Ausgabe 
17.1.1886
 
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böse, Liebster, ich weiß es, daß Du mich jetzt am liebsten für meinen Vorwitz strafen möchtest, aber Du kannst es nicht,

Du freust Dich doch zu sehr, und ich, ich konnte Dir's

nicht verschweigen, ich fühlte, wie es Dich beglücken muß!

Meine erste Regung war freilich, den thörichten Knaben zu 9 70 0 9 0

schelten, aber seine warmen Küsse schlossen meinen Mund und die

Rührung über diese dankbare, liebliche Kindertreue ließ mich ver stummen. Und dann? War das nicht die Prophezeiung eines

großen, reinen Glückes, die mir da mitten in dem geheimnißvollen Weben der Neujfahrsnacht entgegentönte?

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Statt dem altklugen Gesellen zu zürnen, strich ich ihm die schönen, wirren Locken liebkosend aus der Stirn.

Herzensjunge! sagte ich weich.

Wie froh Du mich machst! flüsterte er.Es hätte mich so tief beschämt, wenn Du mich jetzt mit einem Scherz abgewiesen

hättest! Nun erst fühle ich mich als Deinen Freund, da Du mir

glaubst!

Ich glaube Dir gar nichts, Schatz, als daß Du ein goldiges Herz hast! Jetzt aber lege Dich schlafen. Wir stören ja das ganze stille Schloß auf mit unserem Geplauder! hörst Du nicht Gottlieb lärmen? Er glaubt sicher, daß wir noch fahren. Bring' ihm doch Bescheid! 8

Im Nu war er an der Thür.Ich verstehe schon, daß Du allein sein willst! Gleich darauf hörte ich seine lustige Stimme im Nebenzimmer. Allem Anschein nach begrüßte er seinen Lehrer mit einer lateinischen Neujahrsanrede, worauf ihm dieser in gutem Dresdener Deutsch Bescheid gab. Dann hörte ich seinen raschen Tritt auf dem Korridor, eine ferne Thür drehte sich in den Angeln, dann wurde es still, das Fallen und Tropfen des Thau gewässers, das leise Getön des Regens und der Schlag meines bewegten Herzens waren die einzigen Laute, die die Stille der Neufahrsnacht durchbrachen.

Mit Schlaf und Traum war es vorbei. Des Knaben Worte, die ich vergeblich als thörichten Kinderunsinn aus meiner Gedanken welt zu verbannen suchte, hatten mich bis ins innerste Herz getroffen. Schon mehr als einmal war eine flüchtige Ahnung in mir aufgetaucht, daß der seelenvolle Schimmer von Mariannens holden Augen mir mehr bedeute als flüchtige Theilnahme; wenn ich mich bisher gescheut, eine fröhliche Hoffnung auf dieses Ahnen zu bauen, so lag es daran, daß ich bis gestern des Mädchens Schwermuth einem ver⸗ borgenen Herzensgram zugeschrieben, vielleicht auch daran, daß die Phantasie des Künstlers, durch das köstliche Bildniß der Freifrau angeregt, die Regungen rein menschlichen Fühlens und Denkens zu sehr überwuchert und unterdrückt hatte.

gun breitete plötzlich in verheißungsvoller Neujahrsnacht die

Hoffnung auf ein schönes, großes Menschenglück die weißen Fittige

hoch über allen Kunstträumen, über allem Formen- und Farbenzauber aus, der mir bisher den Sinn berauscht. Mit fast andachtsvollen Gefühlen dachte ich an die Möglichkeit eines Zusammenlebens mit b b 0 0

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dem lieblichen, sanften Wesen; meine Zukunft erschien mir plötzlich

in eine wahre Verklärung, in ein reines, rosiges Licht getaucht; die Ahnung eines innigen Verstehens, einer hohen, geistigen Gemein schaft ließ mich unwillkürlich die Hände falten.

Daß ich in dieser Weihestimmung über die gesellschaftliche Kluft, die mich von dem Edelfräulein trennte, so gänzlich hinwegsah, er scheint mir heute unbegreiflich.

Sicher war es nicht das Herzklopfen des armen Bürgersohns,

sondern nur das des heiß und tief bewegten Menschen, mit dem ich

am andern Morgen einem Zusammentreffen mit Marianne ent⸗

gegensah. Ich werde die wunderbare Stimmung jenes Tages nie vergessen. Mit den Blicken eines plötzlich Sehendgewordenen umfaßte ich die zarten, feinen Formen, den durch Güte verklärten Liebreiz dieser jungfräulichen Züge; jedes Wort, jedes Lächeln des blassen Mundes gewann mir Bedeutung.

Nein, es war kein Traum, kein thörichter Kinderwahn! Das schöne Herz war mein!

Als der bedeutungsvolle Tag zu Ende ging, hatte ich das zitternde, selige Ja des stillen Mädchens gewonnen. Mitten im Wirbel einer lauten, lärmenden Gesellschaft, die sich aus Nah und Fern zusammengefunden, hatte ein Augenblick des Zusammenseins vor einem Reise⸗Skizzen⸗ buch, das wir gemeinsam beschauten, mir die kühne Frage entrissen; mit engelhafterem Liebreiz haben nie zwei Augen Gewährung gelächelt.

