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pathisch gewesen war, einmal in Mandsfelt zu sehen. Und nun dachte man nicht mehr daran schlafen zu gehen. Es wurde erzählt bis in die Nacht hinein; Lindner mahnte besorgt einige Male, Julia aber winkte ihm freundlich zu; es war so schön, von der alten Heimath erzählen zu hören, und Otto wußte so treu Alles wieder⸗ zugeben. Auch kündigte er an, daß er nur zwei bis drei Tage bleiben könne, und sie hatten sich so viel zu erzählen. Ellinors anfängliche schüchterne Zurückhaltung war verschwunden; Otto hatte sich verändert, er war männlicher und kräftiger geworden; aber es waren dieselben dunkelblauen Augen, die so muthig und munter ins Leben blickten, das gab Ellinor ihr Gleichgewicht wieder und sie fragte nach Allem und Jedem und wunderte sich wieder darüber, wie der lustige Spielkamerad Bericht erstattete, wie maßvoll und überlegt das Urtheil war, das er über jene abgab, die nun seine Nachbarn und Bekannte geworden waren..
„Und Rose von Drimborn, wie geht es ihr? sie ist über ein Jahr älter als ich; sie tritt gewiß schon als großes Fräulein auf?“ fragte Ellinor. Diese Frage schwebte ihr schon den ganzen Abend auf den Lippen.
„Vor acht Tagen hat Frau von Drimborn die Wintervergnügungen mit einer großen Soirke eröffnet, in welcher Fräulein Rose zum ersten Male als erwachsenes Mädchen auftrat,“ antwortete Otto. „Ich kann Dir Alles ganz genau mittheilen, ich war dort und habe zum ersten Male nach meiner Trauer wieder getanzt.“
„Mit Rose?“ fragte Ellinor eifrig und erröthete über und über.
„Ei gewiß mit ihr; als nächster Nachbar und gewissermaßen als Hausfreund habe ich sogar die Polonaise mit ihr eröffnet,“ antwortete er und in seinen Augen blitzte es schelmisch auf.
„Sah sie schön aus?“ fragte Ellinor und ärgerte sich darüber, daß sie gefragt.
„Das läßt sich wohl denken bei ihrer eigenartigen Schönheit,“ bemerkte Julia.
„Sie war sehr schön, in eine Wolke von Krepp und weißen Atlas gehüllt, und das Weiß hob wunderbar ihren feinen dunkeln Kopf,“ antwortete Otto lächelnd.
„Rose gefällt mir garnicht; sie ist gerade wie eine Zigeunerin,“ rief Ellinor heftig.
„Die Drimborns sind gute angenehme Nachbarn gewesen, und der Onkel hat immer eine hohe Meinung von Herrn von Drimborn's landwirthschaftlichen Kenntnissen gehabt. Ich freue mich, daß Du in freundschaftlichen Verkehr mit ihnen getreten bist,“ sagte Julia und reichte Otto die Hand zum Gute Nacht-Gruß. Herr Lindner hatte nun ganz ernstlich zum Aufbruch gemahnt.—„Armer Junge,“ sagte Julia;„wir haben ganz vergessen, daß Du die vorige Nacht gereist bist und sehr müde sein mußt.“
„Sehe ich aus, als könnte ich je müde werden?“ lachte er fröhlich und stand in seiner ganzen jugendlichen Kraft vor Julia.—
Die wenigen Tage gingen schnell vorüber; es war wie es auch in Armünde gewesen, Ellinor begegnete ihrem Vetter kurz und absprechend.
„Otto ist unser Gast, Ellinor,“ sagte Julia,„und Du bist nun zu groß, um den kindischen Trotz ihm gegenüber beizubehalten. Er ist ein so guter herrlicher Junge, und wie schön und männlich er geworden ist—“ Julia hielt inne, sie gedachte des ausdrücklichen Willens des Onkels, Ellinor auf keinerlei Weise zu beeinflussen.
„Schöner ist er doch nicht geworden,“ entgegnete Ellinor und schüttelte energisch den Kopf, daß die schweren braunen Locken nach allen Seiten flogen.„Sein Haar ist schön und war immer schön, sein krauses blondes Haar hat eine hübsche Farbe; aber zu dem blonden Haar hat er jetzt einen Teint wie ein Zigeuner, das finde ich ganz abscheulich.“
„Luft und Sonne haben ihm das Gesicht gebräunt; ich be— wundere den Scharfblick des Onkels, er hat in Otto mehr gesehen, als wir Alle,“ sagte Julia.
Am Vorabend von Otto's Abreise kam Frau van Mossel wieder einmal mit ihrem Sohne nach Mandsfelt. Als Ellinor sich mit einem herzlichen Bedauern zu Eduard wandte und sagte:„Warum bist Du so lange nicht gekommen, wir haben uns so sehr nach Dir gesehnt,“ dachte Otto, sein Führer habe Recht gehabt. Das Fräulein
war gegen Eduard nicht anders, wie sie auch sonst gewesen. Er
war dem lieben Kinde, das ihm so vertrauensvoll entgegen kam, von der ersten Stunde an gut gewesen; die Eltern waren daran gewöhnt, daß Ellinor ihn behandelte wie einen guten Kameraden;
aber Otto von Manners hielt sich nun überzeugt von dem, was ihm sein Führer angedeutet hatte.
