Ausgabe 
11.7.1886
 
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Geliebte, das Weib seines Herzens, die Spenderin unsäglichen Glückes, aber die Gattin, die Trägerin seines Namens unmöglich! Er dachte an seinen stolzen Vater, der mit eifersüchtiger Strenge die Ehre und Reinheit des Hauses Heddenheim bewachte, ihm sollte er sagen: ich habe ein Weib genommen, das keinen Namen, keine Eltern hat, das in dem wüsten, wilden Leben einer Kunstreiterbande auf gewachsen ist, fern alle dem, was Erziehung, Bildung und die ge wohnten Lebensformen sind. Sein Selbstgefühl, sein Stolz em⸗ pörten sich dagegen. Er wußte, sein Vater war kein Rigorist, er würde ihm sein Verhältniß zu Blanche leicht verzeihen niemals aber, daß er sie zu seiner Gattin machte.

So rang er in schweren Kämpfen und was ihm Anfangs nur ein glühender Herzenswunsch gewesen, dünkte ihm allmälig wie eine Pflicht: dafür zu sorgen, daß sein Sohn in rechtmäßiger Ehe ge boren, der Träger seines Namens und aller Vortheile seiner Stellung und seines Reichthums werde.

Blanche schien von dem, was in ihm vorging, nichts zu ahnen, und wenn sie seine Stirne umwölkt sah, so küßte sie ihn und sagte: Pfui, keine Falten da, die machen Dich alt, Du brauchst Dich nicht um mich zu ängstigen, in mir ist eine Fülle von Lebenskraft, die dem Tode Trotz bietet, ich sterbe nicht

Ungeachtet dieser Versicherung war sie doch viel leidend und ließ sich gern Alles von zärtlicher Aufmerksamkeit und Sorgfalt, was Liebe nur erfinden kann, gefallen.

Da plötzlich erhielt Heddenheim die Nachricht von dem Tode seines Vaters. Sie traf ihm völlig unvorbereitet; noch wenige Tage vorher hatte er einen Brief von ihm gehabt, der alte Herr war niemals krank gewesen, ein Herzschlag hatte ihn in ungebrochener Kraft getödtet. Der telegraphischen Nachricht folgte alsbald ein zweites Telegramm Herrn Kühlwetters: er bitte um Anordnung, was bis zu Herrn Heddenheims Ankunft geschehen solle. Man rech nete also auf sein Kommen, er hielt es selbst für unerläßlich, den noch konnte er den Gedanken einer Trennung von Blanche, in diesem Augenblick, nicht fassen. Reiste er, so mußten jedenfalls Wochen bis zu seiner Rückkehr vergehen, unterdeß wurde hier sein Kind ge boren und er war nicht bei der Geliebten in der schweren Stunde.

Er eilte zu ihr, bevor er zurücktelegraphirte. Sie, die in der Welt umher geirrt war, wie ein vom Baum gelöstes Blatt, ohne Heimath und Elternliebe, hatte kein Verständniß dafür, was ihm der Tod seines Vaters war.

Du bist ja seit vielen Jahren von ihm getrennt, sagte sie. Noch weniger hatte sie einen Begriff von den Anforderungen, welche die Ordnung der geschäftlichen Angelegenheiten jetzt an ihn stellen könnte und als er von der Nothwendigkeit seiner Reise sprach, brach sie in leidenschaftliches Weinen aus. Sie klammerte sich fest an ihn, als ob er in diesem Augenblick schon ihr entfliehen könne und jammerte:Jetzt, jetzt willst Du fort von mir, dann bin ich ganz verlassen in meiner trostlosen Einsamkeit, wer steht mir bei, ich habe ja Niemand als Dich.

Er sah sie zum ersten Mal fassungslos, zum ersten Mal klagte sie über ihre Einsamkeit. Es ergriff ihn tief und er versuchte mit tausend Liebkosungen und heißen Liebesbetheuerungen sie zu beruhigen. Doch vergeblich, ihre Thränen und ihr Jammer wurden immer stürmischer und dazwischen beschwor sie ihn mit der ganzen berauschen den Gluth ihrer Zärtlichkeit, sie nicht zu verlassen.

Er war besiegt. Was that es am Ende, daß fremde Leute dort in D. verwundert die Köpfe schüttelten, weil er nicht zur Beerdigung seines Vaters kam, was that es, wenn die Verhältnisse dort sich etwas schwieriger und vielleicht unvortheilhafter abwickelten, was be deutete das Alles gegen Blanche's heißes Wünschen, gegen ihre Ruhe ja, ihr Leben, das durch solche Aufregung in Gefahr gebracht wurde! So blieb er; und dann sprang ein neuer Gedanke in ihm auf. Dieser plötzliche, unerwartete Tod seines Vaters, war er nicht wie ein Wink des Schicksals? Wen hatte er jetzt zu scheuen, wessen Urtheil durfte er nicht kühn die Stirn bieten? Er war jetzt völlig frei, der alleinige Herr seines Handelns, was hinderte ihn nun, das gesetzliche Band mit Blanche zu schließen, das seinen Sohn zu seinem rechtmäßigen Erben machte? Jetzt stand sein Haus, die alte würdige Firma nur auf zwei Augen, weshalb also zögern? Ihm schienen plötzlich alle die Bedenken, die er gehegt, so nichtig gegenüber zwei so mächtigen Bundesgenossen wie sein Weib und sein Kind. Seine energische, selbstgewisse Natur trat wieder in ihr Recht, sein Wille war die einzige Macht, die er anzuerkennen hatte, sein Wille, der

mit allen Fibern danach drängte, den jetzt schon geliebten Sohn

noch vor der Geburt in alle Rechte einzusetzen. Daß statt des er sehnten Sohnes vielleicht auch eine Tochter geboren werden könne, kam ihm nicht in den Sinn.

