Ausgabe 
17.1.1886
 
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Oberhessischen

zu den

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Nachrichten.

Gießen, den

.

17. Januar.

Nun kamen zu dem allen noch jene köstlichen Ritte durch den

it 1 herbstlich⸗sonnigen Wald, durch den Thymianduft der bleichenden . Halden, jenes gemeinsame Entzücken über die weiche Klarheit des 5 Septemberhimmels und den goldrothen Glanz, den die scheidende 5 Sonne über die Pfade streute, jenes friedliche Heimkehren dann im 10 Nebelblau der Dämmerung und das geheimnißvolle Behagen beim 9 Anblick des Schlosses, das mit seinen erleuchteten Fenstern so glück und rastverheißend durch den feinen Dunst des Abends grüßte. Sah ich nach dem Rausch solcher Stunden Lucien wieder, so nagte Reue und Weh bang und zehrend an meinem bewegten Herzen. Ihr lächelnder Willkomm ward mir zur grausamsten Pein. So gingen Wochen um Wochen dahin; jeder Tag mehrte meine Leidenschaft; was aus mir geworden wäre, wenn das Schicksal nicht 4. plötzlich und erschütternd eingegriffen hätte, weiß ich nicht. 1 Ein Rudel Rehe, das einst im Halbdunkel eines sinkenden Oktobertags unerwartet aus dem Walde brach und dicht vor uns über den Weg setzte, brachte Katharing's Pferd zum Scheuen. Es setzte mit ein paar tollen Sprüngen zur Seite und mochte durch das Ungestüm seiner Bewegung den Zügel aus des Mädchens Hand gerissen haben. Ehe ich noch, halb betäubt von Schrecken, von meiner Stute gesprungen, lag die schöne Reiterin schon zwischen dem Brombeergestrüpp am Wege; ihre Augen waren geschlossen, ihre Wangen und Lippen schneebleich wie die einer Todten. Als mein

Rufen sie nicht erweckte, warf ich mich in verzweiflungsvoller Angst neben sie in's Gras, küßte ihre starren Hände und rief ihren Namen in sinnlosem Schmerz so laut, daß der Schall meiner Stimme den Bann ihrer Ohnmacht brach. Nie werde ich diese süßen, staunenden Augen vergessen, die aus dem blassen Gesicht forschend wie die eines 11 erschrockenen Kindes um sich blickten. Plötzlich schien sie mit der sscharfen Fassungskraft einer Erwachenden das Zittern meiner Lippen,

die fassungslose Freude meiner Worte zu verstehn; bebend richtete

iii sich auf, lehnte das bleiche Haupt gegen einen Fichtenstamm und begann leise und herzrührend zu seufzen, während sich Tropfen um Tropfen von ihren langen Wimpern löste; die edle Vornehmheit dieses Schmerzes, die rührende Mafestät dieser feuchten Augen dämpften f meine Leidenschaft zu der demüthigen Anbetung, die den sündigen

Pilger vor dem Bild einer Heiligen beschleicht; ruhig und gefaßt, ohne nach dem Grunde ihrer Schmerzen zu fragen, bat ich Katharinen, während ich die Zügel der Pferde an den Stamm eines Baumes knüpfte, sich zu beruhigen und zu Fuß den Heimweg zu versuchen.

Ernst und wortlos gab sie endlich meinen Bitten nach; der schwere Fall aber und die Erschütterung ihres Gemüthes schien sie aller Spannkraft beraubt zu haben, so daß sie nach ein paar schwankenden Schritten zitternd und wie gebrochen stehen blieb. Mein Zuspruch brachte sie dahin, daß sie ihren Arm in den meinen

Die Schwestern. Von Frida Schanz. (Fortsetzung.)

legte und sich meiner Führung vertraute. Langsam schritten wir nun heim, gleichsam in unserem tiefen Schweigen dem Flügel⸗ schlag eines großen gewaltigen Geschickes lauschend, das plötzlich über uns hereingebrochen war.

Als wir uns dem Schlosse näherten und seine vom Wiederschein des blassen Abendhimmels gefärbten Fenster durch die Stämme schimmern sahen, blieb Katharina stehen, löste ihren Arm aus dem meinen und sagte leise und klagend:Mein Gott, ich war so glücklich hier! Soll denn nun alles vorbei sein?

Da ich flehend ihren Namen nannte, wehrte sie stolz und ernst mit der Hand.

Ich bitte Sie, mich nun allein zu lassen, sagte sie unter er⸗ sticktem Weinen.Ich werde noch einige Minuten hier rasten und mich zu fassen suchen, ehe ich Ihnen folge.

Was ich empfand, da ich mich dem ehrwürdigen Heim meiner Väter näherte, vermag ich nicht in Worte zu fassen. Das Einzige, dessen ich mir klar bewußt war, war heiße Sehnsucht nach einer Lösung dieser Wirren.

Wie wenig ahnte ich, was daheim meiner harrte!!

Unser alter Diener, der mir blaß und verstört am Schloßthor entgegentrat, rief mich an's Sterbebett meines Weibes. Während ich um das Leben der Geliebten zu Gott geschrieen, hatte ein Nervenschlag den durch das lange Siechthum hinfällig gewordenen Körper Lucien's getroffen. Mit einem Engelslächeln, das mir ie mich an ihr

unauslöschlich 0 die Schatten des Todes trug, lag un⸗

in der Erinnerung bleibt, winkte f Lager. Ihr Antlitz, das

bewegt in den weißen Kissen, und unbewegt und starr lagen auch die gestreckten Finger auf der purpurnen Decke.

Ich wußte, daß Du kommen werdest, um mein Lebewohl zu hören, flüsterte sie tonlos in mein Ohr.Sei ein Mann und weine nicht um mich, sondern sei glücklich mit der, die Du liebst! Die ganze Segensfülle einer Todten soll mit Euch sein! Ich

ten Tage an Auch sie liebt Dich,

wußte es längst vom erst obwohl sie es selbst noch nicht ahnt, wie sehr; aber einst wird sie erwachen; dann sage ihr, daß ich ihre Liebe segne!

Leise und mühsam flossen die Worte vom Munde der Sterbenden. Schon schien es, als wolle die lichte Seele für ewig den armen Körper fliehn, da rief ein scheuer, hastiger Tritt, der vor der Thür erscholl, noch einen Schein von Roth auf ihre Wangen zurück.

Katharina! hauchten die bebenden Lippen.

Eine Minute später kniete das Mädchen an meiner Seite, selbst todtenblaß, fassungslos und in Thränen zerfließend, vor dem trau rigen Bett.

Versprich mir, daß Du meinem Kind flüsterte die Sterbende.

eine Mutter wirst!

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