Ausgabe 
11.4.1886
 
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Was würde Klas Back sagen, und wie sollte er ohne den Burschen, der wie sein Schatten war und Alles von ihm ertrug, auskommen können? Nikolaus Back sollte wohl auch wieder zu einem Meister in die Lehre nach der Stadt, aber Klas blieb nicht und kam immer wieder ins Dorf. Klas aber hatte auch keine Stiefmutter, seine Eltern waren todt, und wer konnte es ihm wehren, wenn er als Taglöhner sein Brod verdienen wollte? f

Adeline war nun beständig um ihren Vater; sie legte selbst Hand an, die Vorbereitungen zur Abreise zu beschleunigen. Gute Schulen waren in kurzer Zeit gefunden und der Tag des Scheidens kam rasch heran. f f N

Julia war zu wahr, als daß sie ein Bedauern über diese Trennung gezeigt hätte, das sie nicht fühlte. Es war ihr klar, daß sie sich die Zuneigung von Lindner's Kindern nicht erwerben konnte. Sie hatte Alles versucht, Alles, was ihre edle schöne Seele ihr eingab, sie fühlte es mit Grauen, daß diese Naturen ihr fremd waren, daß keine ihrer Empfindungen, ihrer Auschauungen und Liebesäußerungen den Weg zu den Herzen ihrer Stiefkinder gefunden. Ihr bestes Wollen war erschöpft, ihre besten Geschosse waren an dem Bollwerk dieser unzugänglichen Naturen abgeprallt. Das war ein Kummer, den sie für sich allein tragen mußte. Was half es, Lindner auf die traurige Thatsache aufmerksam zu machen? Mußte er es nicht selbst einsehen und die Stiefmutter ihm in einem Lichte erscheinen, als wolle sie seine Kinder anklagen? Adeline war artig und zuvorkommend bis zur Abreise, vermied aber, je ein Wort über das Weggehen mit Julia zu sprechen. Es überraschte die junge Frau nicht, denn die Stieftochter war einer vertraulichen An näherung immer sorgfältig ausgewichen. Georg sah in dumpfen Hinbrüten den letzten Morgen dämmern, er hatte kein Auge in der Nacht geschlossen. Da wurde er aufmerksam und richtete sich im Bette auf. Wurde nicht mit Sand an sein Fenster geworfen und konnte dies ein Anderer sein als Klas? Er sprang nach dem Fenster und sah in der Dämmerung des Oktobermorgens die untersetzte Gestalt seines Freundes Klas. Er winkte ihm geheimnißvoll in den Garten und Georg eilte, hinunter zu kommen.

Da sehen Sie nur den Brief, Herr Georg, flüsterte er und reichte dem Anderen ein Blatt Papier hin.Das hat sich denn einmal leicht gemacht; sobald ich wußte, daß Sie auf die Schule nach Trier kommen sollten, habe ich an ein halbes Dutzend Meister geschrieben: Schuster, Schreiner, Sattler, es ist ja Alles einerlei; wer mir nur im Dorfe eine Adresse geben konnte, die habe ich alle benutzt. Nun will mich der Sattler, und ich soll in acht Tagen kommen. Wenn nun der Student nicht zu stolz ist, mit dem Lehr⸗ jungen zu gehen, dann werde ich diesmal nicht davonlaufen, Herr Georg.

Georg sah aus, als könne er ein solches Glück gar nicht be

wies dem eigenartig schönen Mädchen eine besondere Ausmerksamkeit, die der Fünfzehnjährigen schmeichelte und sie ermuthigte, ihre kleinen Koketterien zu entfalten.

Lindner schien höchst peinlich berührt und erwiderte mit tief gebeugtem Haupte neben Frau van Mossel niederschreitend:Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein, Frau Nachbarin.

Sie sehen nicht ein, daß Ihre Frau leidet, daß ihre Stellung hier eine durchaus rechtlose ist? fuhr Frau van Mossel eifrig fort.

Gnädige Frau! rief Lindner und blieb stehen.Sie ver⸗ kennen Adelinens gute Absichten hinsichtlich ihrer Mama. Sie sieht sie ein wenig bleich und müde und ist nur zu gern bereit, ihr jede Erleichterung zu verschaffen.

Adeline ist nicht an ihrem Platz und Ihre Frau ist es gar nicht. Schicken Sie sofort das Mädchen in ein gutes Institut und Georg auf eine Schule. Es wundert mich, daß Sie nicht selbst daran gedacht haben; ich würde es gerade jetzt recht passend finden, wo ein Schwesterchen oder Brüderchen in Aussicht ist.

Ich glaube, Sie haben recht; aber wie soll ich mich so lange von meinen Kindern trennen? sagte der Gutsbesitzer in tiefem Nachdenken.

Denken Sie denn nur an das Wohl Ihrer Kinder? Denken Sie auch an das Wohl eines liebenswerthen sanften Wesens, dessen stilles Wirken segensreich für ein Haus würde, dem aber der Boden zur Entfaltung fehlt. Es ist traurig, Herr Nachbar, daß nicht jede edle Pflanze ihr rechtes Erdreich findet, daß so manches reiche Ge müth unter Dornen und überwucherndem Strauchwerk erstickt wird. Es sind gerade die am meisten vornehm angelegten Naturen, die nicht dazu geeignet sind, sich Geltung zu verschaffen.

