dankbar gewesen sei gegen einen Mann, der sie am Ende ehrlich geliebt hatte, der ihr alles zur Verfügung gestellt, was er Sein nannte, der sie der Armuth entrissen hatte und niemals unfreundlich zu ihr gewesen, bis sie ihm gerechten Grund zur Reizbarkeit ge— geben. Sie hätte vor keinem Schritt gezögert, der ihr Leben mit dem ihres Liebhabers hätte verbinden können; und doch war sie es sich tief im Grund ihres Herzens bewußt, daß sie unrecht thue, dem alten Mann seine Wohlthaten so mit Falschheit und Tücke zu lohnen. Kurz sie war in jener schwankenden Stimmung, in der eine Frau vor Unglück noch bewahrt werden kann durch Zerstreuungen oder Reisen. Indeß diese Zuflucht existirte für des Müllers junge Frau nicht. So lange ihr Mann lebte, so lange war sie verurtheilt, auch hier zu bleiben bei den ewig plätschernden Rädern und in der Nähe des alten grauen Schlosses, das ihren blondhaarigen Geliebten be— herbergte.
Sie hatte die ganze Nacht nach dem Gebäude, in dem er lebte, hinübergeblickt. Und dabei war er augenblicklich nicht einmal da. Er war mit den ersten Stunden des neuen Tages zu einem Korn— markt nach Vendramino aufgebrochen, indeß sie entsann sich enthu— siastisch ihrer Stelldicheins am Rand des niedrigen grünen Flusses, ihrer köstlichen Stunden in den wilden Blumengärten des Schlosses und der einsamen Abende, an denen sie sich hinausgestohlen und in Mais- und Rohrbüschen ängstlich auf seinen Fußtritt gelauscht hatte. Schlaflos und doch müde, müde und doch ruhelos, hatte sie sich auf ihr Bett geworfen, ohne sich auszukleiden, als bereits die Glocken zur ersten Messe über die schattigen Felder hallten. Und endlich verfiel sie in einen schweren Schlaf, in dem sie von dem Geliebten träumte, dabei ihre Hände in die leere Luft hinein nach ihm aus— streckend und wilde und zärtliche Worte ausstoßend.
Sie lag noch auf dem Bett, als die Leute der Mühle an die Thür ihres Schlafzimmers kamen und klopften und riefen:„Generosa, Generosa, Padrona! Stehen Sie auf! Der Meister ist ermordet und liegt todt in der Kirche.“
Sie hatte eben von Falko geträumt, und sie glaubte noch seine Küsse auf ihrem Mund zu fühlen, als diese Entsetzensrufe durch die Stille des Morgens drangen.
Sie war von ihrem Bett aufgesprungen.
Sie hatte sich rasch ihren Anzug etwas geordnet und war, ohne sich von den Knechten und den Nachbarn zurückhalten zu lassen, fliegenden Fußes nach der Kirche gestürzt.
„Ist es wahr? Ist es wahr?“ rief sie mit bleichen Lippen Gesualdo zu.
Er sah sie mit einem langen, forschenden Blick an, dann zog er ohne ein Wort das Linnen von dem todten Antlitz ihres Gatten und wies darauf hin.
Und ohnmächtig fiel sie der Länge nach zu Boden.
Die Leute drängten sich um die Thür und beobachteten sie arg— wöhnisch und mitleidslos. Kein einziger von ihnen allen, der in ihr nicht die Mörderin sah. Nur Gesualdo nicht. In dem einen Moment, in dem er ihr in die Augen gesehen, hatte er sich von ihrer Schuldlosigkeit überzeugt. Er rief Candida zu ihr und ver— ließ sie und schloß die Thür vor den neugierigen grausamen, starren— den Augen der Menge draußen.
Die Leute murrten. Welches Recht maßte er sich in dieser An— gelegenheit an? Der Mord war für sie ein Fest. Was brachte er sie um den Genuß desselben?
„Er weiß, sie ist schuldig,“ murmelten sie,„und er will sie nur schützen und ihr Zeit lassen, sich eine Ausrede auszudenken.“
Bald vernahm man jetzt auch auf der Straße das Trappeln von Pferdehufen, Kettengeklirre und Säbelrasseln drang durch die Morgenluft. Die Carabinieri waren gekommen. Mit ihnen der Syndikus und Polizei-Beamte aus dem Städtchen San Arturo, zu dessen Gerichtsbezirk Marca gehörte.
Es herrschte eine gewaltige Aufregung, Räder knirschten im Sande, Staub wallte auf und laute Befehle erschallten. Die Leute wurden in's Verhör gezogen, Protokolle wurden aufgesetzt und aller— hand Vermuthungen und Verdachtsmomente traten zu Tage.
(Fortsetzung folgt.)
Gedantenlesen.
