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die schöne Umgebung meines Elbflorenz zu durchschwärmen, dessen Erfüllung ich mir erst in den Zeiten unsrer völligen Vereinigung geträumt, ward nun auf die reizendste Weise erfüllt. Während wir jedoch die herrlichen Uferlandschaften unseres Stromes in fröh— lichster Laune durchwanderten und nicht müde wurden, die schönen Formen der bizarren Felsgestalten, das Grün ihrer Waldhänge und den leuchtenden Duft der Formen zu bewundern, gewannen inmitten von Frohsinn und Entzücken ernste, nachdenkliche Worte über die Zukunft Raum.— Die Nothwendigkeit eines längeren Aufenthaltes in Paris fiel wie ein Schatten auf unser junges Glück, und doch sah Marianne das Bedeutungsvolle des mir von dort gewordenen Auftrags ebenso gut wie der Freiherr und ich selbst vor Augen.
„Du müßtest mich eben begleiten, Liebste,“ sagte ich unter dem Einfluß eines augenblicklichen Impulses.
„Warum nicht?“ entgegnete sie lächelnd, erglühend und im nächsten Augenblick erblassend.
„Es wäre der einfachste Ausweg für zwei sehnsüchtige Herzen,“ fügte der Freiherr hinzu, der sich mit treuherziger Sorglichkeit zum Anwalt unseres Glückes machte.
Nach manchem Hin und Wider, mancher schüchternen, liebreizenden Einwendung Mariannens wurde das Ziel unsrer Vereinigung, das wir beide noch mit keinem Worte besprochen hatten, auf den Ge— burtstag meiner Braut, Mitte Juli festgesetzt. Bis dahin konnte ich von einer ersten Reise nach der Seinehauptstadt zurück sein, konnte meine Beziehungen zu dem Fürsten Rz. geordnet, meine Entwürfe vorgelegt und eine vorläufige Wohnung für uns aus⸗ gewählt haben.
Seltsamer Weise wurde mein Mädchen während der Aus— einanderlegung dieser Pläne stiller und stiller.
„Bereust Du Deinen Edelmuth?“ flüsterte ich ihr zu, als wir im Abendlicht durch die bergigen Gäßchen der kleinen Stadt Krippen, den Uebrigen voraus, der Elbe zuschritten.
„Nein, nein,“ sagte sie, unter Thränen lächelnd;„aber habe Geduld mit mir, wenn das Glück mich nachdenklich und beklommen macht. Es giebt Herzen, die das Leben frühzeitig lehrte, in einem Uebermaß von Seligkeit die Ahnung eines kommenden Leides zu sehen.“ 5
„Es giebt kein Leid für uns, wenn Deine Liebe Stand hält!“
„Ich werde Dir ewig treu sein!“ sagte sie mit fast seierlichem Nachdruck.
Während der Heimfahrt auf dem lichtüberflutheten Strom war das allgemeine Gespräch von Natur dazu angethan, jede leise Schwermuthanwandlung zu besiegen. Die Besprechung der neuen Sorgen, aller der traulichen Beziehungen und Nothwendigkeiten, die mit der nahen Perspektive unsrer Verbindung in Sehweite kamen, jene Worte: Einrichtung, Ausstattung, Aufgebot und Trauzeugen, die ein echtes junges Mädchenherz aus tiefstem Schlummer stören, scheuchten die körperlosen Schatten einer übergefühlvollen Ahnung von der weißen Stirn.
Unter Oktav's dröhnendem Beifall beschloß der Freiherr den Akt unsrer Verbindung, der in der Burgkapelle von Sassen statt⸗ finden sollte, zur Grundlage eines echten, rechten und fröhlichen Familienfestes zu machen.
„Ein Fest mit Ball und Feuerwerk!“ jubelte der Knabe.
— wund mit hundert fröhlichen Augen, die der jungen Frau Glück und Segenswünsche zustrahlen, das ist allein das rechte!“ sagte der liebenswürdige Mann.
Ein Blick und ein Handdruck, den ich ungesehen mit Mariannen wechselte, sagten mir, daß auch sie, gleich mir, die andachtvolle Feier einer stillen Hochzeit jeder lauten Lustbarkeit vorgezogen hätte, daß sie aber begriff, wie nothwendig Lust und Lachen sei, um dem theueren Vater den Kampf mit den an solchem Tage unausbleiblichen, schmerzvollen Erinnerungen zu ersparen.
„Das Schönste von allem ist, daß Käthe dazu nach Haus kommen muß!“ rief Oktav händeklatschend.
„Natürlich muß sie kommen, das süße Ding,“ stimmte Marianne bei.„Sie wird mein Brautjüngferchen sein und das erste lange Kleid tragen.“—
„Mit fünfzehn Jahren!“ lachte der wilde Junge.
