Ausgabe 
14.11.1886
 
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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werben.

zu den

Oberhessischen Unchrichten.

Nr. 46.

Gießen, den 14. November.

Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. (Fortsetzung.)

Alle die alten Freunde und Freundinnen, die Roland Hartenstein in seinen glücklichen Tagen besessen, die ihn in der Nacht des Un⸗ glücks vergessen und verlassen hatten, brachte die Nachricht seiner Genesung wieder vollzählig herbei. Sie beglückwünschten ihn und schmeichelten nach wie vor, ja noch mehr wie vorher, denn sie sagten sich im Stillen, daß sie eine Scharte auszuwetzen hatten, die ihre Gleichgültigkeit und Undankbarkeit gegen ihn gerissen, und ihm obgleich er wußte, daß er die Menschen verachte that die so lange entbehrte Huldigung wohl, er nahm sie an und berauschte sich an ihr, ohne nach ihrem Werth oder ihrer Dauer zu fragen. Was er so lange entbehren gemußt, hatte jetzt doppelten Reiz für ihn; er lachte zwar und wies es spöttisch von sich, wie einen aufdringlich schmeichelnden Sonnenstrahl, aber es war doch Sonne, es war doch Licht und Leben, das seine Strahlen voll über ihn ausgoß.

Irgend wer hatte dann auch die wunderbare Mär in die Ge⸗ sellschaft getragen, daß der vielbegehrte und umworbne Professor Hartenstein nicht mehr frei sei, sondern sich aus der dunklen licht⸗ losen Lebenszeit ein Wesen mit hinübergenommen habe in sein jetziges glanzvolles Dasein, das ihm vor Gott und den Menschen angehöre ein Weib! Aber man sah sie nie. gieriger direkt darnach, so gab er es einfach zu, ohne irgend etwas hinzuzufügen. Man traf ihn aber stets allein, und die Frau Pro⸗ fessorin wurde allmählich eine Mythe, um so mehr, da er auch seine alten wüsten Junggesellenthorheiten zum großen Theil wieder aufnahm.

Nur die Frauen, in manchen Dingen weit scharfsichtiger wie die Männer, kamen zu dem Resumeé:

Er schämt sich ihrer. Wer weiß auch, wie er dazu gekommen ist. Und sie hatten Recht wie immer. Roland Hartenstein schämte sich seiner Gattin.

Wenn sie das etwa fühlte, so machte sie doch gar kein Aufhebens davon. Still und unbeachtet suchte sie sich in dem großen stattlichen Haushalt einen bescheidnen Platz zu schaffen, obgleich sie nirgends nöthig, wohl aber überall überflüssig war. Die Dienstleute sahen sie mit Mißtrauen an, sie paßte mit ihrer dürftigen Erscheinung und ihrem schlichten Kleid so garnicht in den glänzenden Rahmen, und der Professor vergaß ihrer immer mehr und mehr.

Die erste Zeit hatte er versucht, so viel aus ihr zu machen, wie nur irgend möglich war. Friseure, Schneider und Putzmacher hatten ihre Kunst ausüben müssen, denn der lebenserfahrene Mann wußte recht gut, daß durchaus nicht immer positive Schönheit bei einer Frau nothwendig sei, um zu gefallen. Aber bei Gottliebe erwies sich Alles vergeblich. Sie hatte keinen einzigen pikanten Zug an sich, auf dem sich etwa fortbauen ließ, nichts garnichts! Sie war häßlich vom Scheitel bis zur Sohle. Mit ihrem gewohnten

schüchternen Lächeln trat sie eines Tages ihm wieder gegenüber, mit 8 2

Fragte ihn irgend ein Neu⸗

dem schlicht gescheitelten Haar und dem einfachen Kleid, das sie in der Klinik getragen. Er blickte flüchtig über sie hin und sagte in der gleichgültig grausamen Art, die ihm eigen:

Du hast Recht, bleibe so, bei Dir läßt sich doch nichts er reichen.

Und nicht wahr, Roland, antwortete sie bittend, ohne nur mit einer Silbe seiner Bemerkung zu gedenken,ich brauche nicht mit Dir unter Menschen, Du läßt mich ruhig zu Hause. Es würde mir schrecklich sein, wenn man mich betrachtete und sich über Deinen Geschmack wunderte. Mein Glück liegt allein darin, Dir etwas, wenn auch noch so wenig, sein zu können.

Er sah sie erstaunt an. Daß Gottliebe wirklich ein Recht zu dem Verlangen habe, öffentlich an seiner Seite zu erscheinen, hatte er noch garnicht bedacht. Jetzt, wo ihm die Frage zum ersten Mal gegenübertrat, mit der erwünschtesten Lösung zusammen, mußte er e⸗ lachen. Im Geist sah er die aristokratischen Salons, denen er bis her Glanz verliehen, die schönen eleganten Frauen, die sich um ihn zu drängen pflegten, und unter ihnen Gottliebe, mit dem gescheitelten Haar und dem puritanischen Kleid. 11

Beruhige Dich, Kind, sagte er heiter,es fällt mir garnicht 1110 ein, Dich mitzunehmen. In die Kreise gehörst Du wirklich nicht. f

Seine Antwort gab ihr die Bestätigung ihres Wunsches und. traf sie doch mitten in's Herz. Eine schmerzliche Bitterkeit wallte in ihr auf und drängte sich fast auf ihre Lippen, aber sie schloß sie 1 fest ab. Hatte sie nicht Alles genau so kommen sehen, wie es kam, und sich doch mit offnen Augen in dies Märtyrerthum hineindrängen lassen von ihrem eignen Herzen? Nun wollte sie kleinmüthig ver⸗ zagen und jammern? Wer anders trug denn die Schuld als sie

allein, er er war ja nur dem Impuls seines großmüthigen 1 Herzens gefolgt, als er sie an sich kettete. Ihr war großmüthig, g

was einem Andern wie krasser Egoismus erscheinen mußte! Daß 1 sie sich mit offnen Augen über Roland Hartenstein's Charakter zu 99 täuschen versuchte, sagte ihr zum Glück Niemand. 10

Der Sommer ging dahin, die Blätter färbten sich schon gelb, und der gefeierte Künstler war in Allem ganz wieder der Alte geworden. Niemand in seinem großen Bekanntenkreise dachte mehr daran, daß er 41 verheirathet sei, Niemand sprach davon, oder hatte noch Lust, Gott⸗ 4% liebe's Bekanntschaft zu machen. Nur eine sehr alte Dame, die schon N g Jahrelang Hartenstein's mütterliche Freundin gewesen, und die allein sich herausnehmen durfte, ihn zu tadeln, von der er einzig ein ernstes Wort der Ermahnung vertrug, hatte das Ansinnen an ihn gestellt, ihr seine Frau zu bringen.

Es scheint mir, als wenn sie viel allein sein muß, sagte sie mit ernstem Blick in Roland's erregtes Gesicht,da ist es denn mitunter sehr gut, ein paar Stunden verplaudern zu können.

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