Ausgabe 
14.11.1886
 
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O, Gottliebe ist nicht wie die meisten Weiber, sie ist sich selbst genug, wenigstens hat sie noch niemals über Langweile geklagt, ver⸗ sicherte er eifrig, denn der Gedanke, sie aus ihrer Zurückgezogenheit zu ziehen, war ihm peinlich. Aber Frau Professor Gerty ließ sich so leicht nicht abweisen, sie sah mit ihren scharfen Augen deutlich genug, wie die Dinge lagen, und empfand aufrichtiges Mitleid mit der einsamen jungen Frau.

Endlich gab Hartenstein ihrem Drängen nach und brachte ihr Gottliebe, die scheu und schweigsam zwischen ihnen saß. Ihn empörte das schüchterne Gebahren, das weltungewandte Benehmen seiner Gattin, und zum ersten Mal hörte sie bei ihrer Heimkehr harte Worte von seinen Lippen. Auch dazu schwieg sie, aber mit schmerzlich zuckendem Herzen sah sie, wie die Kluft, die ohnehin zwischen ihnen gähnte, sich immer mehr erweiterte, sie wußte, daß es keine Brücken zwischen dem Hüben und Drüben gab.

Einige Tage später,als Roland bei seiner alten Freundin ein trat, mit einem häßlichen Witzwort über seinen letzten Besuch auf den Lippen, sah sie ihn darauf hin ernst an, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte nachdrücklich:Ihre Frau ist ein Juwel, lieber Professor, danken Sie Gott, daß Sie ein solches gefunden.

Er zuckte die Achseln, wegwerfender Spott lag ihm in den Mundwinkeln:Pah, ein ungeschliffenes. Ich bin kein Freund von innerm Werth allein, verehrte Freundin, erst der Glanz und Schimmer wirkt berauschend auf die Sinne.

Sie nickte schweigend; was er ihr sagte, hatte sie im Voraus gewußt; aber herzlich leid that ihr der Gedanke, wie oft sie schon in ihrem langen Leben gesehn hatte, daß die guten Gaben im Leben willkürlich vertheilt, von dem Einen nicht geachtet werden, dem sie zufallen, während ein Anderer sich in ungestillter Sehnsucht nach ihnen verzehrt.

Das Atelier und die an dasselbe grenzenden Räume hatte Gottliebe seit ihrer ersten Begegnung mit Roland nicht wieder während seiner Anwesenheit betreten, ein scheues Gefühl hielt sie fern davon. Sie sah ihren Gatten oft wochenlang nicht, wußte nicht, wer bei ihm ein- und ausging und sorgte nur dafür, wenn er Abends einen Kreis guter Freunde in diesem Theil des Hauses bei sich sah, daß es an nichts bei der Bewirthung gebrach. War er aber einmal unzufrieden mit sich und seinem Schaffen, litt er körperlich, oder überkam ihn ein Ekel vor dem Leben, dem er sich hingab, dann ging er hinüber in ihre Zimmer, die den Stempel der Ruhe, des Friedens, des emsigen, umsichtigen Waltens von Frauenhand trugen, warf sich auf den Divan und sagte in seiner alten herrischen Weise:

Gottliebe, komm her zu mir. Lege Deine Hand auf meine Stirn und sprich, irgend etwas, nur daß ich Deine Stimme höre. Dann saß sie neben ihm, ihre kühle, marmorweiße Hand auf seine fiebernde Stirn gelegt und sprach. Natürlich nicht von den klein lichen Vorkommnissen des Tages, sondern von seinen Werken, die sie mit großer Liebe studirte, und wenn sie genug gelobt hatte, machte sich hier und da eine leise Meinungsverschiedenheit, eine andere Auffassung, sogar ein schüchterner Tadel bemerkbar. Sie wußte es vielleicht selbst nicht, daß dem so war, aber alles, was ihn berührte, war so völlig eins mit ihr geworden, daß sie so darüber zu sprechen vermochte, wie sie es that. Roland Hartenstein stutzte zuerst und hatte dann eine scharfe Entgegnung, denn das einzigste, was ihn völlig unterjochte, war seine Eitelkeit, und diese fühlte sich gekränkt durch die Worte seiner Frau. Aber dabei kam ihm ihr Tadel doch so merkwürdig bekannt vor, es war derselbe, den ihm auch die Kritik vorgeworfen: er mache sich die Nebensachen allzu leicht. Das nächste Mal war sogar er es selbst, der Gottliebe zu einem Urtheil veranlaßte, und er staunte über ihr Verständniß und den ästhetischen Sinn, den sie dabei entwickelte. Fast gegen seine Absicht richtete er sich nach Manchem, und als man ihn nun doppelt lobte und be wunderte, daß er seinen einzigen Fehler abgelegt habe, fuhr er sich mit befriedigtem Auflachen durch sein langes, goldig schimmerndes Haar, aber er vergaß vollständig, wer ihm die Anregung dazu gegeben.

