Ausgabe 
13.6.1886
 
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zu den

Oberhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 24.

Gießen, den 13. Juni.

1886.

Die Stiefmutter.

Roman von M. Elton. (Fortsetzung.)

8.

Es giebt in dem Erdenleben Tage, die man zurückhalten möchte, die eine so vollkommene Glückseligkeit gewähren, daß nur ein leichter Schatten darüber gleitet, der Gedanke, den Tag nicht zur Ewigkeit gestalten zu können.Kann denn das Leben so schön sein? fragte sich Julia an jedem neuen Tage;was habe ich gethan, um nur einen dieser Tage des reinen Glückes zu verdienen?

Es war wieder Sommer, ein milder schöner Augusttag. Julia ging langsam am Arme ihrer lieblich aufblühenden Tochter in dem Schatten der eine Allee bildenden Apfelbäume dem Dorfe zu. Das Glück schien die traurigen Befürchtungen, die man bei ihrer Rück kehr gehegt, vernichten zu wollen, Julia's Haltung war kräftiger und ein feines Roth färbte ihre Wangen. Sie sah so glücklich aus, so jung, so schön, wie die ältere Schwester von Ellinor. Wohin sie trat, schien sie Freude und Frieden mitzubringen; Kinder eilten auf sie zu und küßten ihr die Hände. Es waren gute, wohlthätige Hände, so leicht, so weich, die sich auf die heiße Stirne der Kranken im Dorfe legten. Sie kam jeden Tag mit ihrem Kinde, sie kannte jeden Menschen im Dorfe und theilte ihre Gaben aus in die Wohnungen der Bedürftigen.

Mama, mahnte Ellinor, als eine alte todtkranke Bäuerin darüber weinte und klagte, daß ihr Neffe so undankbar gegen sie sei,laß uns gehen, Du beruhigst die arme Frau nicht, sie ist zu sehr erregt, und sie nahm den Arm ihrer Mutter und wollte sie hinaus führen.

Hungers müßte ich sterben, wenn der Herr nicht meine Thür dem Engel geöffnet hätte; genommen hat er mir Alles, der schlechte Bursche, und nun lacht er mich aus und leugnet Alles und sagt den Leuten, ich sei verrückt zum Einsperren. Und ich nahm den Klas auf und habe ihn von meinem Brod genährt!

Ich will mit ihm sprechen; er wird zu Ihnen kommen, wenn er hört, daß Sie krank sind, Alles wird gut werden, tröstete Julia.

Die Kranke wurde ruhiger und Julia mußte ihr noch einmal versprechen, Klas ins Gewissen zu reden.

Als sie wieder auf der einsamen Straße waren, da schwebten alle Fragen auf Ellinor's Lippen, die der Name Klas in ihr er⸗ weckt hatte. Er war der Jugendfreund ihres Bruders; sie erinnerte sich seiner. Sie fragte nach den Stiefgeschwistern, Marie gab eine ausweichende Antwort, sie fragte ihre Mama und sah, wie jener die Thränen in die Augen traten und sie hörte, wie sie seufzte. Da ging sie zu ihrem Vater, nahm treuherzig und innig seine Hand und sagte:Ich habe eine Schwester und einen Bruder, warum kommen sie nicht hierher, und warum sehe ich sie niemals?

Sie fühlte, wie ihr Vater zusammenschrak und sah, wie sein Gesicht sich veränderte.Sprich niemals mehr von ihnen, Ellinor,

sagte er hastig,denke, sie seien Beide todt; das ist der einzige Gedanke, der mich versöhnend ihrer gedenken läßt.

Ellinor war beunruhigt durch die ausweichenden Antworten, die so überaus schmerzlich ihre Eltern zu berühren schienen. Ihre Schwester konnte wohl in weiter Ferne weilen; aber Marie hatte ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, daß ihr Bruder nur einige Meilen von Mandsfelt wohne. Warum durfte sie ihn nicht besuchen? sie hätte so gerne einen Bruder gehabt.

Du wirst nicht mit dem Neffen der armen Frau sprechen können, Mama; es ist doch wohl derselbe, der bei meinem Bruder ist, und Papa würde es gewiß ungern sehen, sagte Ellinor zögernd, als sie das Dorf verlassen hatten.

Ich werde Deinen Papa fragen und werde thun, was er wünscht, erwiderte Julia sanft.

Ist dieser Klas denn ein so schlechter Mensch? fragte das junge Mädchen weiter.

Ich weiß es nicht, mein Kind, erwiderte sie ausweichend.

Da kommt ein Herr uns entgegen, es ist Papa! rief Ellinor und war im Begriff, ihren Schritt zu beschleunigen.

Er ist es nicht, entgegnete Julia bestimmt und richtete die Augen genau auf den mit raschen Schritten Näherkommenden. Es war nicht Lindner, es war ein viel jüngerer Mann mit breiten Schultern. Er bemerkte die Damen erst, als er keine zehn Schritte von ihnen entfernt war; sein rascher Schritt zauderte plötzlich, sein Gesicht wurde dunkelroth und dann griff er verlegen nach dem Hute und eilte mit einer sonderbaren Hast vorüber.

Wer ist es? er scheint Dich zu kennen, Mama? fragte Ellinor erstaunt und sah dem sonderbaren Menschen nach.

Es ist Georg Lindner, Dein Bruder, antworte Julia bewegt, warum er keinen Gruß für uns hat, weiß ich nicht.

Hättest Du mir es doch früher gesagt, rief Ellinor erregt; ich wäre auf ihn zugegangen und hätte ihn begrüßt. Das ist ja zu traurig, daß ein Bruder so an mir vorüber gehen muß.

Ellinor, Dein Vater ist der beste, edelste der Menschen; wenn er nun den Sohn, den er mit großer Zärtlichkeit geliebt hat, aus seinen Augen verbannt und seiner Ruhe wegen jedes Ver hältniß zwischen sich und ihm gelöst hat, so muß dieser Sohn hundertfach bewiesen haben, daß er ein Unwürdiger ist! Nun bereite Du wenigstens Deinem Vater keinen Verdruß und laß diesen Stiefbruder, der sich von seinem Vater losgesagt, seine Wege gehen. Ich kam mit dem innigsten Bestreben nach Mandsfelt, mir die Herzen der beiden Kinder zu gewinnen und bin jämmerlich gescheitert. Julia's Stimme, die mit einem ungewöhnlichen Ernst zu ihrer Tochter gesprochen hatte, verlor nun ihre Festigkeit und mit einer fast leidenschaftlichen Erregtheit drückte sie Ellinor's Arm fester an