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verrichteten die blutige Arbeit.
Blutnacht vor der jütländif
Julitages schien auf seine erstarrten Züge.
sich am Gewühl des Lebeus,
sehen hätte
zusammenfanden, kompagnie-, zug⸗ rottenweise mit dem Muthe der Verzweiflung, wo einem an dem Leben und dem Sieg nichts mehr liegt, wo man sich nur noch rächen, von den Feinden so viel als die Arme umfassen können, mit sich in den Tod hinabreißen will. Wir schossen nicht viel. Das Bajonnet, der Kolben, der Säbel Unsere Offiziere waren fast alle todt, versprengt oder gefangen. Ein junger Bataillonsarzt kom⸗ mandirte unsere Schaar. Sein Säbel that bessere Dienste als seine Lancette und sein Messer.
„Ergebt Euch,“ schrie ein dänischer Major uns zu.„Feuer!“ war die Antwort unseres Führers. Unsere Büchsen knallten. Es war unsere letzte Patrone, dann klirrte das Eisen, der Stahl an⸗ einander.
Da schoß dicht vor mir ein feuriger Strahl durch die Nacht. Ich fühlte einen Schlag an der Schulter und stürzte nieder.
Wie ich aus dem Gewühl gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe nur die dunkele Erinnerung, daß mich eine feste Hand am Uniformkragen faßte und fortschleppte aus dem Bereich der Alles niederstampfenden und niederschlagenden Kämpfer, die sich in einander wie reißende Thiere verbissen hatten. Und während wir in dem nächtlichen Ringkampf verbluteten, ftand wenige Meilen da— von ein deutscher General mit Tausenden deutscher Bundestruppen unthätig, Gewehr beim Fuß. Weder der Donner der Kanonen, noch der Schrei der sterbenden Landsleute weckte ihn aus seiner Ruhe, durfte den General nicht wecken. Die Diplomatie wollte, daß wir verbluteten. O, es war eine Zeit tiefster Schmach.“
Unser Gastfreund hielt inne, seine Brust hob sich krampfhaft, seine Stimme klang tief schmerzlich erregt! Die blassen Wangen glühten in fieberhafter Röthe, die Augen starrten weit geöffnet ins Leere, als sähen sie die Schrecknisse jener Mordnacht vor Fridericia, die mit einander ringenden Kämpfer, die Verwundeten, Sterbenden, Todten, auf deren bleiche, blutige, schmerz- und kampfverzerrte Züge die aufsteigende Sonne ihre ersten Strahlen warf.
Tief ergriffen waren wir durch die Schilderung der grauenvollen
schen Festung und keine Frage unserer— seits unterbrach die feierliche Stille im Zimmer.
Frank erhob sich endlich und ging, seine Aufregung nieder— kämpfend, einige Male auf und nieder. Endlich hatte er sich soweit gesammelt, daß er in seiner Erzählung fortfahren konnte.
„Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich unter einem Ge⸗ büsch, am Rand einer sumpfigen Wiese liegend, rings um mich herum noch eine Anzahl schwerverwundeter Kameraden. Neben mir lag ein Todter. Die helle Sonne eines warmen blauhimmlichen Der Kopf ruhte auf übereinander geworfenen Armen, deren rechter sich empor streckte, als wolle er den Himmel anrufen zur Rache für die Gefallenen, die von ihren deutschen Brüdern verlassen worden waren in ihrer höchsten Noth, weil die hohe Diplomatie in London, in Petersburg es wollte! Ich habe diesen Todten lange nicht vergessen können. Während meines Wundfiebers im Rends⸗ burger Lazareth, wohin man mich mit den anderen Verwundeten gebracht, sah ich das starre Gesicht des jungen Soldaten— ich kannte ihn, er war aus Wesselburen— vor mir. Ueber zwei Monate lag ich im Lazareth. Der Schuß, den ich erhalten, war zwar ge— heilt, allein meine Gesundheit war so erschüttert, daß ich als Halb— Invalide entlassen wurde. Ja, ich war noch krank, recht krank, das merkte ich am ehesten, wenn ich in Hamburg, wohin ich nach meiner Entlassung aus dem Rendsburger Militärlazareth gegangen war, durch die menschenerfüllten Straßen ging. Ein Gesunder erfreut an dem Treiben des Verkehrs, wie er sich in der alten großen Hansestadt überall dem Blicke zeigt. Aber ein Kranker sehnt sich nach Ruhe, nach Einsamkeit, vor Allem aber nach der Heimath. Und diese Sehnsucht nach Ruhe und der Heimath kam über mich mit unwiderstehlicher Gewalt. Sie wurde um so gewaltiger, als ich lange keine Nachricht von dort erhalten hatte. Ich sehnte mich nach den Bergen und Wäldern, nach der Luft der Heimath, nach den Tummelplätzen meiner Jugend. Und an einem regnerischen, trüben Herbsttag wurde diese Sehnsucht so groß, daß ich von Hamburg abreiste. Am andern Tage spät in der Nacht hielt der Wagen vor dem Postgebäude meiner Vaterstadt. Von den anderen Passagieren hatte ich keinen gekannt, sie mich wohl auch nicht. Mein durch Krankheit und einen Vollbart verändertes Aus— mich aber auch im Dunkel der Nacht nicht erkennen
den nach hinten kreuzweise
lassen. In den Straßen der Stadt war Alles Herbstwind, der um die Ecken pfiff, war der einzige lärmende Ge⸗ selle. Doch dort unten am Fischmarkt war noch helles Licht und zuweilen trug der Wind abgerissene Musikklänge herüber. Es war das Haus der Kasinogesellschaft. In dem Bureau des Postmeisters brannte noch Licht. Ich kannte den Weg dahin durch eine Thür im Hofe. Ohne zu klopfen öffnete ich. Mein Freund saß an seinem Schreibtisch, den Rücken der Thüre zugewendet. Bei dem Geräusch erhob er sich, überrascht durch den späten Besuch, den er im Halb⸗ dunkel nicht gleich erkannte.
