158
Gondolier, er möge sich bereit halten. Der Schiffer leerte drinnen sein Glas und trat dann vor die Thür hinaus.
An der Stelle, wo der Kahn am Lande angepflockt lag, stand ein junger Mann in der Fischertracht des Dorfes und kam auf ihn zu.„Ich hab' eine Bitte, Kamerad,“ sagte er.
„Und die wäre?“ fragte der Kahnführer.
„Ich hab' ein wichtiges Geschäft noch für heut Abend in Lugano und weiß nicht, wie ich herüberkomme. Laß mich an Deiner Stelle die Herrschaften zurückrudern. In anderthalb Stunden— lange hab' ich nicht drüben zu thun— bin ich mit dem Kahn wieder da, und Du hast noch Zeit genug, dann allein nach Hause zu fahren. Sicher bin ich Dir, dafür wird Dir Giacomo bürgen, der da in der Thür der Trattoria steht, und das Fahrgeld bring ich Dir auch. Während ich fort bin, trinkst Du auf meine Kosten mit ihm, das ist nicht mehr als billig, denn ich halt' Dich hier auf—“
Der Schiffer lachte.„Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt, Kamerad. Fahrgeld— kostenfreies Trinken und nachher allein nach Hause rudern— Diaqvolo, darauf geh' ich ein. Aber bist Du mit dem Rudern auch gut zu Wege?“
„Verlaß Dich drauf, die Herrschaften sollen über nichts zu klagen haben.“.
„Dann meinetwegen— kenn' ich Dich eigentlich nicht, Kamerad? Mich dünkt, die Stimme hab' ich schon einmal gehört—“ 8
„Glaub's nicht, bin noch nicht lange im Ort. Also es bleibt dabei?“
„Handschlag darauf. Da kommen die Herrschaften schon, mach' den Kahn los. Am besten ist's, wir sagen ihnen von dem Tausch⸗ handel garnichts. Ich verlaß mich auf Dich— eil' Dich nicht, ich kann hier warten— Diavolo, was für eine feine Hand hast Du, die hat das Ruder wohl noch nicht oft geführt—“
„Oft genug, sei unbesorgt.“
„Auf Wiedersehen also.“— Er verschwand, leise vor sich hin⸗ pfeifend, in der Richtung der Trattoria, während Joseph und Erna herankamen.
Der neue Schiffer zog seinen Hut und ließ sie an sich vorüber in die Barke steigen. Eine Minute darauf hatte er die Ruder⸗ stangen eingelegt und trieb das kleine Fahrzeug mit kraftvollen Schlägen in den See hinaus, der sich unruhig zu kräuseln begann.
„Siehst Du, daß wir eine stürmische Ueberfahrt haben?“ sagte Joseph mit leichtem Lachen.
„Aber wie es doch schön ist,“ entgegnete Erna, sich an ihn schmiegend,„nur die Dunkelheit ist schneller gekommen, als ich dachte— aber Ihr fahrt uns sicher, Gondolier, nicht wahr?“ fügte sie in italienischer Sprache bei.
„Ganz sicher, Signorina—“
„Ist das nicht ein anderer Barkenführer?“ fragte Erna erstaunt.
„Mag er,“ erwiderte Joseph, der seinen Gleichmuth wieder— gewonnen hatte,„ich bin froh, daß wir wieder mitten auf dem See sind und daß Du bei mir bist, kleiner Schatz.“— Er legte ihr den Arm um den Nacken und küßte sie.
Der Gondolier hatte unwillkürlich sekundenlang die Ruder ein— gezogen. Die Beiden bemerkten es nicht, sie hielten sich umschlungen und begannen mit einander zu plaudern, sich hin und wieder mit ihren Lippen begegnend.
Der Wind kam indeß heftiger aus Südost, und schaukelte die Barke auf den Fluthen.„Jetzt ist es Zeit,“ murmelten die Lippen des Gondoliers„jetzt oder nie!“— Aber, ehe sich die Hände zu dem verderbenbringenden Werk rüsteten, drangen die Blicke aus Albas dunklen Augen unter dem breitkrämpigen, tief in die Stirn gezogenen Schlapphut flammend zu den Beiden hinüber, und un⸗ willkürlich lauschte sie auf das Geflüster, das sie, die des Deutschen mächtig war, wohl verstand:„Du warst immer so wunderlich scheu gegen mich,“ sagte Joseph lächelnd,„war das, weil Du fürchtetest, ich würbe nur um Deine vermeintlichen Reichthümer und nicht um Dein Herz?“
Erna legte ihren Kopf an seine Schulter.„Es ist gut, daß Du daran mahnst,“ erwiderte sie,„denn es gab noch außerdem einen Grund, von dem ich gern mit Dir einmal gesprochen hätte, aber ich wagte es nie. Pfuhlstein hatte mir erzählt—. freilich, er lügt so oft, aber ich glaubte ihm!— Du hättest ein zartes Verhältniß mit einem Mädchen hier in der Gegend angeknüft und ließest Dich täglich hinüberrudern;— weißt Du, Joseph, als Du
heute so wunderliche Gründe anführtest, um nicht diese Fahrt machen zu müssen, meinte ich schon, es geschähe nur, weil Du um keinen Preis mit dem Mädchen zusammentreffen wolltest, das— nun, Du verstehst: mit meiner Nebenbuhlerin.“ Es klang halb wie ein schalkhaftes Auflachen, halb wie ein schmollender Vorwurf von ihren Lippen hinterdrein.