Sobald sein Entschluß gefaßt war, eilte er übervollen Herzens Seltsamer Weise nahm sie seine Mittheilung wie etwas

zu Blanche. ihr sehr Gleichgiltiges auf.

Wenn Du es wünschest, sagte sie,so ist es gut. Meine Liebe hat nicht nach dieser gesetzlichen Form, wie Du sagst, gefragt und die Deine auch nicht. Sie schlang die Arme um seinen Hals und lehnte ihre Wange an die seine.

Er fühlte sich ein wenig enttäuscht, statt des Dankes und der Wie 7

Freude, die er erwartet, diese Gleichgültigkeit zu finden. thöricht Du sprichst, Blanche, sagte er mit leiser Ungeduld in seinem Ton,denkst Du denn nicht an unser Kind?

Gewiß, daran daß es Dein Kind, ein Pfand unserer Liebe ist, das Andere verstehe ich nicht ich weiß ja, Du wirst so und so für uns sorgen. Sie lachte hell auf.Wie ernsthaft Du aus⸗ siehst; ja sieh, Liebster, ich bin wild aufgewachsen, Alles was Du da sprichst, von Rechten und Pflichten und gesellschaftlicher Stellung, ist mir fremd, das ist Deine Sache.

Sein Unmuth war schnell verflogen; sie kam ihm unsäglich

reizend vor in dieser fraglosen Hingabe an ihn und ihre Liebe, und er küßte sie unter zärtlichen Liebkosungen. Wenige Tage später war Blanche seine Frau. wärtigen Umständen konnte er nicht daran denken, etwas in den äußeren Verhältnissen zu ändern; sie blieb in ihrem Hause und Niemand erfuhr, daß sich Herr Heddenheim vermählt hatte. Er selbst beschäftigte sich mit allerlei Zukunftsplänen in Bezug auf die Neugestaltung seines Lebens mit Frau und Kind, für die er keine richtige Form zu finden wußte; denn wenn es ihm auch das allein Wünschenswerthe und allen Schwierigkeiten Begegnende zu sein

schien, daß Blanche in ihrer Zurückgezogenheit blieb, so sah er doch

anderseits ein, daß, wenn er seinem Sohn den Platz in seinem Hause anweisen wollte, die Mutter nicht fehlen durfte.

Dann kam endlich der gefürchtete und ersehnte Augenblick, nach qualvollen Stunden heißer Angst um Blanche's geliebtes Leben er tönte der erste Schrei des Kindes es war eine Tochter.

Du wolltest einen Sohn, sagte sie matt lächelnd,bist Du nun böse?

Er küßte ihre Hände, ihr Haar, ihre bleiche Stirn. Was fragte er nach dem Kinde, wenn er sie nur hatte, die Geliebte, Einzige, seinen Liebling, seinen Abgott! Und wirklich, seine Liebe war zu gewaltig, um, trotzdem nun seine Hoffnungen zusammengesunken waren, einen Gedanken der Reue oder auch nur des Bedauerns auf kommen zu lassen, daß er Blanche nun auch seinen Namen ge schenkt; doch das Kind, das ihn so bitter enttäuscht hatte, konnte er nicht lieben. Er war sich des Grundes selbst nicht einmal be wußt, er empfand nur, daß ihm das kleine Wesen, das da sehr klein, sehr schwächlich und sehr häßlich unter der blauseidenen Gardine lag, ganz gleichgültig war und daß sich alle Liebesfähigkeit seines Herzens auf Blanche konzentrirte, die er mit der ganzen Fülle seiner leiden schaftlichen Zärtlichkeit überschüttete.

Sie erholte sich sehr langsam und erst als der Frühling mit seinen milden Lüften kam, kehrte ihr die Lebensfülle, auf die sie ge baut hatte, vollständig wieder. Auch Jeanne das war der Name, den Blanche für ihr kleines Mädchen gewünscht hatte blieb ein kümmerliches, elendes Kind, das während Tag und Nacht oft stundenlang jammervoll schrie und dessen Leben mehr als einmal dem Erlöschen nahe war. Hatte der Besitz des Kindes auch nicht ein überwältigendes Mutterglück in Blanche erweckt, so empfand sie doch eine Art zärtlichen Mitleids mit dem kleinen Wesen, dem sie das Leben gegeben, und dem es so wenig wohl auf dieser Erde zu sein schien, und sie theilte redlich mit der erfahrenen Wärterin die Sorge und Pflege für das Kind.

Blanche's eigener, so lange anhaltender leidender Zustand und die Kränklichkeit der Kleinen waren nur äußere Gründe für den ruhigen Verbleib von Muttter und Kind in der gewohnten und in jeder Weise bequem eingerichteten Häuslichkeit, faktisch aber dachte auch Heddenheim nicht mehr daran, etwas in seinem Verhältniß zu Blanche zu ändern, ihr mit dem Namen seiner Frau auch die äußeren Rechte derselben in seinem Hause und in der Welt zu geben. Der einzige Grund, der ihn zu diesem, immerhin bedenklichen

Unter den gegen