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den Gefallen, wenn er mich auch lachend einen sentimentalen Menschen nannte. Seit jenem Tag waren wir gute Freunde geworden, ich und der Hund, den man Findling nannte. Die Knechte meinten, er tauge weder zur Jagd, noch als Schäferhund, und lungere nur unnütz in Hof und Haus herum. Dabei mußte er manchen Fuß— tritt von den rohen Gesellen hinnehmen.
In Deutschland war es indessen immer trübseliger geworden. Die Reaktion war wieder mächtig. Wo waren die Blüthen des Märzes geblieben?„Und ein Frühling ist im Lande, wie die Welt noch keinen sah,“ sang das Volk in den Märztagen von Achtund— vierzig. Aber dem Frühling war ein rauher Herbst gefolgt, dessen kalter Nordwind, über Rußlands Schneesteppen kommend, alle Blüthen erstarrte.
Wie dem Völkerfrühling, so erging es auch dem Lenz meiner ersten Liebe. Kurz vor meiner Rückkehr von Frankfurt am Main war ein junger Offizier Adjutant des Herzogs geworden, der vorher in österreichischen Diensten gestanden, indessen sich genöthigt gesehen hatte, seinen Abschied zu nehmen.
Aber der junge Mann war hübsch, eine große, stattliche Figur, ein flotter Tänzer und Reiter, er besaß den Ruf eines gefürchteten Duellanten, in Prag sollte er einen Grafen im Zweikampf erschossen haben und vor Allem, er war Baron und Adjutant Seiner Hoheit. Mehr als genug, um alle diese Skandalgerüchte über seinen Ab— schied in Oesterreich vergessen zu lassen. Die Honoratioren fühlten sich glücklich, wenn der Adjutant ihre Töchter engagirte und ihnen den Hof machte. Zu den Damen, welche sich der besonderen Auf⸗ merksamkeit des neuen herzoglichen Adsutanten erfreuten, gehörte auch Iduna. Er überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten und sie, eitel und gefallsüchtig, nahm seine Huldigungen an. Die Eltern aber fühlten sich durch die Bevorzugung ihrer Tochter geschmeichelt, hoch geehrt. Sie lächeln ungläubig, meine Herren,— und ein Zug bitterer Ironie schlängelte sich um den von einem dunkelblonden Schnurr⸗ bart beschatteten Mund Frank's,— aber es ist so, wie ich Ihnen da sage. Es war auch der Grund, warum mich Iduna und ihre Eltern bei meiner Rückkehr von Frankfurt am Main so kühl empfingen. Der Adjutant des Herzogs schien ihnen ein vornehmerer Gatte und Schwiegersohn.
Dem Herrn Adsutanten wurde übrigens das Spiel, sich Iduna's und ihrer Eltern Gunst zu erobern, durch mein Verhalten selbst erleichert. Mit meiner Rückkehr von Frankfurt am Main hatte ich mich immer mehr von allen geselligen Vergnügungen zurückgezogen. Wie sollte ich mich an Tanz und Spiel erfreuen, während das Standrecht durch das Land ging und der Kerker meine Freunde und Gesinnungsgenossen bedrohte?
Auch in meinem Heimathland war der Rückschritt wieder mächtig geworden. Mit jedem Tage wurde mir das Leben peinlicher. Die
Nachrichten aus Schleswig-Holstein lauteten immer gefahrdrohender
für die Herzogthümer, dieses deutsche Land, wo ein deutsches Volk in Waffen für seine Nationalität blutete. Meine Schwester und mein Schwager, denen Iduna's Kokettiren mit dem Adjutanten nicht unbekannt geblieben war, drangen in mich, rasch Hochzeit zu machen. Sie fürchteten, die reiche Braut könnte mir entschlüpfen.
Ich Hochzeit machen in solcher Zeit, in so entsetzlichen Tagen, in denen zu leben für einen Mann, der die Freiheit und sein Vater⸗ land liebte, eine tödtliche Qual war.
Auch war ich längst zu der Erkenntuiß gekommen, daß zwischen meinen und Iduna's Lebensanschauungen eine tiefe Kluft gähnte — die vielleicht selbst meine Liebe zu ihr nicht überbrücken konnte. Ich machte Ausflüchte. Iduna und ihre Eltern, denen die Ver⸗ lobung mit mir eine Fessel war, deren sie sich zu entledigen suchten, kamen mir dabei zu Hülfe, als meine Schwester bei einem Besuch auf baldige Hochzeit drang. Iduna sei kränklich, nervös. Sie müsse sich erst wieder erholen. Die Nachrichten aus Schleswig-Holstein wurden indessen immer ernster, mahnender. Ein Aufruf zum Ein⸗ tritt Freiwilliger in die Armee erschien. Da schoß es mir heiß ins Gesicht. Dort ist Dein Posten, sagte ich mir. Mein Entschluß war gefaßt. Wenige Tage später reiste ich ab, nachdem ich meinen Vater, sowie meine Verlobte und deren Eltern brieflich von meinem Schritt in Kenntniß gesetzt hatte. 8
Es war eine stürmische Märzuacht, in welcher mich eine Extra— poft zur nächsten Bahnstation brachte. Mein Freund, der Post⸗ meister, gab mir das Geleite.