Das Mädchen in der Fischertracht horchte mit angehaltenem Athem hinüber, ihre Hände bewegten die schweren Ruderstangen nur leise, und ihr Herz klopfte wahnsinnig, bis zum Zerspringen, in ihrer Brust. Jetzt galt es. Ein Wort des Hohns, eine Lüge, ein ehrloser Ausruf, ja, eine verächtliche Handbewegung nur, und ein Ruderstoß brachte den Kahn zum Sinken, endete für sie selber die Qual, noch mehr hören zu müssen, und machte den Mund des frechen Verräthers für immer stumm, für immer stumm den des Weibes, das ihn liebte und das er betrügen würde, wie einst sie selber—..
Joseph hatte den Arm um Erna's Nacken gelegt und sie enger an sich gepreßt. halb traurig an und fragte:„Und wenn das nun wirklich so— wenn es wirklich wahr wäre, Erna?“
„Joseph!“ rief sie entsetzt und streckte ihre beiden Hände nach
ihm aus,„treibe keinen grausamen Scherz mit mir,— ich ertrüg' es nicht. Wenn Du eine Andre— nein, nein— sag', daß Du
mich nur auf die Probe stellen wolltest, Joseph—“
Er aber ergriff ihre Hände nicht und regte sich nicht. Nur langsam schüttelte er die Stirn und sagte:„Es ist kein Scherz, Erna. Pfuhlstein hat Dir die Wahrheit gesagt,— weniger noch als die Wahrheit—“ 5
Ein halbunterdrückter Aufschrei kam von ihren Lippen, und fast gleichzeitig pfiff ein schneidender Windstoß über den See her, dessen Wellen sich höher und höher darunter aufbäumten, während dunkle Wolken über den Himmel hinjagten. Das aber beachteten die Beiden nicht.„Erna,“ flüsterte Joseph,„Erna, höre mich doch an, ehe Du Schlimmes denkst oder mich verurtheilst! Ja, ich habe eine Andre geliebt,— aber ehe ich Dich kannte, ehe ich Dich sah. Seit jener Stunde war Alles, Alles in mir ausgelöscht und ich Dein mit Leib und Seele. Und geliebt,—M eigentlich geliebt hab' ich sie ja auch nicht, jene Andre. Nur ein jäher Rausch der Leidenschaft war's, und sie— sie liebte mich, und mein Herz täuschte sich über das, was es empfand. So kam es— Dir, Dir war ich nie auch nur mit einem Herzschlag, einem Gedanken un— treu. Sieh', ich brauchte es Dir ja nicht zu gestehen, Erna, und Du würdest es nie erfahren,— denn jenes Mädchen, das allein gegen mich zeugen könnte, ist viel zu edel, um kleinliche Rache an mir zu nehmen, und liebt mich viel zu ehrlich dazu,— aber ich kann und will mit keiner Lüge, keinem Geheimniß unseren schönen, heiligen Bund schließen, Erna. Du sollst Alles wissen— die volle Wahrheit. Als ich Dich sah, wußt ich erst, was Liebe sei, und daß ich jener Anderen nie gehören könne, daß wir Beide unsäglich elend für unser ganzes Leben werden müßten, wenn ich mich be— stimmen ließe, sie trotzdem zu meinem Weibe zu machen— aus Mitleid, aus Pflichtgefühl. Ich hab' es nicht gethan, konnt' es nicht thun und jeder Herzschlag in mir, jeder Gedanke meines Kopfes ward Dein, Erna—“ Er hatte mit demüthig gesenktem Haupte ihr die Hand entgegengestreckt, die sie erfaßte. Dann führte er die ihre an die Lippen, während sie mit heiß überflammtem Antlitz flüsterte:„Das arme, arme Mädchen!“
Wieder hatte der Gondolier die eine Ruderstange, wie zum Hieb oder Stoß erhoben, der Nachen schaukelte heftiger als zuvor, und wieder wurde das Ruder eingelegt und der Bug des kleinen Fahrzeugs schnitt glatt durch die Wellen. In Alba's Seele kämpften Rachsucht und Liebe, Groll und Versöhnung einen wilden Kampf. Aber alle andren Stimmen überhallte der eine, mitleidsvolle Klang, der aus Erna's Herzen herausgequollen war, wie ein Born der Milde und des Erbarmens:„Armes, armes Mädchen!“ Nein,
Dann ließ er sie langsam los, sah sie halb angstvoll, 1
nein,— sie wenigstens, die Unschuldige, die Barmherzige sollte nicht untergehn. Und er? Ihm hatte sie es freilich geschworen—
Der Wind blies scharf, es war ganz dunkel geworden, die Berge ragten nur noch wie düstre, drohende Kolosse herüber aus dem finstren Gewölk, das sie überlagerte. Auf den Wassern war es
ganz einsam. Und Alba versank wieder in ihre brütenden, unheil⸗
vollen Gedanken. Die beiden Liebenden aber, die sich jetzt eng aneinander ge
—— n
————ͤͤͤ— ¹uw-—— ̃!
—


