Ausgabe 
16.5.1886
 
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wir sind gewiß in Gefahr.

versprochen, daß wir bald drüben sind, Joseph.

schmiegt hatten und Hand in Hand dasaßen, flüsterten ahnungslos weiter und tauschten ihre Gedanken aus, und hin und wieder flog ein Wort oder ein Satz zu der Lauschenden hinüber und schlug an ihre Seele und begehrte Einlaß. Und dann ruderte sie weiter. Ich will zu ihr und will ihr sagen, daß sie Dich mir lassen soll, sagte Erna,und will sie bitten, daß sie Dir verzeiht und mir nicht grollt. Ob sie das kann, Joseph? Ich, glaub' ich, ich

könnte es, aber freilich: ich weiß auch nicht, ob ich dann noch

würde leben wollen.

Und dann wieder:Wenn sie nun Rache an Dir üben wollte, Joseph? Laß uns schon morgen abreisen, ja? Ich fürchte mich plötzlich so. Mir ist, als sollten wir nicht glücklich werden Sie sah schreckhaft auffahrend über die Wasser hinaus.Wie dunkel es ist! Und der See schlägt so hohe Wellen, wie nie. Von der Stadt ist noch immer nichts zu sehn Ach, Joseph, Frag' doch den Gondolier einmal, oder hilf ihm rudern Ich fürchte mich, Joseph!

Liebste, sagte er und preßte sie innig an sich,wenn wir untergehen, gehen wir gemeinsam unter. Wäre das so schrecklich? Sieh', in wie eherner Ruhe der junge Bursch da am andern Ende sitzt! Und er kann sicherlich nicht schwimmen und hat vielleicht noch gar ein Mädchen zu Hause, das er lieb hat und das auf ihn wartet, während wir

Der Kahn schwankte jetzt so heftig und die Wellen klatschten so laut gegen die Planken, daß nun auch Joseph, sich unterbrechend, hinüberfragte:Ist es gefährlich? Soll ich Euch helfen?

Aber es kam ganz ruhig zurück:In einer Viertelstunde sind wir drüben. Ihr könnt Euch darauf verlassen.

Es war etwas in dieser Stimme, das Joseph eine Weile mit stockendem Herzschlag zu dem Barkenführer hinüberblicken ließ, aber es war zu dunkel, um dessen Züge unter dem großen Hut zu er⸗ kennen, und eine wunderliche Aehnlichkeit mußte ihn genarrt haben. Man sah jetzt nichts mehr, als ringsum ein weiß quirlendes brausendes Gewoge, hörte nichts mehr, als den glucksenden Ton, mit dem die Wasser gegen die Kahnwandung anschlugen und das Zischen des Kiels, der sie durchschnitt. Der Nachen ward bald hoch emporgehoben, bald wieder hinabgeschleudert und tanzte minutenlang steuerlos auf der erregten Fluth. Eine einzige, ungeschickte Ruder führung, ein falsches Drehen des Steuerruders, ja, nur eine jähe, heftige Bewegung, ein Emporfahren, das den Kahn seines Gleich gewichts beraubte, und er mußte sich auf die Seite legen. Alba dachte daran, und das Herz stand ihr sekundenlang still in wilder Aufregung. Dann aber umklammerten ihre Hände fest die schweren Ruderstangen, ihr Auge richtete sich scharf auf die heranbrausenden Wasser hinaus und sie arbeitete mit keuchender Brust, mit der höchsten Anspannung aller ihrer Muskeln, als gälte es, um jeden Preis aus dem unheildrohenden Aufruhr der Fluth zu entkommen. Und ihr Mund stieß irr heraus, als wolle sie sich selber zur Ruhe sprechen und zur Arbeit spornen:Nein! Nein! Nein! Ich will nicht! Er soll leben leben leben Und bei jedem Worte ein neuer Ruderschlag, der den Kahn vorwärts schnellt und durch Wind und Wellen dem Hafendamm entgegenführt, dessen Laternen jetzt endlich mit windzerflackertem Licht durch die Nacht herüber schimmern.

Auch Joseph von Meersberg sieht die Gefahr, in der sie schweben, und er denkt an Alba, an die ihm durch die Stimme des jungen Gondoliers, in dessen Händen jetzt sein und Erna's Leben ruht, die Erinnerung geweckt worden ist. Wenn Alba den Burschen ge dungen hätte, um den Kahn zum Kentern zu bringen, um Erna und ihn zu verderben! Aber was das für wahnsinnstolle Gedanken sind! Alba hat ihn ja geliebt, sie wird seinen Tod nicht wollen, sie wird dies unschuldige Mädchen nicht mit vernichten wollen, das ihrer in Mitleid gedacht hat!Erna, ruft er, in jäh ausbrechender, ungewisser Angst, und reißt sie wild an sich,Erna, mein letzter Athemzug wäre doch nur ein Wort der Liebe für Dich

Da sieht sie ihn an und lächelt.Der Bursch da hat uns ja Und ich habe Vertrauen zu ihm. Sieh', wie er sich müht, wie schwer er arbeitet; das ist ein wahrer Kampf gegen die Wasser, Joseph!

Sie ahnt nichts davon, wie viel schwerer der Kampf in des Ruderers Seele ist, als der Kampf seiner Arme gegen die empörten Elemente. Der Nachen nähert sich dem Lande, Lichter blitzen auf, Stimmengewirr wird hörbar.Das war eine Fahrt, an die

ich zeitlebens denken werde! sagte Joseph, tief aufathmend. Und dann hilft er Erna auf und hinaus.