Es wäre zu wünschen, daß in jeder Familie ein so inniges, herzliches Glück Wurzel gefaßt hätte, wie dies in unserem Mands felt der Fall ist, entgegnete der Gutsbesitzer mit einem Anflug von Gereiztheit. Er wollte dieser Frau, die immer an seiner Adeline zu kritisiren fand, zu verstehen geben, daß ihre Söhne ihr schon Veranlassung genug zur Unzufriedenheit gegeben hatten. Die Mutter fühlte den Stich und schwieg. Sie wendete sich bald darauf zur jungen Frau, die in ihrer sanften Lieblichkeit von dem ersten Augenblick an das Herz der energischen alten Dame gewonnen hatte.

Gegen Abend, als Adeline und ihr Bruder den jungen Leuten, die vorgezogen, eine Strecke zu Fuß zurückzulegen, das Geleite gaben, legte Lindner mit Zärtlichkeit seinen Arm um die Schultern seiner Frau und führte sie tiefer in den Garten hinein.

Was meinst Du dazu, Liebe, wäre es nicht Zeit, daß Georg zu arbeiten anfängt und Adeline, die nun ein großes Mädchen wird, sich noch ein wenig der Musik und Anderem widmet? Ich möchte das Opfer bringen, die Kinder für einige Jahre von mir zu thun?

Julia sah zu ihrem Manne auf mit einem Blicke, der unver⸗

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kennbar kein trauriger, mißbilligender war. Dieser Blick mißfiel dem Gutsbesitzer; er unterdrückte einen Seufzer. Zuneigung und Liebe für seine Kinder fühlte die junge Stiefmutter eigentlich noch nicht. Julia bemerkte seine plötzliche Mißstimmung, erklärte sich aber nicht die Ursache. Als die Geschwister zurückkamen und bereits die Lampe im Wohnzimmer brannte, machte Julie eine sanfte Be merkung darüber, daß es schon fast Nacht und der Herbstabend doch zu kühl sei für die Beiden, die kaum wieder gänzlich von der schweren Krankheit hergestellt seien.Und unpassend ist es, daß Du in der Abenddämmerung einen jungen Herrn wie Paul von Mossel begleitest, wendete sich Lindner ärgerlich an seine Tochter. Das Alles soll nun aufhören, Ihr müßt Beide einmal hinaus.

Adeline war bleich geworden und stand wie vom Blitze getroffen; sie sah ihren Vater an, als hätte sie Mühe, ihn wiederzuerkennen, und stürzte ihm leidenschaftlich an die Brust. Sie weinte und schluchzte, und er preßte fest die Zähne auf die Unterlippe, um seine Thränen nicht auf Adelinens langes Haar fallen zu lassen, das wie ein schwarzer Trauerflor über seinen Armen hing. ö

Es muß sein, mein Kind, mache mir die Sache nicht so schwer, sagte er mit gepreßter Stimme.Ich habe Pflichten gegen Euch und muß das Opfer bringen.

Georg schien die Sache bedenklich; auf einer Schule war er in der Gewalt der Lehrer; ihnen konnte er das Leben nicht sauer machen, wie den armen Hauslehrern, die bald vorzogen, das Weite zu suchen, und vor dem Lernen hatte er einen unbesiegbaren Wider willen. Er schlief die ganze Nacht nicht und faßte einen tiefen Groll gegen die Stiefmutter, deren Werk dies allein sein mußte.

greifen, sein Gesicht bekam einen Ausdruck, der es, wenn auch nicht verschönte, doch viel angenehmer machte.Du wirst schon bleiben, das rathe ich Dir; denn ich muß wohl aushalten, ob ich will oder nicht. Adeline sagt, wir dürften nicht wiederkommen, sonst würde der Papa doch schließlich der Stiefmutter glauben, daß kein Mensch mit uns auskommen kann. Und Recht kriegen darf sie nicht, wenn Adeline etwas will, dann muß es durchgehen. N

Ja, Herr Georg, die Schwester ist nicht dumm; sie hat mich auch auf dem Korn, weil sie mir Ihre Freundschaft nicht gönnt, sagte Niklas. N

Georg lachte geschmeichelt.Laß sie nur, antwortete er,wir sind bald sicher vor ihren großen Augen, die Alles sehen. Es ist einerlei, Schwester und Bruder müssen zusammenhalten, sonst bringt die Stiefmutter uns auch noch um unser Vermögen, wenn sie ein mal den Papa ganz im Sacke hat; denn sie ist arm wie eine Kirchenmaus.

Man sollte es nicht glauben, daß sie eine so schlimme Frau ist, sagte Klas nachdenkend.Noch letzten Sonntag, als sie in die Kirche kam, hörte ich die Leute zusammen flüstern, wie sie doch aussehe wie ein Engel, und gut gegen die armen Leute im Dorfe muß sie sein, das sagen sie Alle. f

Nun sei still, Klas, fuhr Georg wüthend auf.So, sie giebt dem lumpigen Volk so viel? Aus Haß gegen uns thut sie es, sie will uns arm machen; das muß Adeline erst noch dem Papa sagen. Georg lief aufgeregt ins Wohnhaus zurück und begab sich zu seiner Schwester...

Mit einem artigen, frostigen Lächeln verabschiedete sich Adeline