostern in diesem Jahre herankam und alle die Sünden Marca's in sein Ohr gesenkt wurden, schienen sie ihm gemeiner als je zuvor. Ihrer aller Beichten kamen immer wieder und immer wieder auf ein und dasselbe hinaus. Geiz, Unzucht und Unehrlichkeit. Und Besserung bei keinem. Die ganze Welt schien ihm eine andere zu werden. Es war ihm, als ob die feste Erde unter seinen Füßen nachgebe. Seine großen Augen starrten erschreckt und verwundert vor sich hin, und sein Gesicht ward von Tag zu Tag schmaler.

Es war nach der letzten Messe in der Osterwoche, als ein Mann durch den Abendschatten auf die Kirche zukam. Sein Name war Emilio Raffagiolo, aber er war allgemein nur als Räuber Givellone bekannt. Derlei Spottnamen werden auf dem Lande so häufig gebraucht, daß sie schließlich ganz die richtigen Namen verdrängen und ersetzen. DerRäuber Givellone war ein Fuhrknecht und hatte ein paar Monate in der Wassermühle in Diensten gestanden. Es war ein Mensch von etwa dreißig Jahren mit dunklem Gesicht, verwildertem Haar und braunen schläfrigen aber schlauen Augen. Er war jetzt festtäglich angezogen und trug einen runden Hut schief auf die eine Seite des Kopfes gestülpt. Er nahm ihn beim Be treten der Kirche ab. Er konnte weder lesen noch schreiben, und seine Begriffe von seinem Glauben waren höchlichst und seltsam ver⸗ worrene. Man brauchte, so glaubte er, nur gewisse Förmlichkeiten zu erfüllen, um bei Gott angesehen zu sein. Was man sonst that und trieb, kam nicht in Betracht. Nichts in der Welt kommt in Bezug auf Verwirrung und Unklarheit den Anschauungen des italienischen Bauern über seine Religion gleich. Der Priester ist ihm das, was der Medizin-Mann dem Wilden ist. Seinen Rath hat er längst aufgehört zu achten, nur für sein Amt hat er sich noch ein aber⸗ gläubisches Gefühl erhalten. Dieser Mensch nun betrat, seinen Hut abnehmend, die Kirche und ging auf den Beichstuhl zu, sich dabei bekreuzigend, Gesualdo machte sich mit einem Seufzer bereit, seine Beichte anzuhören, obgleich die Stunde keine übliche war und die Anstrengungen des Tages ihn so ermüdet hatten, daß sein Kopf ihm zu schwindeln begann. Indeß physische Schwäche hatte er noch nie vorgeschützt, hieß es den Pflichten seines Berufes gerecht zu werden. Und so setzte er sich hin und erwartete, den Fuhrknecht erkennend, müde das alte hundertfach gehörte Sündenregister von neuem vorerzählt zu bekommen. Sein Gewissen warf ihm seine Apathie vor. Hatte er nicht diesen ungeschlachten, vertrunkenen Fuhrknecht ebenso gerne und freundlich wie jeden anderen zur Beichte zu empfangen?

Der Mann beantwortete die üblichen priesterlichen Fragen ab gebrochen und mürrisch. Er mußte thun, was er that, er konnte nicht anders, weil ihn sein Aberglaube dazu trieb, der im Augen blick in ihm die Oberhand hatte. Indeß war er ingrimmig gegen sein eigen Gewissen und in Angst vor dem, was er that. Seine Glieder zitterten, es war ihm, als ob seine Zunge schwölle und größer würde als der Mund und ihm den Dienst versagte, wie er endlich mit dicker und belegter Stimme herausstieß:

Ich war's ich habe ihn ermordet.

Wen? fragte Gesualdo, dem das Herz plötzlich still stand. Ohne die Antwort zu hören, wußte er, was herauskommen würde.

Den Müller Tassilo, sagte der Fuhrknecht; und so weit mit seiner Beichte gekommen, gewann er Vertrauen und Muth wieder, lehnte sich dichter an Gesualdo's Ohr und gestand mit einer sellsamen Art von Stolz, wie und warum er die That begangen hatte.

Ich wollte nach Südamerika fort, murmelte er.Ich habe einen Verwandten drüben, der sagt, daß man dort leicht Geld ver dienen kann und wenig zu arbeiten braucht. Ich hatte mir längst vorgenommen, Tassilo zu berauben, aber ich wagte es nicht. Er schloß das Geld fort, sobald er es einnahm, und wenn die Summe noch so gering war, und erst wenn er zur Bank ging oder Staat für seine Frau kausen wollte, holte er seine Schätze wieder hervor.

Den Tag vor Peter und Paul nun hatte er, wußte ich, sieben hundert Franken für Weizen erhalten. Ich sah, wie er das Geld in sein Pult verschloß und hörte ihn zu seiner Frau sagen, daß er es am nächsten Tag in die Stadt tragen würde. Dies geschah am Vormittag. Am Abend geriethen die Eheleute in Zank. Sie reizte ihn und er drohte ihr. Die Nacht lang paßte ich ihm auf. Er war vor Morgengrauen schon wieder auf, schloß und riegelte die Mühle selber auf, rief den Werkführer und sagte diesem, er ginge in die Stadt und gab an, was ein Jeder von uns thun sollte. Ich werde den ganzen Tag fortbleiben, sagte er. Es war noch dunkel. Ich stahl mich, unbemerkt von den Leuten, ihm nach. Ich dachte mir, ich wollte ihm sein Geld auf dem Gang zur Post in San Arteero abnehmen. Morden wollte ich ihn nicht, nur sein Geld wollte ich haben. Damit konnte ich nach Amerika hinüber und es drüben eine Weile aushalten. Das war mein Vorsatz. Geld spielt einmal die erste Rolle im Leben. Und so ging ich dem Müller eine ganze Strecke nach, ehe ich den Muth zu dem Augriff fand. Er sah mich nicht wegen des Rohres. Da kam er auf das