„Moritz“ rief ich mit bebender Stimme.
„Walter! Walter! Du bist es!“ und jähes Erschrecken flog über ihn, während er mir die Hände entgegenstreckte.
„Ich selbst,“ antwortete ich und hing an seinem Halse.
Er hielt mich fest umschlungen. N
Plötzlich riß er sich los und ging zur Thür, die er verriegelte.
„Hat Dich Jemand gesehen, Walter?“ flüsterte er, als fürchte er, man könne ihn in dem anstoßenden Bureauzimmer hören.
„Ich glaube nicht. Aber warum? Und weshalb verriegelst Du die Thür?“ forschte ich, weniger beunruhigt, als verwundert über das ängstliche und auffallende Benehmen meines Freundes.
„Hast Du meinen Brief nicht erhalten, den ich Dir vor acht Tagen nach Rendsburg schrieb?“ fragte er zurück—
„Vor acht Tagen,“ staunte ich,„nach Rendsburg? Das habe ich ja schon seit drei Wochen verlassen. Ich komme von Hamburg, von da aus schrieb ich Dir ja auch.“ Er stand auf und schlug sich vor den Kopf—
„So ist Dein Brief an mich verloren gegangen und der meinige liegt als unbestellbar im Postbureau zu Rendsburg oder im dortigen Militärlazareth, o, o“ und er ging, die Hände ringend, im Bureau auf und nieder. a
„Aber mein Gott, was ist denn, Moritz?“ drängte ich, noch mehr verwundert, als beunruhigt durch sein unerklärliches Benehmen.
„So weißt Du nicht,“ raunte er mir in ängstlichem Flüster⸗ ton zu, als fürchte er, die Wände könnten Ohren haben,„daß Du vom hiesigen Kriminalgericht steckbrieflich verfolgt wirst? Hier,“ fuhr er fort, eine Anzahl Briefschaften und Zeitschriften hastig durch— stöbernd,„hier las ich vor einer halben Stunde in dem neuesten Eberhard'schen Polizei-Anzeiger Deinen Steckbrief.“ Und er reichte mir ein Blatt in kleinem Oktav⸗Format, auf dessen enggedruckten Seiten in jenen Jahren mehr Freunde des Vaterlandes und der Freiheit als Räuber und Diebe verfolgt wurden.
Ja, da stand es. Wie ich leibte und lebte, hatte man mich beschrieben und das Verbrechen, dessen man mich bezüchtigte, war Theilnahme am Barrikadenkampf in Frankfurt am Main und—— verdächtig der Beihilfe beim Mord des Fürsten Lichnowsky!
Mir schoß das Blut in's Gesicht.
Auf den Barrikaden hatte ich gefochten, aber mir eine so feige Grausamkeit zuzutrauen, wie die gegen Lichnowsky verübte! Ich batte den Fürsten ein einziges Mal in der Paulskirche gesehen. „Man wirft mir da eine Schändlichkeit vor,“ rief ich empört aus, „die ich nicht auf meinem Namen sitzen lassen kann. Ich werde morgen auf das Kriminalgericht gehen.“.
„Unvorsichtiger, das wäre das Schlimmste, was Du thun könntest,“ flüsterte der Postmeister,„Du bist zwar unschuldig an Lichnowsky's Ermordung, aber auf den Barrikaden hast Du mit gekämpft. Das kannst Du nicht leugnen. Man läßt den Anklagepunkt wegen Lichnowsky fallen und verurtheilt Dich wegen Theilnahme am Auf— ruhr. Nein, nein, Du darfst Dich nicht selbst ausliefern. Du mußt flieben. Gehe hinüber über das große Wasser, nach Amerika. Du wirst dort bald Tausende von Landsleuten finden. Weißt Du, was uns von unseren Errungenschaften von Achtundvierzig übrig bleiben wird? Lies im Heinrich Heine nach. Dort wirst e finden. Du kennst den Vers vom Nationalzuchthaus.“
Ich konnte ihm nicht widersprechen.
Ich fragte nach meinem Vater, nach meinen Geschwistern. Ich sehnte mich, den alten Mann noch einmal zu sehen, mich mit ihm auszusöhnen, bevor ich die Heimath verließ.
Der Postmeister schwieg eine Weile, bevor er auf meine Frage antwortete. Dann sagte er, mich an der Schulter fassend und mir mit bekümmert⸗theilnehmender Miene in's Gesicht sehend:
„Ich verstehe Deine Sehnsucht. Aber es ist besser, wenn Du nicht zu den Deinen gehst. Sieh, Bruderherz, Brutus war zuerst
ruhig und still. Der
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