Ausgabe 
13.6.1886
 
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sich und rief tief aufathmend:O mein Kind, es können Zeiten kommen, wo das Elternwort Dich nicht mehr erreicht; ich bitte Dich, gieb Deinem Herzen nicht allzu viel nach, sondern erwäge die traurigen Erfahrungen Deiner Eltern.

Mama! rief Ellinor schmerzlich bewegt;ich habe Dich be⸗ trübt und habe nicht gedacht, daß die Sache so schlimm wäre.

Wir wollen darüber schweigen, meine Tochter und keine düsteren Schatten heraufbeschwören, jetzt, wo das Leben so schön, so friedlch ist. Die arme Frau hat den Gedanken an die Vergangenheit an⸗ geregt. Ich sehe jetzt ein, daß ich Deinem Vater nicht von Georg's Verwalter sprechen darf; übrigens wird es mir erspart, da der Arzt sagt, daß die Kranke kaum noch die Nacht überleben wird.

Da kommt der Papa eben! rief Ellinor und winkte mit dem Taschentuch.Ja, er ist's, rief Julia wie erleichtert und beschleunigte ihren Schritt. Lindner kam mit einem warmen Shawl auf dem Arme, und der Blick voll liebender Besorgniß, mit dem er Julia umfaßte, zeigte gegen seinen Willen, daß ihr Zustand ihn beun⸗ ruhigte. Sie hing sich fest an seinen Arm und sah ihn mit einem glücklichen Lächeln an, als er das Tuch weich um ihre Schultern legte.

Du bist lange geblieben, meine Julia, und Du siehst etwas erregt aus, sagte er innig;die Krankenstuben und die Behausungen der armen Leute sind nicht wohlthuend für Dich; meine kleine Ellinor würde dies gewiß recht gut allein besorgen und ganz nach Deinen Instruktionen handeln, nicht wahr, mein Kind?

Gewiß würde ich das! versicherte Ellinor eifrig.Heute war es nun besonders aufregend für Mama, die alte Back liegt

im Sterben und hat so bittere Klagen ausgestoßen!

Wohl gegen Klas, bemerkte Lindner bitter.Sie war gewarnt worden vor dem Taugenichts, allein sie wollte nicht hören. Man hat alle Opfer gebracht und erntet Hohn und schweren Undank.

Ellinor's Blick irrte ängstlich von dem ruhigen Gesichte ihres Vaters, wie um Vergebung bittend, zu ihrer Mutter; sie begriff dunkel die Beziehung ihres Vaters auf sein eigenes Geschick.

Du hast recht, Lieber, fiel Julia schnell ein;der Rückblick ist trostlos: Ein Wesen geliebt zu haben, für dieses eine Wesen ge⸗ arbeitet und gesorgt und allein den Glauben an dasselbe nicht verloren zu haben, und dieses Eine, das unsere Welt und unsere Existenz war, kalt und verhöhnend uns den Rücken wenden zu sehen und dann zu sterben, das ist bitter. Aber laß mir noch für die wenigen Wochen den Trost, etwas für die armen Leute thun zu können; so⸗ bald der Herbst gekommen ist, verlasse ich unser gutes gemüthliches Wohnzimmer nicht mehr; das verspreche ich Dir. Dann finde ich es nicht mehr so oft leer, dann rufen Dich keine Arbeiten mehr hinaus ins Freie. i

Wie gerne wäre Lindner immer in ihrer Nähe gewesen! War er draußen im Felde, so zog es ihn zu den milden, lieben Augen zurück; und wenn er so oft kam, dann lag es wie eine Frage auf ihren Lippen, er wollte, er durfte sie nicht merken lassen, daß sie ihm Sorgen mache. Sie klagte nie, sie beantwortete alle Fragen nach ihrem Befinden mit der freundlichen Versicherung, daß sie sich ganz wohl fühle, so daß auch seine Unruhe von Zeit zu Zeit der Hoffnung wich, daß das so innig geliebte Weib ihm erhalten bleiben werde.

Als die drei Menschen in den Weg einlenkten, der nach dem Thore des weiten, schön gehaltenen Gutshofes führte, rief Ellinor fröhlich aus:Seht nur die Geleise vom Wagen unserer Nach baren, sie sind in Mandsfelt, ob auch Eduard mitgekommen ist? Das junge Mädchen lief voraus und streckte freudig beide Hände Eduard van Mossel entgegen.Wer kann sie darauf aufmerksam machen, daß sie nun ein großes Mädchen ist und Eduard noch nicht zu den alten Männern zählt? sagte Lindner munter.

Eduard ist so gut gegen sie und behandelt sie ganz wie ein Kind; fällt er nun in den ernsten überlegenen Ton ihrem Muth willen gegenüber, dann ist er nur noch derOnkel Eduard, er widerte Julia lächelnd.

