Ausgabe 
16.5.1886
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

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Ur. 20.

1686.

Gießen, den 16. Mai.

Die Stiefmutter.

Roman von M. Elton. (Fortsetzung.)

Nun hatte Adeline erreicht, was sie erreichen wollte. Die. Stief mutter war geflohen, weil sie den Lord noch immer liebte und nicht er tragen konnte, daß er Adeline heirathe. Kam sie später zurück, so besaß die Stieftochter ein Geheimniß, das den Stolz dieser Frau für immer niederwarf. Nun aber bedurfte Adeline einer Verbündeten in dem verödeten Hause und es ging sogleich ein Schreiben an die Freundin ihrer Mutter ab, das um einen schleunigen Besuch in Mandsfelt bat. Wer konnte wissen, wie lange ihr Vater umherirrte, seine Frau zu suchen; und sie konnte doch den Lord nicht empfangen, so lange sie allein war.

Die Blumensträuße und die Briefchen von glühender Ungeduld machten täglich ihren Weg nach Mandsfelt und Adeline war krank vor Erwartung, endlich die alte Freundin und ihren Vater er⸗ scheinen zu sehen. Rückweg in Berlin besucht und sie zeigte ihm Adelinen's Brief.

Lindner war tief niedergedrückt; von seiner Frau und seinem Kinde hatte man auf dem Gute bei Jastrow nichts erfahren, der alte General lag schon den ganzen Winter krank an der Gicht dar⸗ nieder, er hatte nicht gewagt, vor ihm zu erscheinen. So kam er mit der alten Dame, die ihm Trost zuzusprechen suchte, dabei aber immer einzig und allein mit Adeline und dem Lord beschäftigt war, in Mandsfelt an. Alles war ihm recht: Verlobung, beschleunigte Heirath, Alles. Der Lord verließ das Gut fast nicht mehr und Frau Major Schönau fühlte sich unentbehrlich im Hause. Lindner blieb Tage lang draußen bei den Arbeitern, der März brachte schon viel zu thun, zerstreut saß er bei den Gastmählern, die in seinem Hause gegeben wurden und überließ es der Frau Majorin, das Brautpaar zu den Diners und Soupers in der Nachbarschaft zu begleiten. Er fühlte sich sehr vereinsamt; sein müder zerstreuter Blick begegnete zuweilen mit Erstaunen Adelinens strahlendem Gesichte, und es fiel ihm ein, daß sein Kummer ja die Tochter nichts an⸗ gehe. Manchmal legte sie wie sonst ihren Arm weich in den seinen und flüsterte ihm hastig zu, wie befriedigt er sich über die Lösung doch fühlen müsse, da ja die Situation im Hause weder für ihn, noch für seine Frau im Zusammenleben möglich geworden sei. Sie mochte ja recht haben; aber er fühlte sich außerordentlich elend. Nun ging die Tochter, sie war schon nicht mehr sein; was blieb ihm nun in dem öden Hause? Dieser Lord, dieser grand seigneur, der in der Vergötterung seiner Braut nicht die Zeit fand, ein ver⸗ ständnißvolles Wort an den Schwiegervater zu richten, war ihm jetzt nichts und konnte ihm auch nichts in der Zukunft werden. Wenn Julia ihm nur das Kind gelassen hätte! Sonst freilich hatte er keinen Werth darauf gelegt und die Kleine besonders be achtet, wenn sie ihm jubelnd entgegen lief, sobald sie seiner an⸗ sichtig wurde, seine Hand so recht fest in ihre beiden runden

Sie kamen zusammen; er hatte sie auf dem.

Patschchen nahm und so glücklich zu ihm aufschaute, während sie neben ihm herlief; aber fetzt, wer kümmerte sich darum, wenn er nach Hause kam?

Machen Sie doch kein so trauriges Gesicht, sagte die Majorin zu ihm,denken Sie daran, daß auch Ihre Tochter berechtigt ist, ein mal im Leben glücklich zu sein. Wie Viele haben nichts im Leben, wie den Brautstand, der ihnen die späteren trüben Tage erhellt. Das wollen wir nun nicht für unsere Adeline fürchten; aber ihres Vaters Gesicht darf ihr nicht die letzten Tage im elterlichen Hause verdüstern.

Sie hatten ja Alle recht gegen ihn; auch Julia hatte recht, sie besonders, auch sie war berechtigt, ein wenig Glück zu erwarten; hatte er seine Pflichten gegen sie erfüllt, wie er es sich gelobt, als er das junge vertrauende Weib, das nichts mehr auf der Welt besaß wie ihn und seine Liebe, nach Mandsfelt geführt? O die Vorwürfe, das Zermartern über das, was versäumt worden ist und nicht mehr wieder gut gemacht werden kann!

Der kurze Brautstand war zu Ende, der Hochzeitstag war ge⸗ kommen. Adeline sowohl wie Lord Graham verließen strahlend vor Glück den Altar der Dorfkirche, wo eben der Priester sie vereinigt hatte; nun konnte Julia sie nicht mehr trennen! Ein kurzes Mahl in ganz kleinem Kreise, ein hastiges Adieu und das glückliche Paar fuhr in die Frühlingswelt hinein, wo jubelnde Lerchen zum blauen Himmel aufstiegen und Knospen sich unter dem heißen Kuß der Sonne entfalteten. zwischen ihn und das junge Weib treten, das der Lord mit einer Leidenschaft liebte, wie sie nicht selten in vorgerückterem Alter ge⸗ funden wird. Ja, sein Leben war von einer dominirenden Leiden⸗ schaft beherrscht worden, das war aber nicht die Leidenschaft für die Frauen gewesen; von dieser Seite war ihm immer mehr entgegen gebracht worden, als er erwartet hatte, und er konnte mit Recht behaupten, daß Adeline seine erste Leidenschaft bezüglich der Frauen sei. Er mußte über sich lächeln, daß sie ihn so jung, so grün machte, daß er sich sogar darauf ertappte, alles Ernstes gute Vor⸗ sätze für die Zukunft zu fassen und die alte Leidenschaft mit der neuen tödten zu wollen. Er, der Mann guter Vorsätze! Wie ernüchternd war ihm diese Julia in den Weg getreten! längst⸗ begrabene häßliche Erinnerungen traten mit dieser Lichtgestalt vor seine Seele. Welches Recht hatte sie, in seine rettende Zukunft einzugreifen? Leider, das Recht des Stärkern: sie konnte Dinge aufdecken, die eingescharrt bleiben mußten. Er war diesem Joch entgangen, und er schloß seine junge Frau in die Arme und fühlte sich sicher und glücklich.

Als er einen Monat vorher, Julia's Bedingungen gemäß, mit dem Nachtzug verschwinden wollte, sah er aus einem Winkel des

Nein, nun konnte keine Julia mehr feindlich

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