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Strohhalm aufwog, und von Don Gesualdo, der ja freilich ein Priester war, der jedoch durch die nervöse Angst, mit der er sie ver⸗ theidigte, der Beschuldigten eher Schaden zufügte als Nutzen brachte.
„Sie wissen, ich bin unschuldig,“ rief sie Gesualdo am Tage ihrer Verhaftung zu und er antwortete ihr mit Thränen im Auge: „Ich bin davon überzeugt; ich gäbe gerne mein Leben, es zu be⸗ weisen. Einen Augenblick— aber nur einen Augenblick hatte ich freilich ja auch Verdacht. Doch jetzt weiß ich es anders und bin darin so sicher, wie ich weiß, daß die Sonne vom Himmel strahlt.“
Doch sein Glauben konnte seine Umgebung nicht überzeugen. Das herrschende Gefühl unter den Leuten in Marca war gegen sie, und angesichts dieses Gefühles und der allbekannten Zwistigkeiten, welche die letzten Tage ihres Mannes verbittert hatten, glaubten die Behörden auf jeden Fall ihre Verhaftung anordnen zu müssen. Selbst ihre Schönheit ward eine Waffe gegen sie. Es schien den Anklägern ganz natürlich, daß eine so hübsche, junge Person den Wunsch gehegt haben konnte, sich von einem alten, griesgrämigen ungeliebten Mann zu befreien. Umsonst— vollständig umsonst verschwor sich Falko Melegari hoch und theuer, daß sein Verhältniß zu ihr ein vollkommen schuldloses gewesen sei. Kein einziger schenkte ihm Glauben.
„Sie müssen das ja nur so sagen,“ meinte der Richter mit launiger Ungeduld.
„Aber Gott im Himmel, wenn ich schwöre, daß dem so ist,“ rief Falko.
„Dem ist ja stets so, wenn der Galant ein Ehrenmann ist,“ erklärte der ironische Richter mit ungläubigem, vergnügten Lächeln.
Nachdem man so ihre einzigen Vertheidiger als unzuverlässig hingestellt hatte, ward sie nach Vendramino gebracht und dort hinter Schloß und Riegel geführt, bis die Majestät des Gesetzes ent— scheiden würde, ob sie schuldig oder nicht schuldig sei an dem ge⸗ waltsamen Tod ihres Gatten. Die Leute in Marca waren zufrieden.
So ward Generosa von den Gerichtsdienern fortgeführt und Marca sah ihr hübsches Köpfchen mit den Silbernadeln in seinen üppigen Flechten sich nicht mehr zu den viereckigen Mühlenfenstern hinauslegen. Die Mühle aber ging darum ihren Gang weiter. Tasso Tassilo's Bruder, der stets einen Antheil daran sowohl an Arbeit wie an Verdienst besessen hatte, übernahm jetzt die Leitung der Wirthschaft. Der Mord diente noch zur Weinlesezeit, ja bis zur Maisernte und noch später den Leuten als Gesprächsstoff. Wie die Nächte lang und die Tage kalt wurden, hörte er nach und nach auf das Hauptthema des Interesses zu sein. Keinem Einzigen fiel es ein, Zweifel an der Schuld der Verhafteten zu hegen, oder sie zu bedauern, wenn man auch allgemein geneigt war, zuzugeben, daß ihre That, alles richtig erwogen, nicht ganz unnatürlich schien. Ihre eigenen Angehörigen waren zu arm, um ihr irgendwie zu Hilfe zu kommen.
Dem Pfarrer von San Bartolo ward es ein paar Male ge— stattet, sie im Kerker im Beisein des Schließers zu besuchen, aber er hatte auch nicht mehr zu thun vermocht, als mit ihr zu weinen und sie mit seinem persönlichen Glauben an ihre Unschuld zu trösten. Er fand sie so ungeheuer verändert vor, daß er erst kaum die Sprache finden konnte; und er dachte bei sich, wie er sie so gealtert und vergrämt sah, was würde es ihr nützen, spräche man sie frei. Viel⸗ leicht, daß ihr noch größere Enttäuschung bevorstünde. So wie sie war, würde ihr Liebhaber sie kaum noch ansehen.
Falko Melegari liebte sie ja freilich innig und glühend. Doch mit jenem Scharfsinn, der in delikaten Naturen oft das Wissen ersetzt, das ihnen von der Welt mangelt, fühlte Gesualdo heraus, daß diese seine Liebe nicht eine solche war, die der Zeit und dem Verlust physischer Schönheit zu trotzen vermochte. Vielleicht hatte Generosa auch das gleiche Gefühl, und vielleicht that ihr dieses Bewußtsein weher noch als die Einsamkeit der Haft.
III.
