187
e
e
Kutscher noch zugegen und man nimmt sich keine Zeugen, wenn man die Absicht hat, Jemand zu berauben.
Der Kutscher fluchte und wetterte noch über sein Pferd, als die beiden sich entfernten. Der Reiter führte sein Pferd am Zügel und sprach durch Sturm und Regen zu dem Fremden.„Besuch ist selten auf dem Gute,“ sagte er,„wegen der gnädigen Frau. Ihr Leiden kann sich noch lange Jahre hinziehen; aber es kann auch plötzlich ein Ende mit ihr haben, die Lungenleiden sind unberechenbar und selbst die Aerzte lassen sich durch eine scheinbare Besserung täuschen.“
„Sie kennen die Familie Lindner näher?“ fragte der Fremde mit Interesse.
„Ei ja wohl kenne ich sie,“ antwortete der Reiter lebhaft.„Man
sieht sich fast täglich. Das kleine Fräulein blüht neben den Eltern auf, ich sage Ihnen, eine Wunderblume! Der nächste Nachbar wird sie pflücken, ein schweigendes Uebereinkommen zwischen Herrn Lindner und den van Mossels; der Vater behält die Tochter gerne in der Nähe und sie, obgleich erst fünfzehn Jahre alt, scheint sich für Eduard van Mossel entschieden zu interessiren. Ein schöner Mann, gerade kein Jüngling mehr; aber die ganz jungen Mädchen lieben ganz junge Leute nicht.“ Der Fremde hörte seinem Begleiter schweigend zu. Jener plauderte von der Familie van Mossel in einem Tone, als wäre er in einem intimsten Verkehr mit ihr, und doch machte der Reiter dem jungen Manne nicht den Eindruck eines gebildeten Mannes, so sehr er sich auch bemühte, mit Fremdwörtern um sich zu werfen. der Begleiter wurde nicht müde, ihm von den Mißhelligkeiten in der Familie Lindner zu erzählen, gerade so, als wäre er stets dabei gewesen. Es wurde dem Fremden peinlich, und er athmete erleichtert auf, als der Reiter ihm sagte, er stände vor dem Gutsgebäude.
„Treten Sie nur ein, der Hausflur ist erleuchtet, das zweite Zimmer links ist das Wohnzimmer; Lindners sind noch nicht zu Bette, ich höre Fräulein Ellinor Klavier spielen,“ sagte er und schien im Begriff, sein Pferd wieder zu besteigen.
„Ich danke Ihnen bestens,“ sprach der junge Mann und suchte in dem schwachen Lichtschimmer, der aus dem Hausflur kam, die Züge seines Führers zu unterscheiden; es war aber nicht möglich, denn er wendete sein Gesicht dem Pferde zu.
„Es freut mich, wenn ich einem Verwandten oder Freunde von Frau Lindner einen kleinen Dienst geleistet habe,“ sagte er und verschwand in der Dunkelheit. Das Pferd führte er einige hundert Schritte weit weg von den Gutsgebäuden und schlich nach der Hinterseite des Wohnhauses. Sein geübter Blick gewahrte, daß die Köchin allein in der Küche war; vorsichtig schritt er durch den dunkeln Gang und stieg die wenigen Stufen hinunter, die zum en führten.„Liese,“ flüsterte er und blieb am Ein— gange stehen.
„Ach, da bist Du endlich, Klas!“ rief die Köchin und eilte auf ihn zu.„Du bist seit vierzehn Tagen nicht mehr hier gewesen und Du kannst es doch wagen; denn wenn wir Jemand kommen hören, sperre ich Dich in die Milchkammer daneben ein. O, wie habe ich die Nächte hindurch geweint; ich glaubte, Du wärest falsch; und ich durfte doch meinen Kummer Niemanden mittheilen;“ und das Mädchen schluchzte herzbrechend.
„Nun sei vernünftig, Lieschen; meinst Du, ich wäre die Tage her
müßig gewesen? Fühle nur, wie durchnäßt ich bin; ich komme eben aus der Stadt; bin bei allen Pfarrern umher gelaufen, meinen Tauf⸗ schein zu erhalten, keiner will einen Nikolaus Back in seinem Register finden; und ich bin doch in der Stadt geboren, soviel weiß ich auch und meine Mutter, das schöne Aennchen, war hochmüthig genug, mir nichts Schlechteres als den Grafen von Bröhm zum Vater zu geben. Ich bin nicht stolz d'rauf, Lieschen, habe ihn auch aus den Augen verloren, und“— „SO wir wollen jetzt nicht von den alten Geschichten sprechen,“ sagte Liese;„Du bist nicht bei dem Pfarrer der Rochuskirche gewesen, Klas; der hat Dich im Register; mein Bruder ist bei ihm gewesen und hat selbst Deinen Namen gelesen.“
„Bei Dem bin ich nicht gewesen, das ist wahr. Ei, wenn es sich so verhält, so schaffe nur Deine Papiere herbei, so kann das Aufgebot Sonntag in acht Tagen stattfinden,“ rief Klas munter und schlang den Arm um Lieschen. 3 5
„Ist's wahr?“ Das Mädchen sah ihm freudig ins Gesicht.