Als der letzte Wagen in später Abendstunde die letzten Neujahrs⸗ gäste hinweggeführt und ich nun Hand in Hand mit der Geliebten vor den Freiherrn trat, um zu bitten und zu beichten, kam Oktav, der im Nebenzimmer noch eben mit Gottlieb gescherzt, urplötzlich zwischen uns. Lachend und weinend hing er an seines Vaters Hals.

Heute muß ich Dir's sagen, was ich Dir bis jetzt verschwiegen habe. Weißt Du, daß Du es Veit verdankst, daß ich noch lebe? Ich wäre ertrunken, erstarrt, wenn er nicht sein Leben für mich gewagt hätte.

Athemlos, mit glühenden Wangen, allen meinen Einwänden zum Trotz, gab er nun das Erlebniß jener Eisnacht preis.

Ob die Erschütterung, mit welcher der Freiherr seinen Bericht hörte, nothwendig war, um dessenJa für unseren Bund zu ge winnen, weiß ich nicht.

Noch heute sehe ich's im Geist, wie Marianne ihm weinend die Hände küßte und ihn flehte:Laß es mich ihm lohnen! wie er dann das süße, zitternde Geschöpf in meine Arme legte, wie er unsre Hände einte, wie Gottlieb, den Oktav's Jubel herbeirief, mit einer Fluth pathetischer Segensworte alle goldenen Gaben des Himmels auf unsre Häupter herniederwünschte.

Die wenigen Tage, die ich nach unsrer Verlobung noch in Sassen verbrachte, glichen, trotz des grauen, wolkenschweren Thauhimmels, der über ihnen schwebte, einem Lenz voll Hoffnung und Sonnen⸗ schein. Gleich einer reinen, wundervollen Blume erschloß sich mir das innerste Sein meiner jungen Braut. Eine stille, wohlthuende Heiterkeit strahlte aus ihren Blicken, grüßte aus ihren Worten. Wenn sie von der Zukunft sprach, so geschah es mit jenem frommen Beben der Stimme, das den Glücklichen eigen ist. f

War es ein Wunder, daß ich von diesem Sonnenglanz so viel aus Sassen hinwegtrug, daß es ausreichte, um mir die Trennung

zu versüßen, um die alten Verhältnisse, in die ich heimkehrte, zu

verklären und vor allem, um dem Streben nach den Idealen meiner Kunst neue Begeisterung und Schwungkraft zu verleihn?

Mariannens Briefe, die der Spiegel ihrer geistigen Lieblichkeit, ihrer Treue und Klugheit waren, mußten mir, so gut es gehen wollte, Ersatz für ein öfteres Wiedersehen sein. Statt in vergeblicher Sehn sucht zu schwelgen, suchte ich durch anhaltendes Schaffen meine Lebens stellung auch pekuniär zu befestigen und mir dadurch gleichsam selbst zu beweisen, daß ich des großen Glückes, das mir zu theil geworden, würdig sei.

Glücksumstände, die ich unwillkürlich dem segnenden Einfluß von Mariannens Liebe zuschrieb, kamen mir in dem letzteren Bestreben zu Hilfe. Die günstigste Fügung lag für mich darin, daß es meinem Mäcen, einem reichen, geist- und gemüthvollen Russen, der durch den Ankauf meines ersten Bildes mich daheimmode gemacht, plötzlich einfiel, nach Paris überzusiedeln.

Es war, als sei der liebenswürdige Slave nur, um für mein geringes Nichts Propaganda zu machen, nach der Weltstadt gegangen, so reichlich flossen mir in kurzer Zeit von Seiten seiner dort hausenden Landsleute Kaufanträge zu, so königlich zahlte man meine Leistungen, so reichlich zollte man mir den idealen Tribut der Anerkennung.

Die bedeutungsvollste Bethätigung dieses neu erwachten Interesses war die Idee eines russischen Fürsten, den Festsaal seines Landhauses in Passy mit Freskendarstellungen der sagenhaften Vorgeschichte der Ruthenen durch mich ausschmücken zu lassen.

Das Glück und die Freude über dieses lockende Arbeitsfeld wurde unerwarteter Weise noch durch ein Wiedersehen mit Mariannen gekrönt.

Mit geheimnißvoller Schelmerei überbrachte mir Oktav an einem sonnenüberflutheten Maiabend eine dringende Einladung seines alten Onkels für den kommenden Tag. Als ich in den Salon des Obersten trat, tönte mir ein unterdrücktes Flüstern und Kichern aus dem Nebengelaß entgegen, darauf ein kurzes, klangvolles Lachen, wie es der Freiherr auszustoßen pflegte, ein dringendes:Noch nicht! aus Oktav's Munde, dann ein süßer Mädchenname, der mir das Herz in seliger Ahnung erbeben ließ; und im nächsten Moment lag sie in meinen Armen, die mir alles war; ihre weiche Wange schmiegte sich an die meine, ihr treues, bewegtes Herz pochte an meiner Brust, und unter zitternden, feuchten Wimpern strahlten ihre schönen aus drucksvollen Augen mir das beredteste: Gott grüße Dich, zu.

Drei unbeschreiblich glückliche Tage verlebten wir nun in trau⸗ lichster Gemeinschaft. Mein langgehegter Wunsch, mit der Geliebten

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