Ausgabe 
12.12.1886
 
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zu den

Obherhessischen Nuchrichten.

Jever Nachdruck aus vem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 50.

Gießen, den 12. Dezember.

Der Rechte.

Von M. Josephy. (Schluß.)

Jreilich wird der Bruder mir dreinreden und es nicht haben wollen, gab die Rosel zu,aber er ist von Herzen gut und ich krieg ihn schon herum. Und wenn er sieht, daß Ihr wirklich ein ordentlicher, ein ganz ordentlicher Mensch werden wollt, sie blickte fragend und bittend zugleich zu ihm auf.

Ja, das will ich! Hier versprech' ich Dir's noch einmal und geb' Dir meine Hand darauf, sagte der Fleischer⸗Vinz mit fester Stimme.Ich kann Dir's schon versprechen, Rosel, ich weiß, daß

ich's halten werde; ich meine so, ich hab mit dem Besserwerden schon ein Bisserl angefangen, hast Du es nicht gemerkt, daß es mit mir nicht mehr ganz so schlimm ist, wie es früher war? 5

Ob ich's gemerkt habe! nickte die Rosel,und wißt Ihr, Vincenz, grad' daran, weil's mich gar so sehr gefreut hat, da hab' ich so recht gespürt, wie Ihr mir an's Herz gewachsen seid! Und wie bös und traurig bin ich gewesen, wenn ich dann gesehen hab',

wie Ihr Euch doch immer wieder habt vergessen können und in Euren alten Fehler zurückgefallen seid. Da hab' ich nichts mehr nach Euch fragen und nichts mehr von Euch wissen wollen, und hab' halt doch nur in einem fort an Euch denken müssen!

Und ich, Rosel, wenn ich hab' mit anschaun müssen, wie die jungen Burschen, die reichsten und die angesehensten aus dem Dorfe, sich an Dich herangedrängt haben, da ist ein Zorn und eine Angst in mir aufgestiegen, ich kann gar nicht sagen, wie es mir das Herz abgedrückt hat! Ich hab ja nicht daran geglaubt, daß Du das Weib von dem armen Fleischer⸗Vinz möcht'st werden wollen, aber ich hätt's auch nicht mit ansehen können, wenn ein Anderer Dich in sein Haus geführt hätt' ich weiß nicht, was dann geschehen wäre und was ich dann im Stande gewesen wäre zu thun!

Ein Anderer, Vincenz? sagte die Rosel, und ihre braunen Augen blickten so ernst, wie noch nie zuvor,das wäre nimmer geschehen! Ich hab's schon einmal gesagt, ich mag Keinen außer Euch, keinen Einzigen und ich bleibe ledig, wenn ich Euch nicht bekomm'! 5 f

Rosel, ja, Du hast mich gern, sagte der Fleischer⸗Vinz mit dem tiefen, weichen Herzenstone, den seine kräftige Stimme anzu⸗ nehmen vermochte,sieh', ich weiß gut, ich verdien s nicht, aber ich glaub' Dir's so gern und all mein Lebtag will ich Dir's danken! Aber schau', Rosel, fuhr er dann mit einem lustigen Lächeln fort,ich denk, Du kannst's halt gar nicht über Dich bringen, michDu zu heißen und ich mein' doch, mit demIhr brauchtest Du es nicht gar so genau mehr zu nehmen. g

Rosel's frische Wangen färbten sich noch um ein Weniges höher:

Es ist schon recht, nickte sie,und damit soll es jetzt ein Ende haben; und jetzt, Vincenz, wird es halt am besten sein, wenn Ihr, wenn wenn Du wieder gehen möͤcht'st, sonst

und spülte emsig die gebrauchten Gläser aus.

kommt der Bruder dazu und es braucht's nicht, daß er uns gleich jetzt beisammen trifft. Ich seh' Dich schon noch später, fügte sie tröstend hinzu.

Ja, ja, ich geh' schon, wenn Du mich fortschickst, sagte der Fleischer⸗-Vinz,und vor dem Zusammentreffen mit Deinem Bruder, da ist's mir halt doch ein Bisserl bang! Aber einen Kuß, Rosel, muß ich noch haben; wenn Du mir den nicht giebst und ich geh' fort, so möcht' ich dann denken, ich hab' das Alles nur geträumt und es ist gar nicht wahr, daß Du den armen Fleischer⸗Vinz lieber hast, wie den schönen Fer'nand und den lustigen Lois und den reichen Johann!

Er brauchte nicht lange zu bitten, der Fleischer-Vinz! Die Rosel legte ihre beiden Arme um seinen Hals und sie hielt ganz still, als er ihr nun einen so recht herzlichen Kuß gab und noch einen und noch einen dritten!Ich werde Dir ein gutes Weib und Deinen Kindern eine gute Mutter sein, flüsterte sie, den Kopf an seine Brust lehnend; dann aber richtete sie sich aus seinen Armen empor, schob ihn zur Thüre hinaus, nickte ihm noch einmal zu, als er über die Straße hinüber nach seinem Hause schritt und lief hinauf in ihre Kammer. Dort warf sie sich vor dem kleinen Muttergottesbilde im vergoldeten Rahmen auf die Knie nieder und so sehr das Hühner-, Enten- und Gänsevolk unten im Hofe auch schrie und gackerte, es mußte es sich schon gefallen lassen, daß die sonst so pünktliche Rosel ihm heute eine halbe Stunde später seine Mahlzeit verabreichte.

Wohl eine Stunde, nachdem das eben Erzählte vor sich gegangen war, stand die Rosel an dem Schenktisch der großen Wirthsstube Ein Ausdruck innigen Glückes lag auf ihrem hübschen Gesichte; der aber konnte unmöglich durch das hervorgerufen worden sein, was ihr Bruder zu ihr sprach, denn sie hörte gar nicht auf ihn, und wenn sie von ihrer Arbeit aufschaute, blickte sie an ihm vorüber durch das Fenster nach dem kleinen Hause jenseits der Straße.

Und so hab' ich halt allen Beiden, dem Lindenmichel und dem Brake gesagt, daß ihre Buben mir schon recht wären, daß ich Dich aber zu nichts zwingen will und Du Dir selbst den aussuchen sollst, der Dir am meisten ansteht, fuhr der Wirth zum weißen Roß in seiner Rede fort.Und nun überleg' Dir die Sach, aber ich sag Dir gleich, dies Mal muß ein Ernst gemacht werden und heute Abend sprechen wir weiter davon; morgen müssen die Zwei ihren Bescheid haben und ich laß diesmal nicht mit mir spaßen; hörst Du, Rosel?

Die Rosel fuhr zusammen, denn ihr Name war das Aller⸗ einzige gewesen, was sie von der ganzen, langen Rede gehört und verstanden hatte; das mochte sie aber nicht eingestehen, und sie

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