Ausgabe 
16.5.1886
 
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s 156.

konnten. Das hätte ich bedenken und hinter der militärischen Zucht das treueste beste Herz erkennen müssen.

Er wehrte mit der Hand und schüttelte energisch den Kopf.

Aber der Vorwurf des Undankes trifft mich nicht ganz, fuhr sie fort.Barthel's Brief habe ich nicht erhalten; ich hatte damals schon Mandsfelt verlassen.

Der General fuhr auf und starrte sie sprachlos an.

Ja, Dir darf ich Alles sagen; mit Dir hat meine arme Mutter darüber gesprochen, Du bist ihr Rathgeber gewesen und hast sie vor der Schmach gerettet. Wie lebendig grauenhaft steht die Nacht vor mir, als meine Mutter todtenbleich mich aus dem Schlafe weckte und mir mit tonloser Stimme sagte, ich solle mich schnell ankleiden. Der Mann, den sie in unseliger Leidenschaft zu ihrem zweiten Gatten gemacht, stand unter der schweren Anklage der Fälschung und unsere Wohnung wurde seit dem Abend polizeilich bewacht, weil man hoffte, der gewissenlose Spieler würde in der Nacht seine Wohnung aufsuchen. Athemlos lauschte meine Mutter auf jeden Laut in der stillen Straße, schrill tönte der Schrei, den sie ausstieß, als er plötzlich entstellt, fast unkenntlich vor ihr er schien.Elender! rief sie und streckte die Hände abwehrend gegen ihn,rette Dich wenigstens vor den Häschern; hier, greife zu dem einzigen Ausweg, der Dir bleibt, und sie reichte ihm mit den fieber haft bewegten Händen einen Revolver. Er eilte hastig an ihr vorbei, sprang aus dem Fenster und unten hörten wir das Kreischen der Volksmenge. Meine Mutter stürzte ohnmächtig zur Erde, ich kniete zitternd neben der leblosen Frau und hörte unten rufen:Zu Pferde, ihm nach, verfolgt ihn! Eine Frau, die im Hause wohnte, kam mitleidig zu uns; sie half meine Mutter zu Bett bringen und be sorgte auch einige Stunden später einen Wagen, der Tag und Nacht fuhr und uns endlich zu Dir in Sicherheit brachte.

Ich habe Dich aussprechen lassen, Julia, obgleich ich denke, daß der elende Patron keines Gedankens werth ist. Habe ich Dich recht verstanden, Du hast Mandsfelt vor längerer Zeit verlassen?

Ja, lieber Onkel, ich habe Mandsfelt und meinen Gatten ver lassen, sagte sie mit bebender Stimme,höre mich nur weiter an; der Graf Hermani gehört zu dem Verhängniß, das über mich ge kommen. Du weißt, in einer Winternacht wurdest Du zu meiner Mutter gerufen; sie lag im Sterben. Du weißt, wie sie Dich an flehte, mich vor dem Stiefvater zu schützen; und als Du gegangen warest, da ließ sie mich niederknieen und bei ihrem Andenken schwören, nie und nimmer bei einem Menschen, außer bei Dir, des Grafen Namen zu nennen, nie von seiner unseligen Verbindung mit unsrer Familie zu sprechen, und nur, wenn es die äußerste Nothwendigkeit erheische und ich sichere Nachricht von seinem Tode hätte, mich über ihn zu äußern. Das Ungeahnte ist geschehen; der Graf ist

auf dem kleinen Fleckchen Erde erschienen, das ich mein Heim

nannte. Sie athmete tief auf und sah den alten Mann traurig an.

Ich verstehe, sie haben ihn gepackt und Deiner Mutter Name ist entehrt, Du hast die Flucht ergriffen, rief der Baron außer sich und stieß heftig den Stock zur Erde.

Sie bewegte verneinend den Kopf.Ich hoffe, er ist längst jenseits des Ozeans, sagte sie seufzend und faßte dann neuen Muth, um dem General die volle Wahrheit zu erzählen. Darauf weinte sie einige Minuten still vor sich hin und der General war so ver blüfft, daß er ebenfalls schwieg und man nur an seinem lauten

heftigen Athmen bemerkte, wie sehr ihn die Mittheilungen bewegt

hatten.

Da sollen denn doch alle Wetter dreinschlagen! rief er endlich mit lauter Stimme.Warum hast Du ihn nicht greifen lassen, Mädchen; er war es nicht werth, daß Du ihm Deinen Ruf und Dein Glück opfertest.

Er war es nicht werth, aber der Name und das Andenken meiner Mutter, erwiderte Julia fest.

Ja, Du hast die Ehre der von Manners gerettet, das ist schön, das ist brav von Dir, sagte er und reichte ihr die Hand.

Es war mir besonders um den bedauernswerthen Mann zu thun, den ich vor dem Unglück bewahren wollte, der Schwiegervater eines gewissenlosen Spielers und Fälschers zu werden, antwortete sie einfach.