Erzählung nach dem Englischen von Jenny Hirsch. (Schluß.)
Hauptmann von Soden, dem sein Versprechen schon halb und halb wieder leid geworden war, erschien etwas verspätet auf der Soirée der Baronin von Olden und war daher erstaunt, die ersten Zimmer, welche er durchschritt, noch ganz leer zu finden. Das Räthsel löste sich ihm jedoch, als er den Hauptsaal betrat. Die ganze Gesellschaft hatte sich hier zusammengedrängt und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit den Vortrag und die Bewegungen eines auf einem Podium in der Mitte des großen, elegant aus— gestatteten Saales stehenden Herrn im schwarzen Gesellschaftsanzuge nach englischem Schnitt. Haar und Bart waren ebenfalls englisch zugestutzt, auch bediente sich der Herr nur der englischen Sprache und überließ es dem ihm begleitenden Sekretär und Dolmetscher, seine Aussprüche ins Deutsche zu übertragen; dennoch deutete seine Physiognomie wenig auf anglikanischen Ursprung, und auch seine Aussprache und Redewendungen ließen weit eher auf den Amerikaner als auf den Engländer schließen.
Es waren jedoch nur wenige in der Versammlung, welche jetzt sich aufgelegt gefühlt hätten, derlei Betrachtungen anzustellen, denn Mr. Barrington hatte bereits staunenswerthe Proben seiner Kunst oder vielmehr seiner geheimnißvollen Begabung gegeben. Er hatte sich schon im»trances befunden und durch seinen Mund den Geist eines indianischen Häuptlings sprechen lassen, der sich leider einer Sprache bedient, die Niemand, selbst nicht der bestellte Dolmetscher, verstand. Jetzt eben war auf sein Geheiß ein anderer Geist be— schäftigt, mittelst eines Schieferstiftes zwischen zwei verdeckte Schiefer— tafeln eine Mittheilung aus der vierten Dimenston niederzuschreiben, welche diesmal glücklicherweise in der Sprache Albions abgegeben war und lautete:„There are more things in heaven and earth, than are dreamt of your philosophy.“ Es blieb zweifelhaft, ob
der Geist des großen britischen Dichters oder der des unglücklichen
Dänenprinzen zum Stift gegriffen, um den bereits seit einigen Jahrhunderten bekannten Ausspruch als eine neue Wahrheit zu ver— künden, jedenfalls brachte er aber an diesem Orte und in der An— wendung auf den Spiritismus eine sehr große Bewegung hervor. Die Gruppen lösten sich, die Unterhaltung kam in lebhaften Fluß, und Soden gedachte diesen Augenblick zu benutzen, um sich un— bemerkt wieder davonzuschleichen. Nicht eine Minute länger mochte er in einer Gesellschaft bleiben, wo man dem ihm jetzt doppelt und dreifach verhaßten Spiritismus huldigte.
Es war zu spät. Frau von Olden hatte ihn bereits bemerkt und eilte ihm mit einer Schnelligkeit entgegen, daß sie Gefahr lief, sich in der Schleppe ihres rothen Sammetkleides zu verwickeln und das mit Spitzen, hellgelben Federn und Diamanten geschmückte Haupt in unsanfte Berührung mit dem spiegelblank gebohnten Parquet kommen zu lassen.
„Da sind Sie ja endlich, mein bester Herr Hauptmann!“ rief die kleine, lebhafte Dame, dem jungen Offizier die fette, beringte Hand entgegenstreckend,„ich fürchtete schon, Sie würden ausbleiben, und wir bedürfen Ihrer so nothwendig.“
„Meiner, gnädigste Frau, wie das?“ stammelte Soden in großer Verlegenheit.
„Das sollen Sie sogleich hören,“ erwiderte sie, und zog ihn zu dem Podium.
„Hier bringe ich Herrn von Soden, Hauptmann im großen Generalstabe, einen tapferen Offizier und gleichzeitig einen Gelehrten, das war es doch, was Sie wünschten, Mr. Barrington?“ rief sie triumphirend.
Der Spiritist, der das Deutsche zu verstehen schien, wenn er es auch nicht zu sprechen vermochte, verbeugte sich zustimmend, be— zeichnete dann noch einen jungen Diplomaten und einen Musiker als die nöthigen Glieder, um die Kette zu bilden, und ehe Soden noch recht wußte wie ihm geschehen, befand er sich als Dritter in diesem Kleeblatt neben dem Engländer auf dem Podium.
„Rauch, um Gottes Barmherzigkeit willen, erlösen Sie mich, treten Sie für mich ein,“ raunte Soden dem in der Nähe be— findlichen Kameraden zu.„Sie sind es mir schuldig, Sie haben mich in diese Falle gelockt, hätten Sie mir gesagt, was meiner hier wartet—“
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