Eduard van Mossel kam Lindner entgegen, Ellinor war in das Haus geeilt, Frau van Mossel zu begrüßen. Die Familien und ihre Gäste brachten den herrlichen Augustabend auf der Veranda zu, die der Gutsbesitzer neuerdings hatte anlegen lassen, damit seine Frau auch an den Regentagen die gute Luft nicht entbehre. Die innigste Freundschaft verband die beiden Familien, das Kleinod der von Manners war längst wieder in sein Etui zurückgekehrt; aber das Halsband hatte die Innigkeit der Beziehungen geschaffen und die

Nachbarn fühlten sich so wohl und glücklich in dem herzlichen Ver⸗ kehr, daß selten einige Tage ohne irgend eine freundliche Berührung vergingen. Frau van Mossel war eine Mutter für Julia. Das erste Begegnen hatte ihr der alten Dame Herz gewonnen und jene hatte nicht aufgehört, die Wiederkehr der jungen Frau sehnsüchtig herbei⸗ zuwünschen. Auch Lindner war Frau van Mossel lieb und werth geworden, sie war die Freundin, die ihm Trost zusprach, wenn Julia es manchmal vergeblich zu verbergen suchte, daß sie wirklich leidend war. Ellinor schien Eduard van Mossel allein für sich in Anspruch nehmen zu wollen, mochte er nun auf ihre munteren Vor⸗ schläge eingehen, oder eingedenk seiner dreiunddreißig Jahre plötzlich zumOnkel Eduard werden; sie schien immer anzunehmen, daß er nur allein für sie in Mandsfelt sei. Verließen sich die Nach- baren am Abend, so war es immer mit dem lebhaften Bedauern, daß die Stunden so schnell entflohen waren, und Julia bedauerte lebhaft, daß man vielleicht ihretwegen den gemüthlichen Abend immer zur bestimmten Stunde abbreche.

Sie sind so glücklich zusammen, sagte Frau van Mossel, als sie Abends mit ihrem Sohne nach Hause fuhr; es ist ein so stilles, ja ich möchte sagen, von Andacht durchwehtes Glück, das mich weh⸗ müthig berührt. Die gute Julia sieht kräftiger aus und es ist ja einstweilen kein Grund zu ernstlichen Besorgnissen vorhanden, und doch drängt sich mir immer der Gedanke auf, als wäre das Glück dieser lieben Menschen nur ein herrlicher Sonnenuntergang.

Unterdessen stand Ellinor auf der Veranda, das fröhliche Ge⸗

sicht dem Sternenhimmel zugewendet.Siehe nur, Mama, da fliegt wieder ein Stern! rief sie jubelnd,nun habe ich Alles gewünscht, was ich mir nur wünschen konnte, was soll ich noch wünschen? Julia saß da, das schöne Haupt auf die Hand gestützt und sah hinauf in die Herrlichkeit, die des Menschen Blick nicht durchdringt und betete leise:Herr der Welten, erhalte und schütze unser Glück! Der Herbst war da; der reiche Segen, den das Jahr gebracht, war fröhlich eingebracht worden, und der Gutsbesitzer saß zufrieden im wohlgeheizten Zimmer bei seinen Lieben. Auf der Landstraße aber, die von der Stadt nach Mandsfelt führte, befand sich ein einsamer Reisender. Er war des Weges unkundig und der Kutscher, der ihn fuhr, wußte kaum besser Bescheid wie er. Sie waren unter allerlei Drangsalen und Verzögerungen bis an das Fichtenwäldchen gekommen, da erlosch die Laterne im Sturm und der Kutscher konnte sie nicht mehr anzünden; es war ein Glas zerbrochen und der strömende

Regen hatte das Licht ausgelöscht.Halt, Freund, rief eine frische

Stimme aus dem Wagen;ich steige aus; das Pferd scheint nicht weiter gehen zu wollen und wir haben nun lange genug seinen guten Willen abgewartet; wenn Sie mir nur ungefähr angeben wollen, welche Richtung ich einschlagen muß, um nach dem Gute zu gelangen, so möchte ich mich hier von Ihnen und Ihrem Pferde verabschieden.

Der Kutscher schlug wüthend auf das Thier, das einen Seiten sprung machte, daß die leichte Chaise hart wider die Fichten fuhr. Der junge Herr stand schon auf der Straße.

Nach dem Gute Mandsfelt wollen Sie? fragte ein Reiter, der eben vorüber ritt.Kommen Sie nur mit mir, ich habe den selben Weg.

Es würde schwer sein, gleichen Schritt mit Ihnen zu halten, erwiderte der junge Herr;reiten Sie nur voran, vielleicht höre ich hier und da durch das schlimme Wetter den Hufschlag Ihres Pferdes.

Sie sind ein Fremder, ein Norddeutscher, das höre ich an Ihrer Sprache, sagte der Reiter,so grob aber sind wir in Süddeutsch land nicht, daß wir einen Fremden mitten in der Nacht in Sturm und Regen allein auf der Landstraße lassen. Steigen Sie auf, ich gehe neben dem Pferde her.

Das ist eine Probe süddeutscher Artigkeit, die ich nie vergessen werde, sagte der Fremde mit Staunen.

Wir sind keine artigen Leute, mein lieber Herr, nur gemüthlich, sonst nichts. Donnerwetter, der Sturm nimmt Einem den Athem, wollen Sie aufsteigen oder nicht? i

Ich danke, ich gehe zu Fuß.

Auch gut, sagte der Reiter und stand neben dem Fremden, es ist kaum eine Viertelstunde bis zum Gute, wir gehen zusammen.

Der junge Herr hätte gerne seinen höflichen Gesellschafter ein wenig näher ins Auge gefaßt; aber die Dunkelheit war zu tief. Zu

dem war er weder ängstlich noch mißtrauisch und dann war ja der.

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