Auch gut, auch gut; gedankt hat er es Dir aber schlecht; Dich im Verdachte zu haben

Er mußte mich im Verdacht haben! rief sie bleich und

athemlos;aber ich mußte ihn und mich davor behüten, daß er mich beschuldigte.

Der General versank eine Minute lang in Schweigen.Die Karten liegen allerdings so, daß einstweilen an kein Gewinnen zu denken ist. Machst Du Herrn Lindner Mittheilung von dem Zu sammenhang, so wird unser Familienname besudelt und dazu kann er noch glauben, was er will. Ich bin hierher gereist, einen be⸗ rühmten Arzt zu konsultiren; er hat mir gerathen, ruhig in Armünde zu bleiben, keinen Aufenthalt im Süden zu nehmen, sondern mich auf meinem Besitzthum gut pflegen zu lassen. Willst Du das übernehmen, Mädchen, so ist uns Beiden geholfen. Nun gehe und hole Deine Kleine; ich will versuchen, ihr Disziplin bei zubringen, obschon ich nicht mehr so recht an das Durchgreifen meines Systems glaube, besonders seit der alte Mann liebe bedürftig geworden ist. trauriger Beweis für die Unzulänglichkeit menschlicher Ueberzeugungen.

Das Band herzlicher Liebe, das uns vereinigt, ist die beste Errungenschaft, mein theurer Onkel. Du hast Dich nach mir ge sehnt o wie glücklich macht mich das! Ja, wir gehen mit Dir in die alte Heimath! 5 f

Der General reiste schon am folgenden Tage mit seinen Schütz lingen nach Armünde ab. b

Julia zog stille und resignirt ein in das alte friedliche Heim, gegen das sie einst undankbar gewesen war. Nichts war in Armünde verändert, die patriarchalische Herrschaft, in die nie ein Mißton drang, hatte sich einfach und stramm erhalten, mochte auch der Besitzer sich vorwerfen, daß das Alter ihn liebebedürftig gemacht, seine braven, einfachen Dienstleute glaubten von jeher, daß sie den besten Herrn hätten. Der alte Onkel ließ sich von Julia ver⸗ wöhnen und zeigte ihr, wie wohl ihm ihre sorzliche Pflege that; und die Kleine war seine Freude; sie wuchs heran und entfaltete sich in voller Freiheit wie eine gesunde, herrliche Blüthe, die im Sonnenschein groß gezogen.(Fortsetzung folgt.)

Auf den Wassern.

Novelle von Konrad Telmann. (Schluß.)

Ruhig und gefaßt trat Alba in das Gemach. Giacomo saß am

Fenster, beschäftigt, beim letzten Sonnenlicht sein Netz auszubessern, er starrte ihr wie einer Erscheinung entgegen.

Giacomo, sagte sie mit klangloser Stimme, im komme, Dich um einen geringen Dienst zu bitten. Frage mich um nichts, sondern denke daran, daß Du mir versprochen, mir zu Willen zu sein, wenn es Zeit wäre zur Vergeltung.

Ich glaube wirklich, es ist Zeit, daß wir aufbrechen, sagte Joseph, der mit immer wachsender Unruhe seine Umgebung musterte, es wird kühl und dämmerig, die Sonne ist lange hinunter. Um diese Zeit wird der See oft sehr unruhig und die Fahrt ist dann gefährlich

Erna lachte.Ich begreife Dich heute nicht, Joseph, ent gegnete sie scherzend,erst sträubst Du Dich mit tausend Gründen dagegen, diese Fahrt zu machen, obgleich sie als die reizvollste am ganzen See gilt, und ich sie wirklich bezaubernd finde, und nun kannst Du nicht früh genug von hier fort. Ich meine, es ist noch so schön hier, wie man es sich nur wünschen kann, und gerade, wenn die Dunkelheit uns überrascht, muß die Rückfahrt herrlich sein. Wir haben ja Mondschein

Aber trotzdem, wandte Joseph unmuthig ein,ich möchte, wirklich, wir brächen jetzt auf, Erna der Aufenthalt ist hier absolut ungeeignet für Dich diese Unsauberkeit

Aber Liebster, sonst fandest Du das Alles nur komisch und meintest, man müsse sich darein finden

Liebe Erna, Du hast es darauf abgesehen, mich heute durch Deine Widersprüche zu reizen. Ich bitte Dich dringend, daß wir jetzt aufbrechen

Sie sah ihn verwundert an.Wenn Du ernsthaft sprichst,

Joseph, so versteht es sich ja von selbst, daß wir jetzt fahren Er drückte ihr die Hand. besser so i Er stand hastig auf und rief in den Hausflur nach dem

Da stehen wir nun, Mädchen, und sind beide ein

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Ich danke Dir es ist wirklich