Ausgabe 
16.5.1886
 
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spärlich erhellten Wartesaales, wie eine Dame mit einem Kinde hereintrat und wie sie sich erschöpft auf der nahestehenden Bank niederließ. Er erkannte Julia. Die Kleine schmiegte sich an sie und fragte erst leise, dann immer vernehmbarer:Wohin gehen wir, Mama? Ich bin so müde, fahren wir nicht wieder nach Hause? ich will in mein Bett; warum sind wir fortgegangen? Julia schien wie erstarrt in einem überwältigenden S sie antwortete dem Kinde nicht, sah mit leblosen Augen, wie die Leute aus- und eingingen und stand auf, als es läutete, ein Billet zu lösen. Lord Graham ging ebenfalls, hielt sich aber immer im Schatten, obgleich er sein Gesicht ganz im Pelze seines Mantel⸗ kragens versteckt hatte. Er sah, wie Julia rathlos um sich schaute, als der Mann am Schalter fragte:Wohin?Nach Wien, sagte sie schnell, als käme ihr erst jetzt der Entschluß; sie nahm rasch das Billet und begab sich wieder in den Wartesaal. Lord Graham wußte genug; er hatte nun nicht mehr nöthig, ein Billet zu lösen zu dem Zuge, der einige Minuten früher nach dem Norden abging. Er blieb in der Nähe, N auf dem Perron und sah, wie Julia mit 8 Töchterchen in den Zug nach dem Süden einstieg und wie dieser dann in der Nacht verschwand. Nun war der Weg für ihn 5 er bemühte sich nicht weiter, über den Zu sammenhang der Dinge nachz zudenken; war es, daß man die abendliche Zusammenkunft entdeckt, das konnte auch seine 0 zweiter Besuch

schlimmen Folgen für ihn haben, sein Mandsfelt beruhigte ihn hierüber.

VI.

In einer Vorstadt Wiens, in einer ärmlich eingerichteten Wohnung finden wir Julia wieder. Mehr wie ein halbes 8 Jahr war 1 ihrer Flucht vergangen. Die junge Frau arbeitete bein Schein einer Lampe an einer großen Stickerei und Ellinor stand neben ihr und stützte die runden Aermchen auf den Tisch.Wirst Du heute noch fertig, Mama? plauderte sie und sah eifrig zu, wie schnell sich die schlanken Hände bewegten.O, dann wirst Du viel Geld bekommen, nicht wahr? dann kaufst Du mir das schöne neue Kleid, das mich den Winter warm halten fe

Sie drückte die runden Händchen in kindlichem Entzücken fest auf die blühenden Wangen und sah glückselig ihre Mutter an. Julia lächelte ihr zu; aber es war ein tieftrauriges Lächeln, das gar sonderbar erschien auf dem bleichen, schmalen Gesichte der jungen Frau. Wie nun ihr 1 Blick wieder sic auf das fröhlich. Kind richtete, da fühlte sie wieder das Weh im tiefsten Herzen, das sie immer 7 wenn mit ganzer Schwere der Gedanke auf sie fiel, welches Loos sie ihrem Töchterchen bereitet hatte. Der unglück lichen Frau war es, als hätte sie ein Verbrechen begangen, das Kind der Noth auszusetzen. O, es war nicht leicht, das tägliche Brod zu verdienen, das hatte Julia erfahren. Die Schritte, die sie gethan, Privatstunden zu bekommen, waren alle vergeblich gewesen. So sah sie sich genoͤthigt, für ein Stickereigeschäft zu arbeiten, um wenigstens etwas zu erwerben. In ihrer Verlassenheit und Furcht vor der nächsten Zukunft, dachte sie wieder:Hätte ich doch mein Kind wenigstens nicht diesem Elend preisgegeben!

Und wenn ich mein schönes Kleid habe, dann gehe ich mit Dir spazieren, plauderte Ellinor fort,und es sehen mich viele Leute. In Mandgsfelt sah mich Niemand außer Marie, und die wurde böse, wenn ich mich schmutzig machte. Wir gehen aber wieder nach Mandsfelt, nicht wahr, Mama? Die Marie hat gesagt, Adeline würde den reichen

Lord heirathen, der einmal gekommen ist. Dann 8 ich in dem schoͤnen Kleide auf die Hochzeit und die Marie hat gesagt, Adeline könne mich dann nicht mehr schlagen, sie ginge weit fort mit dem Lord. Was ist denn ein Lord, Mama?

Müde legte Julia die Hände nieder, die Arbeit war vollendet und Ellinor sprang froͤhlich im Zimmer umher.

Wirst Du nun sogleich die schöͤnen bunten Blumen forttragen? Laß mich sie noch einmal sehen, Mama, rief die Kleine und griff schon nach dem Mäntelchen. Sie verließen das enge Zimmer, es war spät Abends und der Regen fiel; aber Ellinor konnte nicht stunden lang allein im verschlossenen Zimmer bleiben.

Als sie schweren Herzens zurückkam, denn man hatte ihr vor läufig keine weitere Beschäftigung in dem Stickereigeschäft gegeben, überreichte ihr der Portier eine Karte, durch welche Frau Lindner in ein Gasthaus beordert wurde. Dort waren Fremde mit Kindern

angekommen, die einer Privatstunde täglich bedurften. Sie war schon öfters zu diesem Zweck in Gasthöfe, wo sie ihre Karte abgegeben, geladen worden. Die ganze Nacht hindurch hielt sie der Gedanke wach, daß sie den Unterricht zu jedem Preise übernehmen und sich stundenlanz g von ihrem Kinde trennen, es deshalb einer Schule über⸗ geben müsse.