„Ich dachte längst an sie,“ meinte der Freiherr nachdenklich und mit jenem weichen Klang der Stimme, den er immer annahm, wenn er von der Kleinen sprach.„Nur ist die Reise sehr weit
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und umständlich und jetzt um so weniger zu rathen, da sie im Oktober für immer nach Haus kommen soll.“ „Veit kann ja ein Stück des Weges mit ihr reisen, und zurück geleiten wir sie dann zusammen,“ schmeichelte Marianne, indem sie
des Freiherrn Hand küßte. f
„Sie wird nicht die beste Reisegesellschaft sein,“ lachte dieser. „Mache Dich gefaßt, mein Lieber, daß sie an jedes Dorf, an jeden Kirchthurm, an denen ihr vorbeifahrt, hundert tolle Fragen knüpft, die niemand beantworten kann, daß sie jedes kleine, schreiende Kind, das ihr etwa begegnet, auf den Arm nimmt, um es zu küssen und Dir jede Minute des Nachdenkens und des Schlummers durch die Berichte ihrer Backfischerlebnisse und Backfischfreundschaften un⸗ möglich macht.“
„Haarsträubende Aussichten,“ lachte ich,„welche indeß die Neugierde auf die niedliche, kleine Schwägerin mich geduldig in Kauf zu nehmen heißt.“
„Sie ist in der That ein liebliches Wesen,“ sagte Marianne träumerisch,„blond unde fein von Ansehen und eben deshalb in ihrer sprudelnden, knabenhaften Lebendigkeit so reizend!“
„Wer weiß, welche kleine Dame aus ihr geworden ist,“ sagte der Freiherr.„Vielleicht war es die beste Schickung für den Wild⸗ fang, daß ihre Gouvernante, die sie abgöttisch liebte, durch den Tod ihrer Schwester zur Uebernahme des Lyoner Pensionats gezwungen ward und daß die Kleine mit der ganzen Gewalt ihres Trotzköpfchens darauf bestand, ihre Kenntnisse der„Welt“ und der französischen Sprache zu vollenden, indem sie sich unter die bemoosten Häupter des bewährten Institutes reihte.“
„Als sie von Algol, ihrem Fuchshengst, Abschied nahm, bereute sie beinahe ihren Entschluß,“ erzählte Oktav.„Ach, wie ich mich freue, wieder mit ihr reiten zu können!“ l
„Lauter glückliche Aussichten! Welch eine vergnügte Hochzeit das werden wird!“ sagte ich, meines Liebchens Hand erfassend.
„Du Guter!“ entgegnete sie, indem sie im Schutze der Dämmerung ihr feines Köpfchen an meine Schulter legte, so daß der liebe, warme Hauch ihres Mundes meine Wange streifte.—
Am andern Morgen ging es an's Scheiden.— Inmitten des lauten Bahnhofgewirrs flüsterte ich Mariannen die letzten, zärtlichen Abschiedsworte ins Ohr.—
„Nun sehen wir Dich nicht wieder bis Mitte Juli,“ rief mir der Freiherr aus dem Koupé zu, nachdem er mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit die vielen kleinen eleganten Kollis, die Schirme und Pakete, die Mariannens Handgepäck ausmachten, in die über seinem Haupt befindlichen Bindfadennetze befördert hatte.„Möge unser Wiedersehen dann ein recht glückliches sein!“ a
„Das gebe Gott!“ sagte Marianne, die mir nie lieblicher er⸗ schienen war, als in diesem Augenblick, da die Nachdenklichkeit, die ihr von den gestrigen Gesprächen verblieben, sich mit dem Abschieds⸗ leid und dem Hoffnungsreichthum ihrer jungen Liebe zu einem wundersam verklärten Ausdruck auf ihrem zartgefärbten Antlitz einten.—
Ihr zärtliches:„Behüt' Dich Gott!“ im Herzen und den Hauch ihres Abschiedskusses auf den Lippen starrte ich so lange dem Zuge nach, als noch ein flüchtiger Schimmer mir das Wehen ihres Schleiers andeutete.
Dann stand ich wieder allein, gefaßt und entschlossen meinen Zukunftsplänen gegenüber.
„Ich will sie verdienen!“ sagte ich mir.—
Nach zwei Wochen tüchtiger Arbeit verließ ich dann auch mein Dresden, um zum ersten Mal, von Neugierde und Erwartung er⸗ füllt, der französischen Hauptstadt zuzueilen, deren Kunstschätze und künstlerisches Treiben mich schon lange sirenenhaft angelockt hatten.
Seltsamer Weise verbleichen jetzt, wenn ich die Geschichte meines Lebens überdenke, die großartigen Eindrücke, mit denen die Welt— Stadt mich überhäufte. Nur wie Schemen sehe ich noch die monumentalen Gebäude, die dichtbevölkerten Straßen und Brücken, die den Lärm von Stimmen und Fußtritten als ein ewiges Branden und Rauschen einander zuhallen, vor meinem geistigen Auge erstehn.“ Selbst die aufrechte, breitschulterige Jupitergestalt des Fürsten Rz., die ich damals als so bedeutungsvoll für mein Schicksal erachtete, und die mit ihrem geistreichen, von einem leichtfertigen Lächeln leider so oft entstellten Antlitz wohl geeignet war, sich dem Gedächtniß für immer einzuprägen,— sie erscheint mir jetzt nur blaß und verschwommen wie die Gebilde meiner eigenen Phantasie, die ich
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