Ausgabe 
10.10.1886
 
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I bringen. Er verließ sie mit Bangigkeit und einem schmerzlichen macht; es hätte Keiner auch nur die Hand ausgestreckt, ihn in den Gefühl seiner Ohnmacht. Sie versprach ihm, daß sie Tassilo an Schatten zu ziehen. dem Abend nicht mehr herausfordern wollte. Dieses Versprechen Gesualdo war nur ein schwächlicher Mensch. Er hatte stets war das einzige, was er von ihr zu erlangen vermochte. Es war lange und häufig gefastet und war überhaupt von Geburt an nie 0 spät, als er die Mühle verließ. Er fürchtete, Candida würde über recht kräftig gewesen. Doch Indignation, Mitleid und Entsetzen I sein ungewöhnlich langes Ausbleiben in Angst gerathen, und er be- liehen ihm für den Augenblick eine seltsame Kraft. Er bückte sich, sschleunigte seine Schritte nach dem Dorf zu, das weiß und einsam hob den Leichnam in seine Arme und trug ihn strauchelnd unter unter dem Hochsommer⸗Mond dalag. Er hatte so geringen Einfluß, seiner Last die paar Ruthen fort, die den Ort, wo er gefunden, ö so wenig Ueberredungskraft, eine so schwache Warnungsstimme, daß von der Kirche und dem Pfarrhaus trennten. 11 er fürchtete, seines Berufes unwürdig zu sein. Das Volk sah in Verwunderung zu.Das ist gesetzwidrig, 11.Ich hätte eher in's Kloster gepaßt, dachte er betrübt bei sich, murmelten sie, doch sie erhoben weiter keinen thatsächlichen Ein 1ich besitze den Schlüssel zu Menschenherzen nicht spruch. So trug Gesualdo, nur von der Stimme seiner alten Haus 1 g So schritt er im Mondschein fürbaß, und das Pfarrhaus er- hälterin gewarnt, seine Bürde in sein Haus und legte sie mit Ehr 191 reichend, ging er geräuschlos die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, furcht auf die Ruhebank in der Sakristei. Er war erschöpft von 1 froh, daß die Stimme seiner Haushälterin ihn nicht aus der Dunkel- seinem Beginnen, die Beine wankten ihm, der Schweiß tropfte von I heit anrief. Er schlief nur wenig die Nacht und stand, wie es seiner Stirn. Die weißen Seiden- und Goldstickereien seines Chor i 1 seine Gewohnheit war, mit Tagesanbruch auf. rockes waren von dem geronnenen Blute befleckt, das aus der Wunde 8 Es war noch dunkel, als die Kirchenglocke über seinem Haupt des Ermordeten geflossen war. Aber er achtete auch darauf nicht, . 1 zur ersten Messe läutete. er hörte nicht die Klagerufe Candida's, die das schöne so übel zu 1 Es war der Peter-Pauls-Tag. Nur wenige Leute kamen zur gerichtete Ornat bejammerte, noch hörte er das laute Geschwatze des 10 Frühmesse. Ein paar Bauern, die den Tag ungestört für sich haben[Volkes, das sich gleichfalls mit in die Sakristei hineingedrängt hatte. 9 wollten; ein paar Bäuerinnen, regsame Hausfrauen, die zeitig auf[Er stand und blickte nieder auf die arme, staubige, steife Leiche und . waren; Candida, sonst keiner; das liebliche Morgenlicht strömte kühl dachte bei sich nur in stillem Schrecken:Ist das ihr Werk! und rosig herein. Lilien und Rosen schmückten den Altar, rothe In seiner Seele hatte er keinen Zweifel. f Vorhänge das Portal, und die Nachtigallen schlugen in der wilden Candida zupfte ihn von neuem an seinen Kleidern. Rosenhecke und sangen in die monotonen lateinischen Recitative hinein.Das Ornat, das Ornat! Sie werden es noch ganz ruiniren! i Die Messe war gerade aus, als sich von draußen ein seltsames Legen Sie es wenigstens ab! Lärmen hören ließ. Es waren die wilden, heiseren entsetzten Rufe Er stieß sie von sich mit einer hoheitsvollen Geste, dann wies . eines ganzen Haufens von Menschen, die alle durcheinander schrieen, er die Leute zurück an die offene Thür. 1 zeterten und fluchten. Die knieenden Bauern und BäuerinnenIch werde bei ihm wachen, bis die Polizei kommt, sagte er. 9 3 sprangen auf und stürzten an die Thür in festem Glauben, die ErdeGehen Sie und holen Sie seine Frau! müßte sich aufgethan haben. Gesualdo kam vom Altar herunter Dann sprengte er Weihwasser über den Leichnam und kniete 19 und versuchte sie zu beruhigen, doch sie achteten nicht auf ihn, und neben demselben nieder und betete. er folgte ihnen. Das ganze Dorf schien draußen zu sein. Die Menge wunderte sich höchlichst über sein Gebahren. Warum 113Was ist los? fragte Gesualdo. war er so still und so kalt, und warum schien er so niedergeschlagen 1 4 Ein paar Stimmen antworteten ihm:Tasso