290..
wissen, wenn ich Dir sage: Heddenheim selbst tritt aus eigenem Willen zurück.“
„Er— er!“
„Ja er; und nun sammle Dich, Martina, vertraue mir und glaube, es ist zu Deinem Besten, wenn ich über das Andere schweige. Gehe jetzt in Dein Zimmer, mein Kind, es wird Dir gut thun, mit Dir allein zu sein.“
Frau von Hartwitz war in ihrer Weise sanft mit Martina um⸗ gegangen.„Nur nicht viel Wesen machen!“ das war ihr Grund— satz und nach diesem hatte sie gehandelt; sie war überzeugt, Martinas starker Charakter würde bald den Schmerz überwinden, nur hatte sie dabei Eins vergessen: Die Selbstständigkeit, die sie in ihr groß gezogen hatte und die sich nicht in blindem Gehorsam beugte.
Es war ein trauriger Tag in Ornshagen. Martina rang in schweren Kämpfen in ihrem Zimmer, Frau von Hartwitz ging mit finsterer Miene durch das Haus und Jeder, der in ihre Nähe kam, hatte irgend einen Verweis über ein begangenes oder mögliches Unrecht zu fürchten, und Anneliese, der heute Morgen Martina mit dem leise geflüsterten Geständniß:„Ich bin unaussprechlich glücklich“ um den Hals gefallen war, grübelte kummervoll darüber nach, was das Glück ihres Lieblings gestört haben möchte. So war die Abendstunde herangekommen; Frau von Hartwitz ging hoch auf— gerichtet mit steifem Nacken im Garten umher. Der war sonst Martinas Bereich und sie kümmerte sich nicht darum; heute aber hatte der Gärtner bereits mehrere Verweise über einen zu weit ausgewachsenen Rosenzweig, eine schlecht blühende Fuchsia und einen nicht gut beschnittenen Rasenplatz empfangen. Eben entdeckte sie einige vom Nachtfrost getroffene Blumen, die abzuschneiden versäumt und öffnete schon die Lippen, um wieder: Hermann, zu rufen, als plötzlich Martina vor ihr stand. a
„Tante, wenn Du Dich weigerst, mir zu sagen, was mich von Heddenheim trennen soll, so fahre ich nach der Stadt und hole mir von ihm selbst Antwort. Ich habe nie tiefer gefühlt, wie ich ihn liebe, als jetzt, und ich entsage dieser Liebe nicht, ohne zu wissen weshalb.“ g
Ihre Augen blitzten stolz und entschlossen, ihre Lippen waren fest auf einander gepreßt— sie ließ sich nicht beruhigen oder zu⸗ rückweisen. Dennoch gab Frau von Hartwitz nicht gleich nach.
„Martina, traust Du mir nicht, glaubst Du mir nicht, daß es zu Deinem Besten ist, wenn Du nicht mehr erfährst als die Thatsache, daß Heddenheim selbst— aus freiem Willen— auf Deine Hand verzichtet?“
Martina schüttelte den Kopf.„Ich glaube, daß Du es gut meinst, doch, ich würde sterben an der Ungewißheit, ich ertrage sie nicht, und wenn Du schweigst, soll er mir selber Rede stehen.“
Frau von Hartwitz bestand einen schweren Kampf. Sie sollte ihren Willen einem andern unterordnen, sich zwingen lassen, das aufzugeben, was sie für das Richtige hielt und durchzuführen fest entschlossen gewesen war! Dennoch— wie Martina da vor ihr stand, den Kopf stolz zurückgeworfen, das flammende, fordernde Auge fest auf sie gerichtet, das Mädchen sah nicht aus, als ob es nachgeben würde; und eigentlich gefiel ihr dieser energische Wille, sie hatte ein Recht Aufklärung zu verlangen, und besser, sie erhielt sie von ihr, als daß sie von Heddenheim erfuhr, wer ihre Mutter war.
