oder nie!“ Ich sprang auf ihn zu und stach ihn unter die Schulter.
Er fiel wie ein Stein. Ich durchsuchte ihn, aber in seinen Taschen
war weiter nichts als ein geladener Revolver. Ich glaubte, er sagte nur so, daß er zur Stadt gehen wollte, um unverhofft zurückzukehren und die Liebenden beieinander zu finden. Ich vergrub das Messer unter die Pappel ein paar Ellen ab von dem Ort, wo er fiel. Ich hätte es in den Fluß werfen können, doch es heißt, Mordsachen schwimmen stets oben. Dann wandte ich mich ab, so um eine neue Hoffnung gekommen, ging zur Mühle zurück und an meine Arbeit, bis die Leute kamen und die Müllerin herausriefen und ihr alles erzählten. Da that ich, als wüßte ich von nichts und ging mit den anderen mit hinunter an die Stelle der That. Das ist alles, was ich zu beichten habe.“
Der Mann, der dies Geständniß abgelegt hatte, war jetzt ruhig und kalt, während der Priester, der es gehört hatte, vor Ent— setzen bleich bis auf die Lippen geworden.
„Aber gegen seine Frau richtet die Anklage sich. Sie wird verurtheilt wer— den,“ rief er in Todes— ängsten.
„Ich weiß,“ antwortete der Mann verdrießlich. „Sie können aber nicht von mir sprechen. Ich habe es Ihnen unter dem Siegel der Beichte an— vertraut.“
Das war die Wahr⸗ heit. Geschehe was wollte. Gesualdo durfte nimmer offenbaren, was er gehört hatte. Vor seinen Augen flimmerte es, der Kopf wirbelte ihm, Todesohn— macht kam über ihn. Der Gedanke, daß der Mörder Tasso Tassilo's dicht vor ihm stand, daß seine Au— gen ihn anstarrten, daß seine Stimme es war, die zu ihm sprach, daß er der Gerechtigkeit zu Hilfe kommen und die Unschuld retten konnte und es doch wieder nicht durfte,— das Alles benahm ihm mit seiner Schauerlichkeit fast die Sinne. Er verlor ganz das Bewußtsein, wie er dort kniete und auf das Holzwerk des Beichtstuhles vortaumelte. — Seine Lehrer hatten Recht gehabt, wenn sie in den Tagen des Noviziates von ihm gemeint, er wäre nicht aus dem zähen Stoff, den des Lebens Grausamkeit verlangte.
Als er sich einigermaßen wieder zu sammeln anfing und die Sinne ihm allmählich unter einem seltsamen, dumpfen prickelnden Schmerz in den Gliedern und im Hirn wiederkehrten, war die Kirche völlig dunkel und der Mann, der die schauerliche Beichte abgelegt hatte, fortgegangen.
Gefualdo raffte sich mit Gewalt auf, setzte sich auf den Holzsitz nieder und versuchte zu denken. Er schämte sich bitter seiner eigenen Schwäche. Was taugte er, wenn er, der Menschen Hüter und Leiter,
Zur Kirchweih.
Nach dem Originalgemälde von Aug Müller.
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bei dem ersten Schreckenswort wie ein Weib ohnmächtig wurde und nicht einmal die Sprache zu dem Fluch fand, den er gegen den Bösewicht hätte aussprechen müssen. Hatte man ihn, daß er sich so feig benehmen sollte, zum Diener der heiligen Kirche ernannt?
Es war Mitternacht, als er mit zitternden Gliedern aus dem Kirchenportal herauswankte und die Steintreppe nach seiner Schlaf— kammer hinaufklomm.
Candida öffnete ihre Thür, steckte ihren Kopf hinaus und rief ihm zu:
„Wo haben Sie nur so lange gesteckt, während hier Ihre Lampe umsonst herunterbrannte und Ihr schönes Bett auf Sie wartete. Sie sind kein so kräftiger Mann, daß Sie so spät ausbleiben dürfen, und für einen Geistlichen schickt es sich überhaupt nicht.“
„Schweigen Sie,“ sagte Gesualdo in einem Ton, den sie noch nie von ihm vernommen hatte. Er ging hinein und schloß sich ein. Er sehnte das Licht des Morgens herbei und doch graute ihm davor.
Als die Dämmerung kam, brachte sie ihm auch weiter nichts als die Kennt— niß, daß der richtige Mör⸗ der da war, dicht in seiner Nähe und daß er densel— ben nicht anzeigen könne, um die Schuldlose zu retten. Die gewöhnlichen Wochentagsbeschäftigun— gen nahmen seine Zeit in Anspruch und er erledigte sie mit mechanischer Pein— lichkeit, aber er sprach alle seine Worte wie in einem Traum und er sah alles, was ihn umringte, wie durch einen dichten Nebel.
Seine kleine Behau— sung mit dem schwarzen Cypressen Schatten davor, die ihm einst das Heim des vollkommensten Frie— dens geschienen hatte, kam ihm jetzt plötzlich wie ein Kerker vor, in dem ihm das Herz absterben mußte.
In der Mitte der Nacht zu Ende der Woche stand er, von einem unabweis— baren Impuls getrieben auf, zündete sich eine La— terne an und stahl sich heimlich wie ein Dieb auf verbrecherischem Weg aus seiner Thür, nahm sich den Todtengräberspaten aus dem Werk— zeugshaus und huschte durch den Schatten an die Stelle, wo Tasso Tassilo's Leiche gefunden worden war. Im Mondlicht stand dort hoch und schlank die von dem Fuhrknecht in seinem Geständniß be— zeichnete Pappel. Die Vögel, die seit Stunden fest in ihren Zweigen geschlafen, wachten von seinen Fußtritten auf. Er setzte seine Laterne auf den Boden, den die Strahlen des Mondes durch das Geblätt nicht trafen, und fing an zu graben. Er grub eine ziemliche Weile erfolglos. Dann endlich stieß sein Spaten auf etwas Festes in dem trockenen Lehmboden; es war wirklich ein Messer. Er nahm es schaudernd auf. Dunkelrothe Flecke waren auf der Stablklinge.