Seitdem kam er öfter hinüber, schloß die Augen, ließ sie reden und für flüchtige Sekunden gewann ihre Stimme den alten, süßen Zauberklang für ihn, den sie einst gehabt. Aber der Zauber war nur kurz, er entfloh so bald, und doch lebte Gottliebe von diesen wenigen, kurzen Minuten und sie bemühte sich um ihretwillen, alles

andere zu ertragen. Nur küssen that er sie niemals wieder, seitdem er ihr Gesicht gesehen. g

Eines Tages kam er früher zu ihr wie sonst gewöhnlich. Er warf sich nicht auf den Divan, sondern ging im Zimmer auf und ab, sie merkte, daß er sehr erregt war. Gewöhnt, nach nichts zu fragen, wartete sie ruhig ab, ob und was er zu ihr sagen würde, während Roland vielleicht auf das erste Wort von ihr wartete. Da es nicht erfolgte, blickte er sie ungeduldig an, sah ihr tief⸗ geneigtes, blasses Gesicht, die gesenkten Augenlider, die ganze stille Haltung der kleinen Gestalt, die ruhig Stich auf Stich in ihrer Arbeit machte und plötzlich erschien es ihm lächerlich, daß sie, gerade sie ihn verstehen sollte! f

Mit starken Schritten ging er auf die Thüre zu, aber ehe er sie öffnete, drehte er sich noch einmal nach ihr um. Sie hatte jetzt die Augen aufgeschlagen und sah ihn an, die Arbeit lag müßig im Schooß. Er kehrte hastig um, kreuzte die Arme auf dem Rücken und blieb vor ihr stehen.

Hast Du mich endlich bemerkt? fragte er herb.

Sie lächelte etwas:Ich wartete auf das, was Du mir etwa sagen wolltest, eine Frage hätte Dich vielleicht geärgert, da ich sah, daß Du nicht recht einig mit Dir warst.

Nicht recht einig? knüpfte er gereizt an ihre letzten Worte an,da irrst Du! Ich bin vollständig einig mit mir und will der Welt beweisen, daß ich Recht habe. Auf den Gegenstand, den die Kunst verherrlicht, kommt nichts an, garnichts, sage ich Dir! Mag er noch so oft variirt sein, Du drückst ihm doch stets ein individuelles

Gepräge auf, wohl aber alles auf eben diese Individualität und

die Ausführung! Professor Brüning sprach gegen meine Theorie. Da habe ich denn versprochen, zum Herbst für die Ausstellung ein Bild zu malen, dessen Sujet, schon tausendmal dagewesen, von mir doch ein anderes Gepräge erhalten soll. Tannhäuser im Hörsel⸗ berg habe ich gewählt; es giebt wohl nicht leicht etwas, das man öfter in Wort und Bild zu sehen und zu hören bekommt. Die ganze Idee steht schon lebendig vor mir. Meine Venus soll aber nicht mit flehend ausgestreckten Armen den Abtrünnigen halten wollen, sondern sie greift spielend nach einem Schmetterling, als er zum letzten Mal den Kopf nach ihr zurück wendet, und den Tann⸗ häuser müßte ich sehen, der bei solcher eklatanten Gleichgültigkeit da wo er sich geliebt glaubt, noch im Stande wäre zu gehen. Bitten vernkag ein Jeder bei der geringsten Uebersättigung zu wider⸗ stehen, nimmermehr aber der quälenden Frage, was von Beiden, Liebe oder Gleichgültigkeit, nun erheuchelt gewesen.

Gottliebe sah sehr nachdenklich auf den Sprechenden, dann schüttelte sie ernst den Kopf. N

Du irrst, Roland.

Nun, ich urtheile eben nach mir.

Gerade Du wärst niemals im Stande, selbst auch nur erheuchelte Gleichgültigkeit zu ertragen, in demselben Augenblick würde jedes andere Gefühl in Dir sterben.

Ah, Du hältst mich also für jämmerlich eitel.

Sie schwieg und bückte sich nach ihrem herabgefallenen Garn; er legte hastig seine Hand auf ihren Arm.

Sprich, ich will wissen, was Du denkst.

Dich hat das Leben, die Huldigungen der Menge sehr ver⸗ wöhnt, sagte sie nach einigem Nachsinnen,ich glaube wirklich, daß Du das Gegentheil nicht vertragen würdest.

Passirt ist es mir freilich noch nicht, antwortete er mit einem selbstgefälligen Lächeln und fuhr wieder durch sein blondes Haar. Gerade darum würde es mich reizen; aber nur verstehe mich recht wo ich bedingungslos bewundern dürfte.

Gottliebe seufzte peinlich. Es war ihr nicht fremd, daß Roland Hartenstein sehr oft bewunderte.

Indessen begann das Bild, von dem er ihr zuerst gesprochen, zu wachsen und selten war der Professor so eifrig, ganz mit Leib und Seele bei seiner Aufgabe gewesen wie diesmal. Von Morgen bis Abend arbeitete er rastlos, dann drückte er den großen, weichen Filzhut auf das Haar und durchwanderte die Straßen der Stadt nach einem passenden Modell für seine Venus. Gerade in dieser Frauenerscheinung wollte er etwas ganz Besonderes, Eigenartiges schaffen und weder seine Phantasie, noch das Vorhandene schien ihm dazu ausreichend.

Je weiter das Bild fortschritt, desto übellauniger und unzu⸗ friedener wurde er, desto rastloser auch im Suchen. Schon stand

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