Am Uferquai hatten sich allerlei Leute angesammelt, die durch einander redeten und fragten.Bursch, rief der Eine Alba zu, Du siehst aus, als hättest Du dem Tode in's Gesicht gesehn. Dich hat's hart mitgenommen. Willst Du wieder zurück? Bleib' lieber hier über Nacht; es wird noch toller werden draußen, und Du bist matt und könntest erlahmen.

Nur ein kurzes, verächtliches Auflachen unter dem breiten Schifferhut gab ihm Antwort. Im Schein einer Laterne stand der Gondolier vor Joseph, der seine Börse gezogen hatte und nach dem Fuhrlohn suchte, den er verdoppeln wollte, weil der Schiffer sich so wacker gehalten. Aber als er ihn ihm in die Hand zählen wollte, nahm ihn der Gondolier nicht und Joseph gewahrte zu seinem höchsten Befremden, daß derselbe die beiden Hände in seine Taschen gestemmt hatte und ihn starr unter dem Hutrande hervor anblickte. Und wie nun der Schimmer der Laternen auf das leicht emporgerichtete Gesicht fiel, fuhr Joseph plötzlich, als sei er auf eine Natter getreten, jäh erbleichend zurück.Alba schrie er stöhnend auf.

Ja, Alba, klang es mit heiserer Stimme zurück,ich bin's und ich wollte Dich verderben, wie ich Dir's geschworen. Daß ich's vermocht hätte, bezweifelst Du wohl kaum. Daß ich's trotz alledem nicht gethan, dank es der da, nicht Dir selber! Mache sie glücklich! Leb' wohl!

Und ehe Joseph noch ein Wort erwidern konnte in der schreck haften Erstarrung, die sich seiner bemächtigt hatte, war das Mädchen schon wieder in's Boot zurückgesprungen und trieb den Kahn mit machtvollen Ruderschlägen in das quirlende Gewoge der wilden Wasser des Sees hinaus. Joseph sah's und ein Schrei wollte sich von seinen Lippen lösen, er winkte hinaus, er wollte den Kahn zurückhalten, dann besann er sich, warf das Geld ein paar Bettlern zu, stützte sich auf Erna's Arm und wankte, wie gebrochen, dem Hotel zu.Erna, sagte er und seine Stimme hatte einen fast feierlichen Klang angenommen,wir sind eben einer ungeheuren Gefahr entronnen; wenn Du je im Leben Ursache haben solltest, über mich zu klagen, mahne mich an diese Nacht, in der ich Dir mein Leben verdankte, und Du wirst erreichen, daß ich mich zu mir selber zurückfinde. komm' und laß uns unsere Rettung dankbar feiern.

Sie traten in's Haus. Der Nachen aber tanzte inzwischen schon längst wieder draußen auf den wüthend erregten Wassern des tobenden Sees, der sein Opfer haben wollte. Eine Weile gewahrten ihn die Schiffer am Hafendamm von Lugano noch, dann war er verschwunden, und drüben an seinem Bestimmungsort langte er in dieser Nacht nicht mehr an. Am folgenden Morgen trieb er kiel oben in der Nähe des Dorfes an's Land. Alba's Leichnam ist nie gefunden worden, und so ward allmälich ihr Name vergessen, wie sie selber verschollen blieb.

Lose Blätter.

Schmarotzer.(Siehe Illustration.) Zu den interessantesten und dankens⸗ werthesten Schöpfungen unseres Jahrhunderts gehören die zoologischen Gärten. Diese vermitteln uns die Bekanntschaft von Thieren, welche uns vor wenigen Jahrzehnten noch so fern und fremd waren, wie der Nordpol. Den Be⸗ wohnern großer Städte sind heute die Gefangenen der Thierzwinger, wie Löwe, Bär und Tiger ganz vertraute Erscheinungen, aber dem Landbewohner eröffnet ein Besuch des zoologischen Gartens eine ganz neue Welt. Wie wird von naiven Naturmenschen die hochragende Giraffe angestaunt oder das gewaltige Nashorn, mit welcher Ehrfurcht blicken Dorfkinder zum brüllenden Löwen auf oder zum buntfarbigen Königstiger, wie müssen sie von der Klugheit des Elephanten überrascht und von der Possierlichkeit des Affen belustigt werden! Ganz besonders aufregend und verblüffend aber muß es auf ländliche Besucher des zoologischen Gartens wirken, wenn fremde Thiergestalten ganz dicht in ihre Nähe kommen und eine größere Zutraulich⸗ keit an den Tag legen als manche unserer Hausthiere. Der Genre- und Thiermaler Heinrich Schaumann führt uns durch sein heiteres Bild Schmarotzer des zoologischen Gartens dar. Eine schwäbische Bauernfamilie hat sich im Freien an Speis und Trank erquickt, da bettelt im nahegelegenen Bärenzwinger Meister Petz um ein Stück Brot, eine Meerkatze nascht Speise⸗ reste vom Teller, Pelikane watscheln vom Teich herauf und suchen die Bro samen, welche vom Tische fielen, und der Kakadu auf der Stange kreischt und will ein Stück Zucker haben. Die Dreistigkeit erotischer Thiere muß ländliche Gartenbesucher überraschen und belustigen. Die kleine Idylle ist jedenfalls recht heiter dargestellt. 5 R. E.

Alles Andre sag' ich Dir ein andermal. Jetzt

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