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Ein kaum hörbares:„Ich verspreche es, so Gott will!“ dann noch ein feierliches, geisterhaftes:„Gott segne euch!“ hallten durch das Gemach.— Dann wurde es still, schauerlich still.
Ich frage mich oft, wie es möglich war, daß ich nach der Er— schütterung dieser Stunde noch einmal froh sein lernte, daß die reuevolle Erinnerung an dieses Scheiden sich nicht vernichtend zwischen mich und 8 künftige Glück stel lte.
Mögen Sie in Gedanken das herbste Urtheil über mich fällen, — es sei darum! Das Wunder geschah,— das Leben, die Liebe, die glühende Leidenschaft siegte über Schmerz und Tod.— Selbst den überwältigenden Schauer jener„ lernte ich mit der Zeit verwinden.
Am e tage der verklärten Frau schied Katharina aus Sassen. Das Kind, dessen ängstliches Fragen nach der Todten wir mühsam beschwichtigten, ging mit ihr. Es ließ alles willig mit sich geschehn, es glaubte, daß man es zu seinem kranken Mütterchen bringen werde. Die Wohnung von Katharinens Schwester, die an einen jungen Geistlichen in München verheirathet war, sollte Beiden für die künftige Zeit ein Asyl werden,— so war es zwischen mir und dem Mädchen verabredet worden, einfach und unter Thränen, ohne jedes Warum, ohne jeden Hinweis auf eine bessere Zukunft.
Nach einem Jahr holte ich sie dann Beide zurück.— Katharina wurde mein Weib, mein Glück, der Sonnenschein meiner Tage.— Es war so, wie die Sterbende es vorausgesagt: die ganze Segens— fülle einer Todten war mit uns.
Nur eins konnte selbst die überschwengliche Güte der Verklärten unserem Glück wohl nicht gewähren, ein leiser Gram rührte immer wie ein kalter Finger, wie eine ernste Mahnung an ein theures Grab an unser Glück.— Es war der Schmerz Mariannens um die Ver— lorne, die nie zu stillende Sehnsucht des Kindes nach dem Engel, der seine ersten Träume bewacht. Der Uebermuth, die lachende Lebensluft des kleinen Wesens wandelte sich in eine verzehrende Schwermuth um. Ihre Züge nahmen jenen Ernst, ihre Augen jenes nachdenkliche Sinnen an, das ihnen heute noch eigen ist. Als ich ihr zum ersten Mal klar machte, d aß ihre Mutter gestorben sei, schien das kleine, treue Herz vor Jammer brechen zu wollen. Nie hat sie dann meine zweite Frau„Mutter“ genannt, auch später nicht, als Oktav und Käthe, das Zwillingspärchen, den süßen Namen mit rosigen Lippen lallten.
Auch den Kindern stand sie lange fremd zur Seite, bis das Furchtbarste geschah, was mich und die armen Dinger treffen konnte, — bis Katharina starb. Von jener Zeit an wandelte sich ihr trübes Wesen in sanfte Fürsorge, in Aufopferung und Zärtlichkeit um.
Ob sie es mit dem frühreifen, ernsten Kindergemit begriff, wie bitter der Verlust war, der uns trafk?——
Ehe noch der leiseste Zug von meines Weibes wundersamer
Schönheit verblichen war, mitten im sonnigsten Glanz ihrer Jugend und Heiterkeit raffte sie ein Gehirnfieber, dessen Anlaß mir bis heute räthselhaft bleibt, dahin.
„Es waren sechs kurze Jahre, auf!“ sprach sie im Sterben.
Nun lebe ich Jahr um Jahr in der Sehnsucht auf ein Wieder⸗ sehn und in der Erinnerung an das große Glück ihres 1 55 dahin.— Es giebt Menschenleid, welches zu gewaltig ist, als daß es die Seele vernichten könne. Meines Weibes Tod hat mir etwas ige das ich früher nicht besaß: die feste Ueberzeugung, daß das Grab die Herzen nicht für ewig scheidet!“
aber sie wiegen eine Ewigkeit
Die Stimme des Freiherrn hatte sich bei den letzten Worten zu einer wunderbaren Kraft und Klarheit erhoben.— Erschüttert wie von einem Prophetenwort erfaßte ich seine Hand, und er verstand es, das Erzittern meines Herzens aus den wenigen Worten heraus zu lesen, die ich ihm zu sagen vermochte.
Mild und weich, wie der rasche, lebendige Mann selten zu sprechen pflegte, sagte er:
„Ich weiß es, daß das tiefste Mitgefühl Sie in dieser zu meinem Freunde macht.— Ich hätte Ihnen meine liebste Erinnerung nicht preis gegeben, wenn ich es nicht zuvor gewußt!“
Mit stummem Händedruck gingen wir auseinander.
