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zu den
0 Gberhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den II. Juli.
Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.)
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Der Arzt besuchte Blanche täglich. Heddenheim hatte ihn um größte Achtsamkeit und Vorsicht gebeten und er, dem es nicht schwer war, die Verhältnisse zu durchschauen, glaubte dem reichen Mann einen Dienst zu leisten, wenn er dem Drängen Mr. Whites gegen— über immer von Neuem versicherte, daß ein Auftreten Blanches noch unmöglich sei. Endlich nach 14 Tagen mußte er erklären, daß sie genesen sei und schon an demselben Tage theilte ihr Mr. White mit, daß die nur um ihretwillen so lange hinausgeschobene Abreise der Gesellschaft nun übermorgen stattfinden werde.
Heddenheim fand sie bleich und mit verweinten Augen und ihn selbst traf die Nachricht wie ein Blitzstrahl. Er hatte ja das Ende dieses berauschenden Glückes voraus gewußt, doch so bald hatte er es nicht geahnt. Trotz der grenzenlosen Leere, die ihn angähnte, wenn er sich das Leben ohne Blanche vorstellte— ihn dünkte, er habe erst, seit er sie kannte, wirklich gelebt, alles was Glück, Wonne, Seligkeit hieß, war zusammengedrängt in diese vierzehn Tage— trotzdem dachte er doch nicht daran, diesem kurzen Rausch Dauer zu verleihen. Es war eben gekommen, wie ein zauberhafter, in Gluth und Flammen getauchter Traum und er hatte gewußt, es mußte vorübergehen wie ein solcher.
Unter Thränen, Küssen und leidenschaftlichen Liebesbetheuerungen verrannen die Stunden, dann plötzlich befreite sich Blanche aus seiner Umarmung.„Es ist Zeit, ich muß zur Vorstellung,“ sagte sie.
Es überfiel ihn mit namenlosem Schreck; er hatte nur an die Trennung gedacht, daran noch nicht.„Blanche, um Gotteswillen,“ rief er,„Du sollst wieder in den Löwenkäfig! Das ist entsetzlich!“
Sie schüttelte mit einer müden Geberde den Kopf.„Ich bin daran gewöhnt.“
Es legte sich wie ein rother Nebel vor seine Augen, sein Herz⸗ schlag stockte.„Wenn er Dich tödtet!“ rief er in wahnsinniger Angst.
„Was thut's!“ antwortete sie mit matter, gleichgiltiger Stimme, „was ist mir das Leben ohne Dich!“
Da kam es wie eine Offenbarung über ihn. Du bei mir bleiben?“ fragte er zitternd, glühend.
Mit einem jauchzenden Aufschrei flog sie in seine Arme und erstickte ihn fast mit ihren Küssen.
„und wirst Du Dich nie in das ungebundene Leben zurück⸗ sehnen?“ fragte er weiter.„Das ertrüge ich nicht.“
„In die Sklaverei? wenn ich frei und bei Dir bin?“ entgegnete sie mit glücklichem Lachen;„o Du weißt noch nicht, wie ich Dich liebe!“
Von Trennung war nun nicht mehr die Rede, Blanche war jetzt sein und während er gemeint, in diesen vierzehn Tagen alle
„Blanche, willst
Seligkeit der Erde durchempfunden zu haben, dünkten sie ihm jetzt doch nur wie die Verheißung des höchsten, namenlosen Glückes, die Geliebte für immer zu bestitzen.
Die Abstandssumme, welche Mr. White für„seine beste Künst⸗ lerin, die Hauptzugkraft seiner Gesellschaft“ forderte und die bei— nahe einem Vermögen gleich kam, zahlte er ohne Bedenken und Blanche fragte nicht einmal danach, es schien, als ob Mr. White und die ganze Vergangenheit nicht mehr für sie existirten.
So strenge Heddenheim, der kühle, besonnene Mann, bisher auch ähnliche Verhältnisse getadelt hatte, jetzt schien das Alles ihm fraglos, selbstverständlich, und er streifte vorläufig nicht einmal den Gedanken, ihr mit seiner Liebe auch seinen Namen zu geben, eben— sowenig wie Blanche daran zu denken schien.
Er miethete in einer der Vorstädte Londons ein mitten in einem anmuthigen Garten gelegenes Häuschen und richtete es mit allem erdenklichen Komfort ein. Hier wohnte Blanche und hier verbrachte Heddenheim Stunden und Tage eines überwältigenden, beseligenden Liebesglücks. Sein Gefühl für Blanche, weit entfernt im Laufe der Zeit in ruhigere Bahnen zu lenken, blieb immer leidenschaftlich, seine Sehnsucht, wenn er etwa an einem Tage ver⸗ hindert war zu ihr zu kommen, hatte etwas Maßloses und es quälte ihn die Angst, daß sie, die jugendlich Schöne, einmal empfinden könnte, daß er beinahe 20 Jahre vor ihr voraus hatte. Sie lachte und scherzte ihm solche Gedanken fort, die in ihren Armen und unter ihrem Küssen auch bald ihre Bedeutung verloren. Er über⸗ schüttete sie mit Geschenken; kein Stoff, kein Schmuck war ihm für sie zu kostbar und sie putzte sich damit in phantastischer und extra⸗ vaganter Weise, die an ihr früheres Leben gemahnte. Doch sie hatte eine kindische Freude daran und es kleidete sie Alles so entzückend, daß Heddenheim nicht das Zigeunerhafte der Kleidung, sondern nur ihre Schönheit sah.
Sechs in einem Rausch der Seligkeit verflossene Monate waren vorüber, als Blanche sich Mutter fühlte. Da tauchte in Hedden⸗ heim zuerst eine Möglichkeit auf, an die er bisher nicht gedacht: Blanche zu seiner rechtmäßigen Gattin zu machen. Wenn sie ihm einen Sohn schenkte, so konnte er ein Erbe seines Namens, seines Vermögens, des alten würdigen Hauses: F. R. Heddenheim werden. Er hatte früher darüber so gleichgiltig gedacht, seinem Vater so kühl über die Möglichkeit der Adoption eines Neffen geschrieben und nun plötzlich strömte ihm alles Blut zum Herzen in dem Glücks⸗ gefühl, für seinen Sohn zu schaffen und zu arbeiten. Er dachte nicht an Blanche— doch sein Sohn sollte im Verborgenen auf⸗ wachsen, er sollte nicht die Vortheile genießen, unter dem Schutz und unter dem Glanz des Namens Heddenheim zu stehen— sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. Und dennoch— Blanche war seine
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