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toll. Sie müssen meine dreisten Worte verzeihen. Ihr Verlangen hat mich ganz aus dem Häuschen gebracht.“
„Glauben Sie denn an gar keine Pflicht?“
„Ich glaube an die Pflicht eines jeden ehrlich Liebenden,“ meinte Falko mit Heftigkeit,„und diese Pflicht ist, alles zu thun, was die Geliebte wünscht. Sie aber ist an einen Bauer gefesselt, sie ist unglücklich, sie hat nicht einmal Kinder, die ihr Trost brächten, sie gleicht einer schönen, in einem Keller verschlossenen Blume und sie liebt mich— mich— und da heißen Sie mich gehen! Nein, Don Gesualdo, bleiben Sie nur bei Ihrer Kirche und mischen Sie sich nicht in die Liebeshändel Anderer hinein! Was verstehen Sie auch davon? Verzeihen Sie mir, wenn ich ausfallend bin. Sie sind ein heiliger Mann, aber vom Verhältniß von Mann und Frau zu einander verstehen Sie nichts.“
„Davon verstehe ich allerdings wohl nicht viel,“ gab Gesualdo leise zu.
Er war niedergeschlagen und eingeschüchtert. Er spürte nur zu sehr seine vollkommene Unkenntniß von des Lebens Passionen. Dieser Mann, der ihm fast gleichaltrig, doch so voller Kraft und Feuer, Indignation und Stolz in dem Bewußtsein war, geliebt zu werden, erschreckte ihn mit einem Gefühl von Kraft und Triumph, das er selbst nicht recht begriff und um das er ihn eigentlich beneidete. Es war allerdings, sagte er zu sich, eine Sünde, aber es lag doch Leben, Stärke und Männlichkeit darin.
seichten Wasser aufhielt. Die Mühle stand unten im Wasser, ein massiver, in alten Tagen errichteter Bau, die großen schwarzen Räder waren zur Ruhe gezwungen. Die Maulthiere stampften und kauten in ihren Ställen, sie standen müßig wie die Mühle. Für die nächsten zwei bis drei Monate war voraussichtlich nichts in der Mühle zu thun, es sei denn, ein Sturm müßte kommen und Hochwasser bringen. Der Muller könnte seinem Leid um so eher nachhängen, dachte Gesualdo bei sich.
Wie Gesualdo an den niedrigen Mühlenfenstern vorbeikam, die mit Eisengittern gegen Diebeseinbruch geschützt waren, konnte er den Innenraum, der von einer Oellampe erleuchtet war, sehen und durch die offenen Jalousieen drangen laute, wild erregte Stimmen in die heilige Stille der Nacht heraus. Die Gestalt Generosa's stand dicht am Fenster, hinter ihr schien das Licht. Sie war in höchster Wuth. Ihre Augen sprühten wie der Blitz des Gebirges; und ihre schönen Arme hielt sie unter leidenschaftlichen Verwünschungen hoch in die Luft. Tasso Tassilo schien für den Augenblick unter diesem Regen flammender Worte niedergeschmettert. Sein Gesicht, auf welches voll das Licht fiel, war entstellt von wilder, ohnmächtiger Wuth, von Gier und Eifersucht. Man brauchte ihre Worte nicht zu hören, um zu wissen, daß sie ihn mit ihrer Liebe zu Falko Melegari höhnte. Gesualdo war ein schwacher und zaghafter Mann. Doch hier zögerte er nur einen Augenblick. Er drückte die Klinke der Hausthür hinunter und trat stracks in die Küche der Mühle
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hinein.
„Im Namen Jesu Christi Ruhe!“ sagte er zu ihnen und machte das Zeichen des Kreuzes.
Die Wortfluth staute auf den Lippen der jungen Frau. Der Müller brummte etwas, trat aus dem Licht und blieb stumm.
Er war gekommen, diesen starrsinnigen Verliebten zu schelten, zu tadeln und zur Reue zu führen und nun stand er, der Priester, vor jenem, schwach und bedrückt von einem Gefühl seiner eigenen kindlichen Unwissenheit. Alle die Argumente, die ihm sein Glauben 1 eingab, schienen ihm selber ohnmächtig und nichtig.
1 Dieser Mann und diese Frau liebten einander und sie scheerten„Halten Sie so das Gelübde, das Sie dem Himmel und sich ö sich um nichts anderes im Himmel und auf Erden. Er verließ geleistet?“ sagte Gesualdo.