Erst in der Stille und Einsamkeit meines Zimmers, wohin ich mich zurückzog, um jeder Begegnung mit dem Alltäglichen für heute auszuweichen, klärte sich die Erregung meiner Seele zu deut—
Stunde
lichem Empfinden. Und nun war es kaum mehr Mitleid, was ich für den theuren Mann empfand; sein Schmerz erschien mir zu weihevoll, zu heilig und hehr, eine Anwartschaft gleichsam auf die Ewigkeit, eine Brücke, die hoch über den großen Bruch winwenffce der durch Natur und Leben klafft!
Die Eindrücke des Gehörten wirkten noch bis in meine Träume nach, wie überhaupt meine Phantasie, während der Körper ruht, unermüdlich die Erlebnisse und Gedanken des Tages mir in phantastisch verwirrten Bildern wieder vor die Seele zu rücken pflegt. Eine Folge dieses lebhaften Nachempfindens mag es wohl sein, daß ich dem Geträumten unbewußt in so lauten Worten Ausdruck gebe, daß meine Freunde mich in früheren Zeiten mehr als einmal in Ernst und Scherz ermahnten, mit meinen Geheimnissen auf der Hut zu sein.
In jener Nacht nun kristallisirten sich die Reminiscenzen des Vernommenen zu den sonderbarsten Gebilden.
Ein schönes, sanftes W Lesen, d das ich bald Lucie, bald Marianne nannte, weilte beständig an meiner Seite. Sie trug einen silbernen Leuchter in der Hand, und geleitete mich durch eine Reihe von Sälen, deren Wände mit Bildern bedeckt waren, unter denen ich das Bildniß der blonden Freifrau suchte.„Wir werden sie finden, gewiß werden wir sie finden!“ sagte meine Führerin. Aber wir fanden sie nicht. Die Gestalten an den Wänden stiegen aus ihren Rahmen herab und bildeten eine lustige Festgesellschaft, Beide umringte. Glocken begannen zu läuten und lustige Stimmen sprachen von 1 und Sonnenschein. Mitten in dem frohen Lärm verlöschte das Mädchen plötzlich die Kerzen des Leuchters, kniete im fahlen Zwielicht auf die Erde nieder und begann heftig und untröstlich zu weinen.„Marianne, liebe Marianne!“ rief ich, von einem aufwallenden Mitleid getrieben, und da sie das Antlitz noch immer schmerzlich klagend in den Händen barg, zog ich sie mit sanfter Gewalt zu mir empor und suchte mit tausend zärtlichen Liebesworten ihr Weh zu heilen. Ich nahm ihre kalte, feuchte Hand in die meine und spürte nun mit Entzücken, wie dieselbe zwischen meinen Fingern wärmer und wärmer ward und endlich mit sanftem Druck auf mein inbrünstiges Zureden antwortete.
Bei der Berührung dieser weichen Hand wachte ich auf. Da schien es einen Augenblick, als sei mein Traum zur, Wahrheit ge⸗ worden, denn auch im Wachen noch fühlte ich jene Berührung und sah im Halbdunkel des Schlafgemachs zwei mächtige, free Augen über meinem Haupte..
„Wer bist Du?“ lallte ich noch traumbefangen.
Ein frisches Knabenlachen riß mich aus meinem Taumel.
„Oktav, was fällt Dir ein,— was thust Du da?“ rief ich, nun völlig ernüchtert, ein wenig ärgerlich vielleicht.
„Hast Du unsere Fahrt vergessen?“ tönte es lustig dagegen. „Uebrigens komme ich nur, um Dir zu sagen, daß Du nicht auf— zustehen brauchst, daß es über Nacht zu thauen und zu regnen begonnen hat. Höre nur!“
Mit ein paar schnell en Schritten war er am Fenster und riß einen der breiten Flügel auf. Ein lauer Luftzug streifte meine Wange und 1 0 Miesen und Rauschen wie von erwachten Quellen tönte an mein Ohr.
„Welch ein Jahresanfang! Oktav erregt.
„Wie schade! Du N Dich so auf die Schlittentour gefreut!“ sagte ich bedauernd.
„Ich freue mich über etwas anderes viel lachte er selig.
„Du? Was ist denn geschehen?“
Im nächsten Augenblick kniete der wilde Knabe am Rande meines Lagers und preßte seine Lippen in heißem Ungestüm auf meine Hand. a
„Nun endlich kann ich Dir danken, daß Du mir mein Leben geschenkt hast!“ jubelte er. 4 werde Dir etwas sagen, ein reizendes Geheimniß! Das soll mein Dank sein! Ich weiß es schon seit einigen Tagen, aber seit ein paar Minuten erst bin ich gewiß, daß es Dich beglücken muß.— Als ich an Dein Lager schlich, riefst Du:„Ich habe Dich ja so lieb, Marianne!“— Nun denn— sie liebt Dich auch, gewiß, ganz gewiß! Sie wird roth und blaß, wenn ich Deinen Namen nenne;— schon zweimal fand ich sie in Thränen. Wenn Du ins Zimmer trittst, so zittert sie,— ganz leise freilich,— aber ich sehe es doch! Sei mir nicht
Ist das nicht wie Frühling?“ rief
tausend mal mehr!“
die uns.
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