Am Himmel verhüllte düsteres Gewölk den Mond. Windstöße
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trieben Schneeflocken und Rege kalte Luft ließ uns bis ins Mark erschauern.
Als der Morgen graute, fahl, nebelig, kalt, war die Station
erreicht und wir mußten uns trennen.
„Bruderherz,“ sagte der Postmeister,„wenn ich nicht Frau und Kinder hätte, so ging ich mit Dir.“
Die Glocke läutete zum Einsteigen.
„Behüt' Dich Gott, Postmeister,“ sagte ich.„Bleibe zu Hause und erziehe Deine Jungen zu deutschen Männern, welche die Frei⸗ heit und ihr Vaterland lieben.“
„Jagt die Dänen aus dem Lande,“ rief er mir ins Coups nach. Dann noch ein schneller Händedruck und mit gellendem Pfiff stürmte die Lokomotive, schnaubend und rasselnd den Zug hinter sich her⸗ schleppend, hinein in den dichten Märznebel der niederdeutschen Tiefebene.
Meine plötzliche Abreise aus der Residenz rief, wie mir der Postmeister nach Rendsburg, wo ich in ein Jägerbataillon getreten war, schrieb, die tollsten und mannigfaltigsten Gerüchte hervor, die wie Mücken an einem heißen Sommertag über einem Sumpf durch— einander schwirrten.
Meine Angehörigen waren in hellem Zorn über diesen wahn⸗ sinnigen Schritt, wie sie ihn bezeichneten, der allen meinen Verkehrt⸗ heiten die Krone aufsetze. Meine zukünftigen Schwiegereltern hatten gleichfalls sehr entrüstet gethan, aber in Wirklichkeit hatten sie sich darüber gefreut; er war ihnen ein willkommener Vorwand zum offenen Bruch. g
Der Postmeister schickte mir das Zeitungsblatt, in welchem der Herr Kommerzienrath Römpler die Verlobung seiner Idung mit mir für aufgehoben erklärte.
Zu jeder anderen Zeit würde mir diese Mittheilung trotz alle— dem peinlich gewesen sein. Denn wenn ich auch erkannt hatte, wie wenig Iduna und ich in unseren Lebensanschauungen übereinstimmten,
so war doch das Gefühl, das ich einst für sie gehegt, in meinem 25 9 9 1
Herzen nicht ganz erloschen. Aber hier im Feldlager, auf diesem blutgetränkten Boden der Herzogthümer, wo unsere Armee das letzte Bollwerk für das Recht einer Million Menschen deutschen Stammes war, kam mir die ganze Angelegenheit so kleinlich vor, trat das Persönliche so sehr zurück vor der allgemeinen Nothlage und Be⸗ drängniß, daß ich das Zeitungsblatt gleichgiltig bei Seite legte. Ebenso ruhig ließ mich die weitere Mittheilung meines Freundes, daß man schon von einer Verlobung Iduna's mit dem Baron Grüner spreche.
„Baron Grüner,“ riefen wir Beide, ich und der Kurhesse, „Ihr Gegner? Sie haben sich schon gekannt?“
Frank schüttelte den Kopf.„Daß dieser Mann der Baron Grüner ist, habe ich erst gestern Abend erfahren. Gesehen habe ich ihn zuerst im Café national. In der Residenz waren wir einander nie begegnet. Er war erst kurz nach meiner Abreise nach Frank⸗ furt am Main in des Herzogs Dienst getreten und in den wenigen
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Wochen, die ich nach meiner Rückkehr von Wachenheim zu Hause
verlebte, hatten wir uns nicht getroffen, zumal ich dem Umgang mit jenen Kreisen absichtlich auswich. Er war mir aber von Stunde an, wo ich ihn hier sah, zuwider. Vielleicht ging es ihm mit mir ebenso; und vielleicht erschlug er aus dieser Antipathie meinen armen Hund. Er ahnte wohl, daß er mir damit das tiefste Leid zufügte. Wir Beide sind eben die stärksten Gegensätze, Menschen von so ver⸗ schiedener Mischung des Blutes, daß wir bei jeder Berührung in Kampf aufeinander treffen müssen. Solche Leute thun wohl, ein— ander aus dem Wege zu gehen; stoßen sie zusammen, dann trifft Leben auf Leben.“ Nach dieser Zwischenbemerkung fuhr Frank fort:
„Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze ließen mich bald die Angelegenheit in der Heimath ganz vergessen. Wenige Wochen nach der Kauonade von Eckernförde war ich selbst mitten im Kampf. Unser Bataillon war mit dabei, als wir die Dänen aus Kolding jagten, und dann lagen wir vor den Wällen von Fridericia. War diese Festung bezwungen, dann war Schleswig⸗Holstein frei! Aber Gott schickte es anders. In einer dunklen Julinacht griff uns General Ryn mit überlegener Macht an. Ich war kurz vorher vom Vorpostendienst abgelöst worden und lag im tiefen Schlaf, als mich der Donner der dänischen Geschütze, das Wirbeln der Trommeln und der Alarmruf unserer Trompeten emporschreckte. Der Feind stand schon mitten in unserem Lager! An ein Sammeln der Bataillone und Regimenter war nicht zu denken. Wir kämpften, wie wir uns
n gegen die Wagenfenster. Die naß⸗
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