Ausgabe 
12.12.1886
 
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dachte wohl auch, es sei nichts besonders Wichtiges gewesen, was der Bruder zu ihr gesprochen habe.

Ja, Ton, sagte sie deshalb ganz harmlos.

Der Ton fuhr vor Ueberraschung herum und sein Gesicht ver⸗ klärte sich förmlich, auf solche Fügsamkeit war er offenbar nicht vorbereitet gewesen.

Na, das ist schön, daß Du endlich Vernunft annimmst, sagte er vergnügt,ich hab's mir ja gleich gedacht, Du bist ein viel zu gescheidtes Mädel, um bei Deiner Halsstarrigkeit zu bleiben und solche Zwei kommen am End auch nicht wieder. Nun, ich hab Dir Zeit bis heut Abend gelassen, Dir die Geschichte zu überdenken, und dabei bleibt's.

Die Gläser auf dem Schenktisch klirrten zusammen und die Rosel schaute sehr erschrocken drein, denn jetzt hatte sie gehört, was der Ton zu ihr gesagt, und die Sache schien ihr äußerst verdächtig. Sie wollte sich sofort Klarheit verschaffen und dem Bruder gestehen, daß sie vorhin nicht so recht auf ihn geachtet hatte, aber der Ton, der händereibend und schmunzelnd an's Fenster getreten war, kam ihr zuvor.

Schau nur, schau, meinte er in bester Laune,wie der Fleischer⸗ Vinz da drüben arbeitet und herumhantirt; den Hof hat er zusammen⸗ geräumt, als ob morgen Pfingstfest wär', und ich denk 5gar, jetzt hat er sich Kalk zusammengemacht und bringt den Weißwedel, um sein Haus frisch anzustreichen! Ja, was ist denn da drüben los? Paß auf, Rosel, für den hat sich noch irgendwo ein reicher Schatz ge funden, und er denkt Hochzeit zu machen, vielleicht noch eher wie Du! Na, gönnen möcht' ich's ihm schon, ich hab' ihn immer gern gehabt und es läßt sich gut ein vernünftiges Wort mit ihm reden, aber so ein armes Mädel, das auf ihn hereinfallen möcht das thät mich halt doch dauern; ein so leidlicher Mensch er sonst ist, so wird er doch wohl sein Lebtag ein Lump sein und bleiben und ein rechter na, ich hätt' bald was gesagt!

Die Gläser auf dem Schenktisch klirrten noch heftiger zusammen, denn die Rosel hatte sie alle niedergesetzt und stemmte sich jetzt mit beiden Fäusten gegen die Tischplatte.Es ist gut, daß Du nicht ausgeredet hast, Bruder, sagte sie mit fester Stimme,denn ich hab' den Vincenz gern und laß nichts Böses auf ihn sagen!

War der Anton Pertes vorhin bei Rosel's unerwarteter Nach giebigkeit gar geschwind herumgefahren, so drehte er sich bei dem, was er jetzt zu hören bekam, fast wie ein Kreisel um sich selbst.

Was? fragte er in gedehntem Tone und schaute die Rosel mit aufgerissenen Augen an,was hast Du eben gesagt? Den Fleischer-Vinz, den hast Du na, ich hab' Dich wohl nicht recht verstanden, oder Du hast es anders gemeint, fügte er mit drohend erhobenem Tone hinzu.

Nein, Ton, ich glaub', Du hast mich ganz richtig verstanden, sagte die Rosel, und obgleich ihr das Herz gewaltig pochte, sprach sie doch mit ziemlich ruhiger Stimme:ich hab' gemeint, daß ich den Fleischer-Vinz gern hab', lieber wie Dich und die Th'res und wie irgend jemanden sonst, und daß ich sein Weib werden möcht'.

Sein Weib! Der Anton schrie das fürchterliche Wort förm lich heraus und lachte dann laut und höhnisch auf.Sag' mal, Rosel, bist Du verrückt, oder steht mir der Kopf nicht mehr auf der rechten Stelle! Sein Weib willst Du werden! Das Weib von dem Lumpen, dem nichtsnutzigen, dem Trunkenbold! Es wäre wirk lich zum Lachen, fuhr er, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fort, wenn dies das End' sein sollt' von all' Deinem Sperren und Wehren und Apartthun, so, daß man hätt' denken können, es gäbe schon keinen auf der Welt, der gut genug für Dich gewesen wär', daß Du Dir jetzt den Fleischer-Vinz nehmen willst, einen Kerl, nach dem ein ordentliches Mädel sich gar nicht erst umschauen thät!

Ton, Du thust ihm Unrecht, ganz gewiß, unterbrach ihn die Rosel und faltete bittend die Hände,er hat sich schon sehr geändert, und wenn er mich zum Weibe bekommt, so weiß ich gewiß, daß er wieder ein ganz ordentlicher Mensch werden wird, mir zu Lieb'. Schau, wie sein erstes Weib die Schuld davon hat, daß es so mit ihm geworden ist, das sagen ja alle Leute, so will ich, wenn ich sein zweites Weib werden darf, ihn wieder zu einem braven Menschen machen, Ton, wir möchten so gut, so glücklich zusammenleben, ich und der Vincenz!