„Freilich ist's wahr, Du Närrchen; Du kannst mir glauben, daß es nicht meine Schuld ist, wenn's so lange gedauert hat,“
Der Wind peitschte ihnen den Regen ins Gesicht; aber
erwiderte er und ließ die Augen in der Küche umher schweifen. „Ich habe Euch einen Gast hierher geführt, Lieschen; wen habt Ihr denn erwartet?“
„Einen Gast so spät, bei diesem Wetter?“ rief sie erschrocken. „Ei Du mein Gott, ich habe kein Feuer mehr; ich habe punkt zehn Uhr der gnädigen Frau den Eibischthee hinaufgetragen, der ist gut gegen den Husten, und nun dachte ich, sie gehen Alle zu Bette. Am Ende soll ich ein Essen herrichten zu so später Stunde!“
„Nimmt die gnädige Frau jeden Abend den Eibischthee?“ fragte Klas leise und seine Stimme zitterte.
„Jeden Abend ehe sie schlafen geht,“ antwortete Liese und suchte das Feuer im Herd wieder zur hellen Flamme anzublasen.
Klas stand nachdenkend mit übereinander geschlagenen Armen. Sein Herr hatte am Morgen höhnend gesagt:„In acht Tagen haben wir Martinstag; weißt Du, was das zu bedeuten hat, Klas?“
Er wußte es nur zu wohl, am elften waren die fünfzehn Monate vorüber, und Frau Lindner lebte noch immer. Er war am Morgen hinaus gegangen und vor der großen Wiese stehen geblieben und hatte zu sich gesagt:„Wer die Wiese hat, der hat Lengen; bekomme ich sie nicht, so bleibe ich ein armer Teufel mein Leben lang. Georg wird mich auslachen, und überzeugt sein, daß ich ein elender Prahler bin, der unbrauchbar für ihn ist. Den kenne ich, der würde mir die Thüre weisen, wenn er nicht begriffen hätte, daß der Brief sich in meinen Händen befindet. Was kann er nützen? Die Wiese verschafft mir der Brief doch nicht. Und ich will sie haben, ich muß sie haben; es soll mein Boden sein, auf den ich trete.“ Er war den ganzen Tag in der Stadt gewesen und konnte nicht recht zu seinem Ziele kommen, bis er endlich miß— muthig in ein Wirthshaus ging und sich seinen Verdruß hin— unter trank. f
XI.
Der Fremde hing den durchnäßten Mantel im Korridor auf. So war er immer angekommen, unerwartet, manchmal in Sturm und Regen, wie heute, und der alte Onkel hatte ihm fröhlich ent— gegen gerufen:„Recht, mein Junge, ein Regenschauer auf den Rücken schadet nichts; aber die Beine, die uns zum Marschiren ge— schaffen wurden, in Eisenbahn-Waggons auf weiche Polster strecken, das verdirbt den physischen und moralischen Menschen.“ Und dann bewillkommte ihn Tante Julia in ihrer Weise, die den mutterlosen Knaben immer so eigenthümlich ergriff. Und nun gar die kleine Cousine! die sprang ihm entgegen und preßte ihre beiden runden Arme um seinen Hals, als ob sie ihn erwürgen wollte. Das waren schöne Zeiten gewesen, und war die Cousine auch nach und nach weniger stürmisch in ihren Freundschaftsbezeugungen, so hatte sie sicherlich heute ihren Groll ganz vergessen und er durfte sich auf eine neue Würgscene gefaßt machen. O, die schönen glücklichen Zeiten! So traurig hatte er sich doch Armünde ohne Tante und Cousine nicht gedacht. Er wollte es Julia nicht schreiben, wie un— erträglich ihm seine Aufgabe in Armünde erschien; es hätte wie Undank gegen den guten alten Onkel ausgesehen, und doch hatte der Onkel nicht gedacht, den Neffen ganz allein in Armünde zu lassen. Was hätten ihm die Klagen genützt? und er wollte auch Julia nicht gestehen, daß der Onkel ein zu großes Opfer von ihm erheische, ihr wenigstens nicht, die nichts von Opfer wußte, der Alles leicht wurde, sobald sie fühlte, daß es zum Nutzen und Frommen Anderer geschah.— Die Arbeit, die rastlose Arbeit war seine Helferin und Trösterin geworden; die jugendlich-schlanke Ge— stalt bewegte sich nun unter den Arbeitern, er studirte, er be⸗ obachtete und lernte, und der Onkel hatte sich nicht getäuscht,— es steckte ein tüchtiger Landwirth in dem Jungen.
Nun stand er vor der Thüre des Wohnzimmers in Mandsfelt; das Herz klopfte ihm doch ein wenig, es war das erste Mal, daß er hierher kam und er kannte den Besitzer des Gutes nur wenig. So trat Otto von Manners denn ein in das Wohnzimmer, wo man eben aufgestanden war, um sich zur Ruhe zu begeben. In Ellinor's Gesicht leuchtete es freudig auf, als sie ihn sah; sie machte rasch einige Schritte gegen ihn, hielt dann erröthend inne und reichte ihm schnell die Hand. Julia's innige milde Augen ruhten freundlich auf ihm und sie sagte zu ihm mit besonderer Herzlichkeit:„Wie gut von Dir, Otto, daß Du an uns gedacht hast.“
Lindner freute sich, den jungen Mann, der ihm gleich so sym—
3