Als Otto abgereist war, sagte der Gutsbesitzer zu seiner Frau: „So wohl mir Otto von Manners gefällt, glaube ich nie und nimmer, daß des Onkels Wunsch in Erfüllung gehen kann; die beiden Kinder passen nicht zusammen, sie stoßen sich gegenseitig ab. Höre, Frauchen, dieses Armünde ist auch so weit von uns entfernt— wenn sich die jungen Leute nicht gefallen, soll's mir lieb sein.
Julia seufzte.„Ich hätte es so sehr gewünscht, ich muß Dir es nur gestehen...“ Sie mußte abbrechen, ein Anfall von Athem⸗ noth überkam sie. Ellinor trat gerade ins Zimmer und erschrak beim Anblick der Mutter, welche in den Sessel zurückgesunken war. Lindner stand am Fenster, und er hörte nicht, wie der Sturm um das Haus heulte, er lauschte nur auf Julia's Athemzüge, die nach und nach gleichförmiger und ruhiger wurden. g
„Es war nichts, meine Theuern,“ sagte jene und öffnete die müden, verklärten Augen, und reichte die eine Hand Lindner und legte die andere auf das Haupt ihres Kindes;„nun habe ich Euch erschreckt, und es ist doch Alles wieder vorüber. Nur keinen Arzt heute Abend, er würde meine Nachtruhe stören und mir ist wieder recht wohl. Sage, daß man mir den Thee bringt, mein Kind.“
Fünf Minuten vorher hatte sich ein Mensch in die Küche ein⸗ geschlichen, dessen Gesicht erdfahl war. Niemand befand sich in der Küche, die Tasse mit dem Eibischthee stand auf dem Küchentische. Der Mann näherte sich hastig und leerte den Inhalt eines kleinen Fläschchens in die Tasse aus. Seine Hände zitterten, sein Gesicht war verzerrt; er that es wie im Traume und stand da vor der dampfenden Tasse und starrte sie an. Es fiel ihm plötzlich ein, daß Frau Lindner ihm in früheren Zeiten gesagt hatte, er solle nur immer kommen und in der Küche zu Mittag essen, wenn er zu
Hause nichts hätte, und der Himmel wußte, wie oft er der alten
Tante das Essen stehen ließ und auf das Gut eilte. Hier an dem langen Tische, gerade da, wo jetzt die Tasse stand, hatte er mitten unter den Andern gesessen; auch neu gekleidet hatte ihn einmal die Gutsherrin, es war sein erster ordentlicher Anzug gewesen, in dem er, stolz wie ein Spanier, sich im Dorfe gezeigt. Die langen Jahre war ihm das nicht eingefallen und nun traf es ihn mit packender Gewalt.„So arm, so arm!“ keuchte er, und die Wiese erschien vor ihm in ihrem üppigsten Grün, es weideten schöne, wohlgenährte Kühe darauf, und die rastlose Leidenschaft des besitz— losen Bauern nach einem Stückchen Erde, das er sein nennen kann, ergriff ihn wieder, und er wendete der Tasse schleunigst den Rücken und verließ die Küche. Kein Mensch hatte ihn gesehen; das Ge—
schick schien ihn zur That herauszufordern. Klas stand am Fenster,
das Lindner in seiner Herzensangst geöffnet, als Julia den plötz⸗ lichen Unfall bekam.„Wenn er sich wiederholt, kann sie noch diese Nacht sterben; aber es ist kaum wahrscheinlich; verloren ist sie so wie so; und übermorgen ist der 11. November.“
Der Sturm peitschte ihn in die finstre Nacht hinaus; er lief so schnell er konnte in der Richtung nach Lengen fort.—
Vor dem Lager Georg Lindners stand ein Mann mit zerzaustem Haar und bleichem verstörten Gesicht. Die Lampe brannte auf dem Nachttisch und Georg schlief behaglich den Schlaf des Gerechten.
„Wachen Sie auf!“ schrie Klas grimmig;„hat Der's doch gut im Leben, für den die Henkersarbeit gethan wird; das nenne ich einen Schlaf,— er ist nicht wach zu bringen!“
„Nun, nur gemach, laß meinen Arm los, Du thust mir weh,“ sagte Georg schlaftrunken und öffnete endlich die Augen. Klas
stand mit übereinander geschlagenen Armen vor ihm und sah ihn
mit den Augen eines Wahnsinnigen an.
„Was willst Du, was hast Du vor?“ rief Georg, und richtete sich erschreckt im Bette auf. 8
„Morgen ist Martinstag!“ rief Klas mit einem schrecklichen Gelächter, das unheimlich in die Stille der Nacht tönte.
„Bist Du verrückt, Klas?“ sagte Georg beunruhigt.
„Auf dem Wege dazu,“ gab er hastig zur Antwort.„Schlafen Sie ruhig, Herr Georg, kein Erbe und keine Stiefmutter wird Sie von nun an mehr beunruhigen.“
„Du hast gehandelt?“ fragte Georg und wurde plötzlich so bleich wie die Leintücher unter seinem Kopf.
„Ja,“ gab Klas dumpf zur Antwort;„Alles ist vorüber. Das Morphium, das ich mir in der Dämmerung in vier Apotheken auf ein altes Recept durch verschiedene wohl instruirte kleine Jungen zu
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