Am andern Morgen nach einer durchweinten Nacht fühlte sie sich so elend, daß der Gedanke sie schreckte: wenn sie nun plötzlich hier stürbe, so würde ihr Kind in dem Elend einer großen Stadt zu Grunde gehen. Sie stand schnell auf, zündete die Lampe an und setzte sich nieder, um zu schreiben. Im Fluge füllte sie die Seiten, es strömte heiß aus dem übervollen Herzen auf das Papier. Wenn sie gestorben war, dann durften diese Zeilen zu dem geliebten Manne sprechen; kein Schwur band sie mehr; ihr Andenken wenigstens sollte ihm und ihrer Tochter ein reines bleiben. Es war noch früh am Morgen; tiefe Stille umgab die junge Frau. Ellinor richtete sich mit schlaftrunkenen Augen in ihrem Bettchen auf und fragte:Schreibst Du an Papa? Sage ihm, ich hätte ihn lieb und ich wolle bald wieder zu ihm kommen.

Das sollst Du vielleicht bald, mein armes Kind, murmelte sie und schloß den Brief.Wenn er ihn erhält, dann bin ich todt, dann ist kein Schatten mehr zwischen uns, und er wird Ellinor um meinetwillen lieben. Meine Mutter starb so elend, an ihrem Todten⸗ bett weinte nur ein trostloses Kind, so wird es auch bier sein. Der Kummer tödtet rasch. Sie konnte zu dem alten Onkel flüchten, das kann ich nicht; er ist so alt jetzt und bei 8 Heftigkeit könnte ihn mein Unglück tödten. Und würde nicht das Wiedererscheinen 85 unglückseligen Mannes ihn wenigstens um seine Ruhe bringen?

Wer kann auf sein Wort bauen, wer weiß, ob er den Ocean zwischen 75 und seine Vergangenheit gelegt hat? Mich schaudert, wenn ich an ihn denke!

Sie stand rasch auf und hielt den Brief mit der Adresse ihres Mannes rathlos in den Händen.Wem ihn anvertrauen? fragte sie sich.Ich kenne keinen Menschen in dieser großen Stadt. Schwere Tropfen fielen über die bleichen Wangen auf d den Brief. Da läutete durch die Morgenfrühe ein Glöcklein ganz in der Nähe, ihre Augen leuchteten im Gefühle der Erlösung auf, nun wußte sie, wem sie das Schreiben übergeben sollte. Sie verließ leise das Zimmer und eilte durch die stille Straße dem Kirchlein zu, dessen Altarstufen eben ein Priester hinauf schritt, die Messe zu lesen. Sie kniete unter der Menge nieder und betete aus vollem Herzen. Mit Zuversicht ging sie zu ihm in die Sakristei, sobald er den Altar verlassen hatte.

Es it eine arme verlassene Frau, die Ihren Beistand erfleht, ehrwürdiger Herr, sagte sie und sah in das stille wohlwollende Ge. sicht des ältlichen Mannes.Darf auch eine Protestantin Theil haben an der Tröstung, zu der mich das Frühglöckchen zu rufen schien? 8 sie bebend.

Bin ich nicht ein Diener dessen, der gesagt hat:Kommt Alle zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid? antwortete er und seine treuen grauen Augen sahen sie an, als kenne er ihren ganzen Kummer.Mit was kann ich helfen, meine Tochter; verfügen S Sie über Alles, was in meinen Kräften steht.

Sie erzählte ihm, was sie erzählen durfte; sie war hingerissen von der einfachen, herzlichen Güte des alten Mannes; sie übergab ihm den Brief und ihr Herz wurde erleichtert, als er ihr versprach, Elliner in einer guten Schule ganz in der Nähe unterzubringen. Nun hatte sie doch einen Menschen in der großen fremden Stadt, 5 ihr gewiß Trost und Hilfe brachte, wenn sie sich elend und ver⸗ lassen fühlte, und von nun an läutete das Glöckchen in der Morgen- frühe Trostung in die Seele der einsamen jungen Frau.

Von nun an ging Alles besse ser, die Stunden im Gasthof zogen andere nach sich und wenn die Dämmerung des Winterabends ge⸗ kommen war, dann eilte Julia sehnsüchtigen Herzens nach der Schule und holte ihre Kleine ab. Das war dann eine Freude, ein Glück, wenn Abends Mutter und Kind in der warmen Stube zusammen saßen und Ellinor nicht müde wurde, von den eee zu erzählen. Die stille Nacht aber brachte der jungen Frau das bange Bewußtsein ihrer Lage, die nicht den geringsten Hoffnungsschimmer zuließ. Die vornehme edle Erscheinung Julia's konnte nicht unbemerkt bleiben in den Straßen. Mancher freche Wan Blick rief ihr glühende Rothe ins Gesicht und sie fühlte, daß ihre Verlassenheit allerdings geeignet war, entehrende Vermuthungen aufkommen zu lassen. Sie mied die Menschen, besonders die Hausbewohner, die mit gutmüthiger

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