Tassilo ist ermordet![und betroffen? Hätte er geschrien und gewirthschaftet, wäre er 4 Gesualdo schrie leicht auf und lehnte sich gegen den Stamm zwecklos von einer Himmelsrichtung zur anderen gelaufen und hätte 1 eines Cypressenbaumes, um nicht umzusinken. Was hatten nun alle dabei die Leiche ruhig in den Rohrgebüschen liegen lassen, so hätte fi seine Mahnungen am Abend vorher genützt? er sich nach ihrer Ansicht natürlicher benommen. Im übrigen blieben Der Gemordete war unter den Rohrgebüschen an der Wegseite sie fast sämmtlich halb erschreckt halb ingrimmig vor der Hausthür 1 9 kaum eine Ruthe von der Kirche ab gefunden worden. Das auf- stehen. Ein Paar nur liefen eiligst nach der Mühle, um die Kunde 1 1 fällige Schnüffeln eines Hundes hatte die Entdeckung des Leichnams[von dem Geschehenen dorthin zu tragen. 6 e herbeigeführt. Er konnte erst ein paar Stunden todt sein und war Der Morgen verwandelte sich in den hellen Tag. Gesualdo 9 N augenscheinlich mit einem Messer erstochen worden, das ihm unter stand von seinen Knieen auf, ließ sich von seinem Küster Leinen a K die linke Schulter eingedrungen und bis in's Herz gegangen war. zeug bringen und legte es über den Leichnam, um die Fliegen und 9 Die Aufregung unter den Leuten war unbeschreiblich, das Lärmen[die Mücken von ihrem grausigen Tummelplatz fern zu halten. Kein 9 k betäubend. Einer, der sich seine Ruhe und seinen Verstand noch Vertreter des Gesetzes erschien. Die Boten kamen zurück. Das 1 3 ein wenig erhalten hatte, hatte nach den Carabiniers geschickt, doch Stationshaus war in der Frühe geschlossen worden und die Ca 1 1 ihre Station war über eine halbe Meile fort, und sie waren noch[ rabiniers waren fort. Es ließ sich weiter nichts thun als warten. 1 ünicht gekommen. Inzwischen blieb der Todte auf seinem Platze Die Dorfbewohner standen und saßen umher auf dem gepflasterten 1 1 liegen, Alles hatte Furcht, ihn zu berühren. Hof und auf der Straße unter den Cypressen. Eines derartigen NWeiß seine Frau? fragte Gesualdo mit einer seltsamen, heiseren Falles konnten sie sich in ihrem ganzen Leben nicht erinnern. Sie 9 6 Stimme. ließen sich Brod holen und aßen, während sie das Geschehniß be 9 Seine Frau wird sich nicht übermäßig grämen, antwortete sprachen. b 1 e Einer aus der Menge, und man lachte mit einem von der NäheWollen Sie nicht auch Ihr Fasten brechen? meinte Candida 19 3 des Todes und des Priesters etwas gedämpften Lachen. zu Gesualdo.Mit Hungern werden Sie ihn auch nicht mehr ins 10 Gesualdo hielt mit einem Schauder des Abscheus seine Hand Leben zurückrufen. 9 1 zurechtweisend hoch, dann beugte er sich über den Leichnam zwischen Gesualdo machte eine ablehnende Geste. 4 ö dem Rohr. Sein Mund war trocken, seine Kehle schnürte sich ihm zu. Er 1 Tragen Sie ihn in die Sakristei, sagte er zu den ihm zu⸗ blickte flimmernden Auges auf die weiße Straße nach Generosa 1 . nächst stehenden Männern,daß er nicht wie ein unreines Thier[hinaus. Wäre sie schuldig, würde sie nimmer kommen, dachte er, 1 1 an der Wegseite liegt. Gehen Sie, holen Sie eine Hürde, ein sich den Todten anzusehen. l 1 Laken, irgend Etwas. Bald jedoch ward er ihrer ansichtig, wie sie geschwinden Schrittes, 0 Aber keiner von den Bauern rührte sich. 155 mit fliegenden Kleidern und baarhaupt unter den Cypressen daher* tWenn wir ihn anfassen, werden sie uns seines Mordes be- kam. Sie war aschfahl, ihr offenes Haar flatterte hinter ihr her. 1 zichtigen, murmelten sie durcheinander. Sie hatte eine fieberhafte Nacht zugebracht, ihre Thür vor 1 5So werde ich ihn hineintragen, Ihr Memmen, rief der Priester. ihrem Mann verschlossen und während langer Stunden an dem 1 1Sie sind in vollem Ornat! schrie Candida und zog ihn an Fenster gestanden, von dem aus sie das alte graue mondbeschienene 1 e N seinem Aermel. Schloß sehen konnte, in dem der Geliebte wohnte. Ohne Sinn 1 614 Doch Gesualdo achtete nicht auf sie. Er verscheuchte mit sor-[für die Schönheit der Nacht hatte sie nur für ihre eigene Lage 0 10 samer Hand die Fliegen, die um des Todten Mund zu summen Gedanken. 5 a. 1 0 begannen. Die Fliegen hätten den Todten den ganzen Tag lang Sonst war sie übrigens im Grunde nicht schlecht, wenn auch 1 5 stechen können, aus der Menge hätte sich Keiner etwas daraus ge- schwanken Charakters, und ihr Gewissen sagte es ihr, daß sie un