Ausgabe 
14.2.1886
 
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römischer Bürger und dann Vater. Dein Vater ist zuerst Unter⸗ than seines Herrn und dann Vater. Und Deine Schwester und Dein Schwager? Du kennst ihre Gesinnungen und sie sind in der Zwischenzeit keine anderen geworden. Dein Schwager giebt es nur seiner Verwandtschaft mit Dir, Deinen demokratischen Gesinnungen schuld, daß ihm der Doktor Kuhnert bei Besetzung der Professur vorgezogen wurde. Was willst Du? der Mann hat vier Kinder, eine Frau, die wollen essen, trinken! O, dieser Familiensegen. Man wird ein Lump dabei und fühlt sich doch so voller Moralität als guter Familienvater, fügte er mit bitterer Ironie hinzu. Aber trotz des Abredens des Postmeisters blieb ich bei meinem Vorsatz. Ich mußte noch einmal meinen Vater sehen, ehe ich in die weite Welt ging.

Gut, sagte der Postmeister.Aber vor morgen Abend ist es nicht möglich. Es hat Dich Nie⸗ mand gesehen und darf Dich Niemand sehen. In solchen elenden Zeiten wach⸗ sen die Angeber und Verräther wie die Giftpilze nach war⸗

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Der Kämmerling erinnerte ihn, daß es Zeit zum Aufstehen sei; aber Rudolf hörte nicht mehr; er war zu seinen Vätern versammelt.

Nirgends, weder in den habsburgischen Landen, noch in Deutsch⸗ land herrschte Trauer; war doch der zweite Rudolf kein Mann ge⸗ wesen, der Theilnahme oder Liebe erwecken konnte. Freudige Hoff⸗ nung setzte man aber auf Matthins, und die Böhmen jubelten ihm zu, als er, der frühere König von Ungarn, in Prag einzog und auf dem Hradschin Wohnung nahm, um hier als deutscher Kaiser zu thronen. Eigentlich war Matthias keine Heldengestalt, zu der das Volk mit Bewunderung aufblickte; aber man hoffte doch, daß a er seinen verstorbenen Bruder geistig überragen werde. Auch befand sich bei ihm seine Gemahlin Anna, die ihm erst am 4. Dezember 1611 angetraut war, die Tochter des Erzher zogs Ferdinand und der dunkeläugigen

Prinzessin von Mantua..

Anna besaß die⸗ selben dunklen Augen wie die Mutter und wußte mit ihnen das Volk zu bezaubern, so daß man in ihrem

mem Gewitterregen empor. Du bleibst diese Nacht bei mir. Morgen Abend gehst Du nach Schwickers⸗ dorf so hieß die

Schwächlichkeit des fünfzigjährigen Kai⸗ sers übersah, den nur die jämmerlichste Schmeichelei mit ei⸗

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Domäne, die mein ner starken Eiche Vater bewirthschaf verglichen hätte. Wer 0 tete und dann die Jammergestalt 1 12 geht's gleich wieder des kleinen, schon 4 13 fort zur Bahnstation. weißbärtigen, abge⸗ 15 Aber Du wirst Hun⸗ lebten Kaisers nicht ö 112 ger haben, fügte er übersah, dem er⸗ g 1 hinzu, 5 Und schien die wirkliche 1 5 er zog mich in ein Schönheit Annas 10 Nebenzimmer. nur noch herrlicher 4 . Er hatte kalte und ihretwegen 1 Küche und Wein und drängten sich viele bald saßen wir beim Edelleute an den Hof. 3. späten Abendbrot. Zu diesen gehörte M Der alte Rüdeshei Gottfried von Wer⸗ 4

der; denn floh er öffentliche Feste, so klang doch nächtlich 1 im Garten des Hradschins seine Zi 4 ther, zu der er sang:.

Was will beim I

9 mer that seine Wir⸗ 1 kung. Wir Deutsche gehören nun einmal zu den Menschen, bei denen ein guter Trunk in den ver⸗ zweifeltsten Lebens⸗

lagen unsere Stim⸗ Dorubusch die Rose 1. mung in's Gleich⸗ Dem alten sturm⸗ 19 gewicht bringt. Ich Prof. Heinrich Dernburg. durchtobten? 1 fragte nach Iduna. 5 oder: 1 Der Postmeister sah mich von der Seite an. Er wollte sich jeden Du locktest des Liedes Töne, 1

falls versichern, ob diese Wunde vernarbt sei. Ich sing' sie mit treuem Muth. 14 (Fortsetzung folgt.) O blühe für mich, Du Schöne; 1 Ich bringe für Gluthen Gluth. 4.

555 5 Das war fast zu kühn, wenn auch Kaiser Matthias eines recht 1

a 5 gesunden Schlafes genoß; aber die Kühnheit gefällt, und die Kaiserin 1

Die Brüder. schickte ihre Kammerfrau Sylvia Cavrtani in den Garten, daß diese 1

den Sänger ausschelte und sich nach seinem Namen erkundigen möge.

Ich werde ihn wahnsinnig und närrisch nennen, äußerte Sylvia; aber Anna verbot dies, Vorstellungen sanfterer Art würden genügen. Sie möge den Dichter nicht mit Rauhheit in Verzweif⸗ lung treiben.

Als der Sänger die hohe und weißgekleidete Gestalt der Kammer⸗ frau auf sich zukommen sah, meinte er, daß es die Kaiserin sei, sank auf das Knie und rief:Holde Zauberin, deren Reiz tödtet und belebt, ich erwarte aus Eurem schönen Munde mein Urtheil.

Sylvia Cavriani lachte über die Verwechselung und äußerte, der

Eine historische Skizze von Wilhelm Grothe.

Am Morgen des 20. Januar 1612 hatte der dienstthuende Kammerdiener dem deutschen Kaiser Rudolf dem Zweiten gemeldet, daß der zahme Löwe, der Liebling des finsteren Fürsten, in der Nacht gestorben sei. Der fast gänzlich entthronte Habsburger, dem sein Bruder Matthias eine Krone nach der andern entrissen hatte, griff nach dem Herzen, wandte sich im Bett um und murmelte leise vor sich hin:Dann ist auch die Reihe an mir. Herr, Dein Wille geschehe!