Und ich sag' nein und in alle Ewigkeit nein! schrie der Wirth, hochroth vor Zorn und schlug mit der geballten Faust auf den Schenktisch, daß die Gläser wieder klirrend durcheinander tanzten; den Vinz sollt' ich Dich heirathen lassen, und das grade jetzt, wo

die angesehensten Burschen aus dem ganzen Dorfe dumm genug sind, sich die Füße nach Dir abzurennen! Da müßt ich doch wirklich meinen Verstand verloren haben. Hast Du's denn nicht gehört, was ich Dir eben gesagt hab', daß der alte Brake und der Linden⸗ michel mit mir gesprochen haben wegen ihrer Buben, und daß Du einen von den Beiden nehmen sollst?

Nein, Ton, ich hab' vorhin nicht auf Dich gehört, gestand die Rosel ein,hätt' ich's gehört, so würd' ich Dir gleich gesagt haben, daß daraus nichts wird und daß ich lieber in's Wasser spring', ehe ich vom Vincenz lasse, um einen von den Beiden zu nehmen, die ich alle Zwei nicht leiden kann! Schau, Bruder, sei gut zu mir und sag' nicht nein; ich hab' Dir's immer versprochen, wenn Du mich zum Heirathen hast bereden wollen, daß ich's thun will, sobald der Rechte einmal gekommen ist, jetzt ist der Rechte da ich hab' den Vincenz sterbensgern!

Der Rechte, grollte der Anton und lachte gleich darauf wieder höhnisch auf,der Rechte, mit seinem zerrissenen Häusel, seinen beiden kleinen Würmern und seinem vielen Durst! Unser Vater thät sich noch im Grabe umdrehen, wenn ich dazu meine Zustimmung geben möcht' und sein schönes Geld in solche Hände käm! Freilich, ver⸗ bieten kann ich Dir's nicht, renn' in Dein Verderben, wenn Du's nicht anders haben und nicht auf mich hören willst, schicke die reichsten Burschen fort und nimm Dir Deinen Fleischer⸗Vinz, Deinen Rechten!

Er drehte sich um und machte ein paar Schritte nach der Thüre zu, die Rosel aber vertrat ihm den Weg.

So mußt Du nicht zu mir sprechen, Ton, sagte sie und ihre Stimme, die zu Anfang der Unterredung so fest und sicher geklungen hatte, bebte fast wie vor verhaltenem Weinen.Du weißt, ich werd' nie gegen Deinen Willen handeln und wenn Du Dich nicht erbitten läßt, so so werd' ich den Vinz eben nicht heirathen, aber auch Keinen sonst, ich bleib' dann ledig! Wenn Vater und Mutter noch lebten, Ton, auf den Knien möcht' ich da vor ihnen herum⸗ rutschen und sie bitten, daß ich mir den Vinz nehmen darf und sie wären gewiß nicht so hart, dann noch nein zu sagen! Und Du wirst es auch nicht sein, Ton, sie trat ganz dicht an den Bruder heran und schaute mit feuchten, bittenden Augen zu ihm auf.Schau, wie Du Dir die Th'res genommen hast, da hat sie Dir auch nicht viel an Geld und Gut zugebracht und Du bist doch immer gut mit ihr gefahren, weil Du sie gern gehabt hast und sie Dich auch, so ist's grad' auch mit dem Vinz und mir, ich brauch' ja keinen reichen Mann, ich hab' schon allein genug, Ton, Du bist ja immer gut zu mir gewesen, Du wirst mich nicht wollen unglücklich machen!

Der Wirth blickte etwas sanfter in das flehende Gesicht seiner Schwester, aber als sie jetzt gar leise den Arm um ihn legte, da riß er sich von ihr los und stürmte zur Thür hinaus; die Rosel aber, ja, ich glaub wohl, die eilte wieder hinauf zu ihrem Mutter⸗ gottesbildel im goldenen Rahmen. 1

Die Wirthsrosel mußte ihren Bruder wohl kennen und sich nicht zu viel von ihm und seinem guten Herzen versprochen haben! Ich weiß zwar nicht, auf welche Weise damals die böse Geschichte mit der Rosel und dem Anton Pertes, dem Fleischer⸗Vinz, dem schönen Fer'nand und Lindenmichel's Johann geendet hat, aber wie ich das letzte Mal durch das Dorf ging und auch an dem kleinen Hause des Fleischer-⸗Vinz vorüberkam, da war dieses gar stattlich heraus⸗ geputzt, mit einem neuen Ziegeldach und gestrichenen Thüren versehen. In dem Grasgarten neben dem Hause weideten ein paar Kühe und ein rothwangiger Bube sprang um sie herum; der Bube war augen. scheinlich zum Hüter der Kühe angestellt, er achtete jedoch nicht viel auf sie und zog es vor, das blondhaarige, vernünftige Mädchen zu necken, das mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, singend im Garten auf und abtrabte. Das kleine Bübchen aber, auf dem Arme des verständigen Mädchens, das so lustig krähte und nach Allem griff, nach der Mütze des Bruders, nach den Zöpfen der Schwester, nach den Blumen auf der Wiese und den Vögeln in der Luft, das hatte so lichtes, krauses Haar und so lachende, braune Augen, daß es unmöglich jemand Anderem gehören konnte, wie der Wirthsrosel und dem Fleischer⸗Vinz!