Der Winter verging, und mit dem Februar breitete das Korn einen grünen Teppich über das Land. Die Mandelbäume blühten auf den Bergseiten, die Veilchen öffneten den Windröschen den Weg und die Weiden schlugen neben der Wassermühle aus. Zur Feier des Karnevals erklang im Dorf und auf den Gutshöfen die Laute,
von San Bartolo fastete und betete und hoffte Gnade im Himmel,
wenn nicht auf Erden, für Generosa in ihrem Unglück zu erwirken. Tag und Nacht quälte er sein Hirn, um irgend einen Anhalt zu finden, wo der Mörder zu suchen sein könnte! Generosa bekam er keinen Augenblick mehr in Verdacht. Wären selbst die Apostel und alle Heiligen seiner Kirche auf die Erde herabgestiegen, um gegen sie zu zeugen, er hätte ihnen zugerufen, sie ist dennoch unschuldig! Hatte er sie doch gekannt, seit sie ein kleines baarfüßiges Mädchen sich am Strand Bocca d'Arnos um ihn getummelt. Höchst harmlos war ja freilich sein ganzer Verkehr mit der Frau Tasso Tassilos gewesen; doch ihm schien es, als ob das Interesse, das er an ihr ge— nommen, die Freude, die er an der Unterhaltung mit ihr empfunden hatte, schon sträflich gewesen. Es hatte ja gar Momente gegeben, in denen seine Augen, die in ihr nur eine Seele zum Retten hätten sehen dürfen, ihre leibliche Schönheit bemerkten und auf ihr mit fleischlicher Bewunderung ruhten. eigenen Augen zu einem Schuldigen zu stempeln. Diese Angst, die er jetzt um sie empfand, war der versönlichen Zuneigung ent⸗ sprungen. Er wußte es, und dies Bewußtsein stieß ihn vor die Füße seines Kruzifixes.
Er wußte auch, daß er ihr durch seine verworrenen Zeugen⸗ aussagen und durch den Eifer, womit er unklugerweise eine Unschuld zu versichern suchte, die er nicht beweisen konnte, geschadet hatte. Er mehr als jeder andere hatte dazu beigetragen, den düsteren Verdacht auf sie zu werfen. Er mehr als jeder andere hatte geholfen, ihr den irdischen Frieden und das irdische Glück für immer zu rauben.
Selbst wenn man sie vor den Schranken freisprach, würde sie ihr Leben lang geschändet bleiben. Selbst ihr Geliebter hatte ja bereits erklärt, daß er sich schämen würde, an hellem lichten Tag an ihrer Seite zu gehen, so lange von der Schuld der geringste, wenn auch unbegründete Flecken an ihr haftete.
Candida sah ihren Herrn von Tag zu Tag dünner und schatten⸗ hafter werden, was sie mit wachsender Besorgniß erfüllte. Fasten, wußte sie, war nöthig, sonderlich für einen Priester und überhaupt im Frühjahr, aber er rührte auch nicht an, was er ruhig hätte essen können. Die frischgelegten Eier und die leckeren Salate, die sie zurecht machte, lockten ihn nicht. Kein Mensch aber, sagte sie zu ihm, könnte allein von Luft und Wasser leben wie er.
„Alles mit Maaß, selbst die Frömmigkeit,“ meinte sie zu ihm,
und er gab ihr Recht.
Aber er änderte darum nicht seine Lebensweise, die eher die eines Mönches eines strengen Ordens als die eines Dorfgeistlichen war.“
Das Volk in Marca merkte nur zu wohl die große Veränderung, die mit ihm vorgegangen. Bleich war er stets gewesen, doch jetzt sah er fahl wie sein elfenbeinerner Christus aus. Schweigsam war er wohl auch stets gewesen, doch hatte er stets freundliche Worte für die Kinder und das Alter gehabt; und diese fand er jetzt auch nicht mehr. Die achtlose und mechanische Weise, mit der er sein Amt ausübte, kontrastirte seltsam zu den leidenschaftlichen verzweifelnden Rufen, die ihm aus dem Innersten der Seele zu kommen schienen, wenn er predigte, und die seine ländliche Zuhörerschaft, die voll— ständig unfähig war, ihn zu fassen, fast erschreckten.
„Man möchte beinahe glauben, der gute Parrocco habe eine schwere Sünde auf dem Gewissen,“ meinte eine Frau eines Abends zu Candida. g
„Bewahre; er ist rein wie ein Lamm,“ antwortete Candida ihren Spinnrocken drehend.„Aber er war von jeher hilflos und kindlich, zu sehr in himmlische Dinge vertieft— mögen mir die Heiligen diese Meinung vergeben.“
Doch die Haushälterin war in ihrem Innersten ebenso bestürzt
über die Aenderung, die sie an ihrem Herrn erlebte. Sie schrieb
sie ganz richtig seiner Angst zu, in der er um die Gefahr Generosa
Fe's lebte; doch diese Angst an sich schien ihr ungehörig für Jemand.
von seinem heiligen Beruf. Solche Person, wie die Müllersfrau war, verdiente es gar nicht, daß sich ein so frommer Herr um sie so viele Gedanken machte.
Ein Zweifel konnte doch überhaupt nicht mehr sein, daß sie am Abend vor Peter und Paul in den Rohrgebüschen das Messer ge— führt hatte, dachte Candida, unter deren Tugenden Barmherzigkeit die größte nicht war. Doch was hatte damit der Parrocco zu thun?
In ihrer rauhen halb mütterlichen Weise suchte sie ihren Herrn
für sein übergroßes Interesse an einer solchen Sünderin zur Rede zu stellen. 5
Das genügte, ihn in seinen
Böllerschüsse wurden abgegeben und es wurde gezecht. Der Pfarrer
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