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Aufdringlichkeit ihr gerne kleine Dienste leisten wollten und nicht selten verriethen, was sie von Julig's Verlassenheit dachten.
Schmerzlich war es ihr, wenn Ellinor immer wieder auf Mandsselt zurückkam.„Mama, die Kinder wollen mir es nicht glauben, daß wir in einem schöͤnen großen Hause gewohnt haben,“ sagte sie eines Abends betrübt.„Sie haben mich gefragt, woher wir kämen, und als ich ihnen von Mandsfelt und von dem Papa und Adeline er— zahlte und auch sagte, meine Schwester würde einen Lord hesrathen, da haben sie mich ausgelacht. Es m ist doch wahr; die Marie hat es mir gesagt,“ schloß sie mit weinerlicher Stimme.
„Du mußt Niemand mehr von Mandsfelt erzuͤhlen und auch nicht von Adeline sprechen. Die Marie hat nur einen Scherz machen wollen, und es ist nie ein Lord nach Mandsfelt gekommen,“ sagte Julia schmerzlich erregt.
„Der Große, der auf dem grauen Pferde geritten kam, und deim Klas das Pferd gehalten hat, weil der Johann nicht da war,“ erwiderte Ellinor und sah mit weitgeöffneten Augen ihre Mama an, „Die Adeline hatte doch Morgens schon die schönen Bäume aus dem Treibhaus ins Speisezimmer tragen lassen und das prachtvolle rothe Sammtkleid angezogen, und ich durfte Abends nicht au den Tisch, weil der Lord da war,— bast Du denn Alles dies vergessen, Mama!“
Sie hatte ihn nicht vergessen, den verhängnißvollen Abend, als der Mond geisterhaft durch die dunkeln Fichten schien und sie bebend den Mann erwartete, von dessen unheilpoller Nähe sie den Gatten und die Stieftochter glaubte gerettet zu haben, dessen Erscheinen aber für immer ihr Lebensglück zerstörte. Sollte es immer so dauern, kam kein Wunder, das ihrem Manne den verlorenen Glauben au sie wiedergab? Ihre Tage waren mit Stundengeben ausgefüllt, was konnte sie weiter wünschen? Ihr Kind besaß die blühende dauerhafte Gesundheit seiner Mutter, es wuchs fröhlich heran, was konnte sie mehr vom Leben erwarten? In den Familien begegnete man der distinguirten jungen Frau mit Achtung, jedem intimern Verkehr ent— zog sie sich ängstlich.
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Es war wieder ein Winter gekommen. Die junge Frau lenkte ihre Schritte, wie sie täglich that, dem Gasthof zu, in welchem die ihr von dem vergangenen Jahr her bekannte Familie wieder als Wintergäste erschienen war. An einem der Fenster des großen Höels stand ein alter Herr und sah ungeduldig nach der Straße, die auf den kleinen freien Platz mündete.
„Sie läßt heute auf sich warten; war sie nur vorübergehend in Wien und ist sie wieder abgereist?“ Uugeduldig stieß er den Stock neben sich nieder und sah wieder scharf nach den wenigen Leuten, die die Straße entlang kamen.„Warum habe ich auch die vorhergehenden Tage nicht gethan, was ich heute thun werde;— sa, das werde ich ganz bestimmt thun, mich unten in die große Halle setzen, der Eingangsthüre gegenüber und ein Hollg rufen, sobald ich ihrer an— sichtig werde. Ist sie's nicht, nun, daun kann die angerufene Person zum Kukuk gehen; aber ich bin sicher, es ist Julig. Höre Barthel,“ sprach der Alte ins Zimmer hinein, ohne den Blick von der Straße abzuwenden,„gehe einstweilen hinunter in die Halle und gieb acht, das rathe ich Dir. Du kennst Julia; rede sie an, sobald sie eintritt und führe sie zu mir. Ich darf meinen Posten hier nicht verlassen; es schlägt gerade zehn Uhr und sie ist gestern und vorgestern um diese Zeit gekommen. Da ist sie, laufe, eile Dich,— es ist nicht möglich, daß Du sie noch erreichst; wir müssen die Thüren be— setzen, daß wir sie nicht mehr, verlieren.“
Barthel hatte schon das Zimmer verlassen; sein Herr folgte ihm auf dem Fuße. Er fand den alten Diener im Gespräche mit dem Portier,
„Du hast sie nicht mehr gesehen, Barthel; sie muß demnach in den untern Räumen verschwunden sein,“ rief der alte Herr erregt. „Jetzt Posto gefaßt, wir verlassen den Platz nicht, bis die Thllre für die Nacht geschlossen wird,“ sagte der Baron und ließ sich schwer— fällig auf dem an den Wänden herlaufenden Divan nieder.,
„Der Portier meint, daß Aemand eingetreten sei als eine der Lehrerinnen aus der Stadt, die im Hotel Privatstunden geben; also muß der gnädige Herr sich geirrt haben, als Sie glaubten, die Baronesse Julia zu sehen,“ bemerkte Barthel. ü
„Das müßte eine sonderbare Aehnlichkeit sein; halte die Augen auf, Barthel, ich muß klar darüber werden; wir reisen daun noch heute ab, wenn sie es nicht ist.“
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Er wartete eine Stunde, zwei Stunden; die weißen buschigen Augenbrauen zogen sich drohend empor, als er eifrig rechts und links schaute,— endlich wurde im Dämmerlichte eines langen schmalen Ganges ein dunkel gelleidetes weibliches Wesen sichtbar; der General erhob sich rasch von seinem Sitze und stellte sich in der Mitte der Halle breit und gebietend auf.
