Ausgabe 
17.10.1886
 
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zu den

Oberhessischen Nachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 17. Oktober.

Don Gesualdo.

Von Ouida, deutsch von Arthur Roehl. (Fortsetzung.)

Dae Peter-Paulsfest war ein Tag des Unglücks und der Ver wirrung geworden, doch der biederen Einwohnerschaft von Marca hatte es Abwechslung genug gebracht. Sie hatten einmal etwas, wovon sie vom Morgen bis zum Abend reden konnten.

Wie dieser Tag verging und was er an demselben gethan, wußte Gesualdo nicht. Es war wieder finstere Nacht geworden, als er, noch immer angezogen und außer Stande, auch nur einen ruhigen Gedanken zu fassen, das Kruzifix in seinen Händen pressend und sein enges Zimmer mit rastlosen Schritten auf- und niederschreitend, plötzlich draußen seinen Namen rufen hörte. Er trat an das Fenster, öffnete und sah Falko Melegari auf seinem Apfelschimmel, der mit Schaum und Schweiß bedeckt war.

Ist es wahr? rief jener entsetzt wohl ein Dutzend mal hinter einander.

Ja, es ist Alles wahr! antwortete Gesualdo. Seine Stimme war streng und kalt. Er fragte sich, welchen Antheil dieser Mann an dem Verbrechen gehabt haben mochte.

Aber sie ist unschuldig wie dieser Vogel in der Luft, brach ihr Liebhaber hervor und zeigte auf eine Ohreule, die über die Cypressen hinsegelte.

Gesualdo neigte sein Haupt.

Ich ritt schon in aller Frühe nach der Stadt zum Vieh-Ein kauf, fuhr der Verwalter schluchzend fort.Ich ritt die andere Straße hinaus und ahnte von Nichts. Oh, mein Gott, warum war ich nicht hier! Sie hätten es nicht wagen sollen, sich an ihr zu vergreifen. f

Sie hätten ihre Sache wenig gefördert, meinte Gesualdo kalt. Sie haben ihr schon so genug geschadet, fügte er nach einer Weile hinzu. Falko nahm die Worte nicht übel, die hellen Thränen rollten über seine Wangen, seine Hände klammerten sich an dem Sattel⸗ bogen fest, das Pferd streckte unbeachtet seinen schaumbedeckten Hals zu Boden.

Wer war es? Wer kann es gewesen sein? Er hatte viele Feinde, er war ein harter Mann, murmelte er.

Gesualdo machte eine Geberde hoffnungslosen Zweifels und voll ständiger Ahnungslosigkeit. Er blickte nieder auf des jungen Mannes hübsches vom Mond beschienenes Gesicht. Ein seltsamer Ausdruck lag in seinen Augen.

Du grausamer, kaltherziger Pfaff, dachte der junge Verwalter mit Bitterkeit. Dann warf er kurz sein Pferd herum und ritt ohne ein weiteres Wort durch die schimmernde weiße Nacht heim⸗ wärts, um sein müdes Pferd in den Stall zu bringen und sich ein anderes zum Ritt nach dem Flecken San Arturo zu satteln. Es war Mitternacht vorbei, er konnte Niemand mehr sehen, keinen sprechen, aber es war ihm eine Erleichterung, sich zu bewegen. Es

war ihm, als müsse er ersticken, wollte er jetzt wie sonst sich in seinem großen stillen Haus zwischen den Magnolien und Myrthen hinsetzen und essen und trinken und rauchen, jetzt wo die Liebe seines Lebens vor Gram und Kummer verschmachten mußte.

Alle die Freude, die seine Seele über einen natürlichen Tod Tasso Tassilo's erfüllt haben würde, war von dem Schreckensgedanken zerstört, daß dies Verbrechen auf ihr Haupt zurückfallen könnte. Er selbst nährte nicht einen Augenblick gegen sie Verdacht, aber er wußte, daß Andere sie mehr als beargwohnen würden.

Vielleicht, daß der Mensch sich selbst umgebracht hat, dachte er,damit die Schande der That auf sie fiele und sie von mir trennte!

Doch dann sagte er sich wieder, daß ein solcher Gedanke voll ständig ausgeschlossen sei. Tasso Tassilo hatte seine Frau geliebt und an seiner Mühle und an seinem Gelde gehangen. Wer könnte sich auch von hinten unter den Schultern selber erstechen? Es war ganz der Stich eines starken und doch furchtsamen Weibes. Wie er auf- und abschritt auf der alten Terrasse, während man das Pferd für ihn sattelte, fühlte er sich von einem eiskalten Schauder überlaufen. Er hatte sie nicht im Verdacht. Nein, nicht für eine Sekunde. Und doch bedrückte ihn ein düsterer, unaussprechlicher Schrecken, der seinen unheimlichen Schatten auf das schöne Antlitz der Angebeteten warf.

Die auf das gemeinsame Fest der beiden Apostel folgenden Tage waren dem Pfarrer eine entsetzliche Zeit. Verstört und hohlwangig lief er umher, er schien in wenigen Stunden um viele, viele Jahre gealtert zu sein. Das Gesetz nahm mit seinen Formalitäten und Tyranneien das sonst so stille Dorf in Beschlag. etwas von dem Todten gesehen oder gehört hatte, wurde verhört, gequält, ermahnt, gemustert und verdächtigt. Don Gesualdo selber ward wiederholt in ein strenges Kreuzverhör genommen. Er sagte die reine Wahrheit aus, soweit er sie wußte, doch als er über das Verhältniß des Ermordeten zu seiner Frau gefragt ward, zögerte er, überstürzte und widersprach sich und machte auf die Gerichts⸗ beamten den Eindruck, als wüßte er mehr gegen die Frau, als er sagen wollte. Hauptsächlich versuchte er es, seine feste Ueberzeugung von der Unschuld Generosa's darzulegen und sie auch andern bei zubringen; doch dies mißlang ihm ganz und gar. Ja, der Eifer, mit dem er für sie eintrat, erhöhte nur den Verdacht gegen die Frau.

Das Resultat der Voruntersuchung war dies. Die Ehefrau des am Morgen des Peter-Pauls-Festes ermordeten Müllers Tasso Tassilo ward als der That dringend verdächtig in Gewahrsam ge nommen.

Ein Jeder, der aus dem Dorfe aufgefordert wurde, von ihr zu sprechen, sprach gegen sie mit Ausnahme von Falko Melegari, dessen Verhältniß zu ihr bekannt war und dessen Zeugniß keinen

Jeder, der irgend

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