„So komme, eigensinniges Kind,“ sagte sie, mit diesem Wort doch noch dem Unbehagen Ausdruck gebend, daß sie einem stärkeren Willen als dem eigenen gegenüberstand.—
Drei Tage waren seitdem vergangen; Martina hatte keine ihrer gewohnten Beschäftigungen eingestellt, sie besuchte die Armen und Kranken des Dorfes, sie beaufsichtigte die Arbeit des Gärtners und besprach gerade jetzt eine neue Anlage mit ihm, die gemacht werden sollte, ja sie spielte sogar mit dem kleinen Willy wie sonst, und dennoch gab es Niemand, der nicht gesehen hätte, welch eine Ver— änderung mit ihr vorgegangen war, der nicht voll Sorge und Theil— nahme sie beobachtet hätte. Sie war bleich und ernst geworden, der Sonnenschein, der bis dahin gleichsam über ihrer ganzen Er— scheinung gelegen, war verschwunden und es war, als ob sie alles nur mechanisch thue. Ihr Stolz konnte es sich freilich abringen, gehobenen Hauptes den gewohnten Pflichten nachzugehen, aber er konnte nicht den Stachel aus ihrem Herzen reißen, der in jener Stunde tief hineingedrückt war. Ihr Leben habe einen unheilbaren Bruch erhalten, meinte sie, Alles, was vorher Licht und Glück und Freude war, schien versunken und ein lichtloses, schweres, von einem
nie endenden Druck belastetes Leben lag vor ihr— so meinte sie.* Es klang ihr fortgesetzt in Ohr und Herz: Dein Vater hat sich* niemals um Dich gekümmert, Deine Mutter ist eine Mörderin. Und doch schmerzte dies nicht am tiefsten, das größere Weh war es, daß der Mann, den sie liebte, dem sie's gesagt, und an dessen Liebe sie kurze, selige Stunden geglaubt, sie um dieses unverschuldeten Leides willen aufgegeben hatte. War sie denn nicht dieselbe ge⸗ blieken, sie hatte ja keinen Theil an der Schuld, die ihre Mutter auf sich geladen, war das auch Liebe, die vor solchem Schemen zu⸗ rückschreckte? O, sie wußte es wohl, ihre Liebe wäre nur erstarkt, wenn der Geliebte so bitteres Leid zu tragen hätte, sie hätte sich gesagt, ihre Liebe müsse ihm Ersatz geben für das schmerzliche Entbehren von Vater- und Mutterliebe, müsse bei ihm ausharren und müsse ihn trösten. Er dachte anders— so hatte er sie wohl nie geliebt! f 7
Sie hatte in aufwallendem Zorn und gewaltigem Stolz jene Blätter, auf denen sie seine und immer wieder seine Züge gezeichnet, aus dem Buche gerissen— nur daß sich das Bild nicht so leicht aus dem Herzen reißen ließ!— 8 5
Heddenheim hatte in diesen Tagen auch keine Ruhe gefunden, er hatte das unabweieliche Gefühl, so könne diese traurige Geschichte nicht enden. Es dünkte seinem Stolz und seinem Rechtlichkeitsgefühl gleich unmöglich, im Besitz des Vermögens zu bleiben, dessen recht⸗ mäßige Erbin lebte, am meisten unmöglich, weil er dies Mädchen kannte und liebte. Er hatte an Frau von Hartwitz geschrieben und sie noch einmal beschworen, das väterliche Vermögen für Martina anzunehmen; die umgehende Antwort hatte sehr kühl und kurz die Erklärung enthalten, daß davon keine Rede sein könne und ihre erste Abweisung maßgebend sein und bleiben müsse. Doch auch hieran wollte er sich nicht genügen lassen; er beschäftigte sich mit dem Gedanken, Weber in Alles einzuweihen und ihn zum Ver⸗ mittler zu wählen. Wenn er mit Frau Anneliese spräche, so möchte es vielleicht dieser gelingen, Frau von Hartwitz andern Sinnes zun. machen, Martina selbst zu bestimmen. Doch ebenso schnell, wie ihm der Gedanke gekommen, verwarf er ihn auch wieder; die Einmischung Anderer in eine solche Sache, die verborgen bleiben sollte, hätte sie nur erbittert. Er selbst mußte Frau von Hartwitz noch einmal sprechen, und doch konnte er es nicht wagen nach Ornshagen hin⸗ auszufahren: eine Begegnung mit Martina, die ihm unerträglich dünkte, wäre kaum zu vermeiden gewesen. Da schien es, als ob das Schicksal selbst ihm zu Hilfe kommen wolle: Weber theilte ihm mit, daß er hinausgerufen sei, da Martina erkrankt.. 1
„Bedenklich?“ fragte Heddenheim erschrocken. f
Weber zuckte die Achseln.„Nicht eigentlich; es scheint ein nervöser Zustand zu sein, wahrscheinlich durch Gemüths-Auf- regungen herbeigeführt.“ Er fixirte während dieser Worte den Freund scharf.„Es läßt sich darum schwer berechnen, welchen Charakter solche Leiden annehmen und wie lange sie währen können.“
„Es ist indeß keine Gefahr?“ fragte Heddenheim noch einmal erregt.
„Nein, augenblicklich nicht, und ich hoffe auch sie verhindern zu können. Frau Anneliese ist eine prächtige Krankenpflegerin, so sanft und leise und freundlich, daß— man sich selbst von ihr pflegen lassen möchte,“ brummte er in den Bart.„Adieu,“ fügte er dann laut hinzu. f 5
„Adieu.“
In der Thür kehrte er noch einmal um.„Weißt Du, mein Sohn, daß ich Lust habe, die Behandlung Fräulein Martina's einem andern und viel besseren Arzte zu übergeben?“ ö
Heddenheim fuhr auf.„So hältst Du den Zustand doch für gefährlich?“ t 1 1
„Der Arzt heißt— Konrad Heddenheim,“ sagte Weber trocken.
„Lasse das, Hans, es ist vorbei, für immer.“ N
Weber schüttelte den Kopf.„Es ist kaum glaublich, welches Vergnügen die Menschen darin finden, sich mit Chimären zu quälen!“.
„Du weißt nicht Alles,“ entgegnete Heddenheim gepreßt, aich habe mit Frau von Hartwitz gesprochen, es liegt ein anderer Grund vor, einer, der nicht mein Geheimniß ist, und der uns un— 10 weigerlich trennt.“ a
„A—a— a ah! Und Du willst Dich mir nicht anvertrauen Vielleicht daß ein klares, nicht von allerlei vagen Vorstellungen um: nebeltes Auge irgend einen Ausweg aus dem Labyrinth sähe?“
„Ich darf nicht; ich sage Dir: es ist nicht mein Geheimniß.“