Julia trat ins Licht des Tages und stand dem alten Manne gerade gegenüber. Einen Augenblick lang war sie wie erstarrt, dann nahm ihr freudig errothendes Gesicht den Ausdruck eines un— aussprechlichen Entzückens an und sie erhob die Hände wie in einem stillen Dankgebet. Der General betrachtete sie in stummer Rührung und streckte ihr die Arme entgegen. Was sie nie gewagt, das that sie jetzt, mit dem Ausruf:„Mein Onkel, mein geliebter Onkel!“ stürzte sie an seine Brust. Er drückte sie warm an sein Herz, und als er ihr prüfend ins Gesicht sah, schimmerte es feucht in den alten Augen. Er geleitete sie hinauf in sein immer, ergriff ihre Hände und betrachtete sie wieder lange.„Du bist verändert, Julia,“ sagte er endlich laugsam;„hat der Mann, dem ich Dich blühend übergab, Dich nicht glücklich gemacht!“
Es lag etwas Drohendes in seiner Stimme; Julia sand ihn
so ganz anders, wie er ehedem gewesen war. „Du mußt mir heute schon erlauben, lieber Onkel, Dir zu sagen, wie glücklich es mich macht, Dich wieder zu sehen. Soll ich nachher wieder unter militärische Disziplin, so mag es sein; aber laß mich jetzt sagen, wie sicher und geborgen ich mich fühle, seit ich in Dein Gesicht sehe, in die guten Augen, die nie so wie heute mich angesehen haben.“ Und sie beugte sich nieder auf seine welken Hände und küßte sie leideuschaftlich und überströmte sie mit ihren Thränen. Um des Generals Mund zuckte es sonderbar, als sie kuieend vor ihm lag und ihr herrliches, lichtblondes Haar log gelöst, sie wie ein Strahlenmandel bedeckte.
„So kommt's, wenn man Euch gehen läßt, Ihr Mädchen oder Frauen,“ rief der Baron in seinem alten polternden Tone,„Was haben wir hier mit der Magdalena zu schasfen, und wo ist mein Erztehungssystem geblieben! Silehst Du ses nun ein, wie gut es war, daß ich Dein Gefühl knapp gehalten? Stehe auf, Julia; lch weiß Alles, was das sagen will: Du siehst, daß ich hinfällig ge— worden bin, und das macht Dich überschwenglich. Begneife dag, beweist ein braves, gesundes Gefühl, das ich nicht ungern sehe— Lache mich nur aus, Mädchen, der alte Meusch kommt aus dem Geleise... Gerade wenn er anfängt, recht elend, recht widerwärtig zu werden, dann wird der alte Einfaltspkusel lebebedsrftig., Es ist zum Todtschämen, zum Todtärgern, aber wahr; ich habe geheult in den langen Leldensnächten, und nach einem sauften, milden Augesicht geschrieen, das sich tröstend über mich beuge und mir liebe Worte zuflüstere. Nach Deinen kleinen Händen hahe ich verlangt, Julia, die ich in guten Lagen bei Seite geschoben, wenn sie meine harte Rechte sassen wollten.“
„O, Onkel, wie glücklich machst Du mich!“ rief Julia und sah mit leuchtenden Augen zu ihm auf.„Aber warum hast Du mich nicht gerufen?“ fügte sie vorwurfsvoll hinzu.
„Barthel hat Dir geschrieben,“ sagte er, ruhiger geworden, in einem Tone der Hilflosigkeit.„Ich dachte nur, es widerführe mir, was ich verdient; Du gabst keine Antwork.“
„Wann war dies, lieber Onkel!“ fragte sie hastig—
„Ein Jahr ist's her oder ekwas drüber,“ antwortete er.„Laß das nur, Kind; es ist eine verrückte Welt und dennoch ist Alles von oben herab mit einer Klugheft eingefädelt, daß unser dummer Verstand ganz verblüfft davor steht. Möchten wir alten grses— grämigen Menschen denn das Leben verlassen, wenn uns ein sunges Menschenkind so recht kunig lieben und uns seine Sorgfalt allein zuwenden wollte? Die Natur will, daß die Jugend sich wieder der Jugend zuneigt, während der alte welke Stamm elnsam und verlassen vergeht. Gott sei Dank, daß es so ist, das Scheiden wird den Alten leicht gemacht!“
Der alte Mann war athemlos und sank erschöpft in die Kissen des Sopha'g. So hatte er sich in seinem ganzen Leben noch uicht ausgesprochen und es griff ihn furchtbar an, es zu gestehen.
„Alles, was Du sagst, trifft mich bitter,“ sagte Julia, schmerzlich. Ich hätte bei Dir bleiben sollen; Du hattest es verdient, daß die
8 Hand einer nahen Verwandten Dein Alter pflegte; Du hattest mich
und meine sterbende Mutter aufgenommen, als wir, in Schande und Schmach gestürzt,
uns nicht mehr vor den Menschen sehen lassen