Die Gluth der Scham trat auf das Gesicht der Frau; der Mann zog seinen Hut tiefer über die Augen und ging still aus der Küche hinaus. Der Sieg war leichter gewesen, als es der Ruhestifter selbst erwartet hatte. Und doch, was nützte es, dachte er. Sie waren
01. nur still aus Respekt vor ihm. Sobald er fort war, würden sie „Der arme Tropf, er meinte es gut,“ dachte der Verwalter, von neuem hadern. Konnte er ihren Sinn nicht ändern, so hatte
1 schweigend nur mit einer Geste des Lebewohl-Grußes das Schloß.
wie er die dunkle, schlanke Gestalt des Priesters durch die Reben und Maulbeerbäume sich entfernen sah. Der junge Mensch war nicht gerade übermäßig für die Kirche eingenommen, wenngleich er sich ab und zu bei der Messe sehen ließ und zu den Festtagen Blumen für den Altar sandte, weil es einmal so Sitte war. Gleich— wohl hatte ihn der Pfarrer bewegt. Die Schlichtheit, die Unweltlichkeit und der Freimuth des Mannes forderten seinen Respekt heraus, und er sagte es sich in seinem geheimsten Inneren, daß der Parrvero, wie er ihn nannte, eigentlich mit allem, was er gesagt, Recht gehabt.
Gesualdo selber ging seinen einsamen Weg weiter, müde schritten seine Füße über das staubige Gras des Wegrandes. Es war ihm nicht gelungen, Gutes zu stiften. Er fühlte sich hilflos vor der Kraft und der Ueberstürzung einer sündigen, ihm unverständlichen Leidenschaft, wie er es sich einst vor einem Waldfeuer gefühlt, das er in den Marken gesehen. Seine Kirchenbücher ertheilten ihm Lehren genug über die Sünden des Fleisches und die Versuchungen des Teufels, doch keine davon schien ihm auszureichen vor dieser gesetzlosen, gottlosen Liebe. Er ging langsam und müde an dem Flusse entlang; ein Gefühl von etwas, was er stets entbehrt, was er ewig entbehren würde, ging mit ihm.
Es war jetzt vollkommen dunkel. Gesualdo liebte es, sich spät Abends zu ergehen, dann war alles friedvoll, zum wenigsten schien es so. Man sah nicht die Schnitte an den gekappten Bäumen, nicht die Klippen an den sonnenverbrannten Bergwänden, nicht die Wunden an des Maulthiers Lenden, nicht die blutunterlaufenen Augen der Zugochsen, noch den Kropf des sich im Staube wälzenden Kindes. Die Nacht, der Träume holder Freund, warf ihren sanften Schleier über alles Leid und gab selbst dem Staub der Straße das Aussehen eines silberigen Pfades zu einem himmlischen Thron.
So schritt er hin durch die balsamische Nacht. Er folgte dem Lauf des Flusses, der, in dieser Jahreszeit ein schmaler Wasser— streifen, in seinem Sand- und Geröllbett unter dem Mondschein glitzerte. Er mußte auf seinem Rückweg an der Mühle vorbei. Er sah die Stelle des Wehres, die in dem Dunkel von Laternen gekennzeichnet ward, die an einem von Ufer zu Ufer gezogenen
es auch keinen Zweck, ihre Lippen für eine Stunde zu zügeln.
Wilder, glühender Haß beseelte die Eine, eine tyrannische, gierige, unbefriedigte Liebe lenkte den Anderen. Wie war ein Frieden bei so widersprechenden Elementen möglich?
Gesualdo machte die Holzläden der Fenster zu, damit Andere nicht, wie er es gethan, in die Mühle hineinsehen kennten, dann suchte er seine alte Spielgefährtin zu beruhigen, deren sich hebender Busen und brennende Wangen von keinem Vorüberziehen des Ge— witters sprachen. Er redete ihr zu mit all' der Weisheit, die er aus dem Studium der Kirchenväterlehren geschöpft und mit dem weitaus wirkungsvoller scheinenden sichtlich innigen Wunsch, sie vor sich selber zu retten. Sie war vollständig im Unrecht, und er suchte das Ge— fahrvolle und das Verhängnißvolle ihrer Wege zu erkennen zu geben; aber er mühte sich umsonst. Sie hatte jenes rückschtslose, heftige, vergnügungssüchtige, glühende und tief selbstische Temperament, das nur seinen eigenen augenblicklichen Gewinn, nur sein eigenes augen— blickliches Begehren berücksichtigt. Als er an ihr Gewissen appellirte und ihr die Gefahr zeigte, die sie auf das Haupt eines Mannes heraufbeschwor, den sie vorgab zu lieben, lachte sie beinahe auf.
„Er wäre ein rechter Wicht,“ meinte sie stolz,„wollte ihn nicht jede Gefahr, der er sich um mich aussetzt, freuen.“
Gesualdo sah ihr voll in die Augen.
„Du weißt doch, daß dies Verhältniß mit dem Tode des Einen oder des anderen enden muß. Meinst Du, daß Du Dir deswegen keinerlei Gedanken machen würdest?“
„Ich könnte nicht dafür,“ erklärte Generosa einfach. Er sah, ihrer Eitelkeit schmeichelte sogar der Gedanke, daß um sie Blut fließen könnte. f
Er blieb eine ganze Stunde und noch länger bei ihr, ein jedes Argument erschöpfend, das ihm sein Glaube und seine Sympathie gegen diese sündhafte Liebe eingab; indeß er wußte, daß er seine Worte nutzlos an sie verschwendete. Sie war ihm dankbar als Freund, und andererseits hatte sie auch eine gewisse heilige Scheu vor der gewaltigen, unfaßbaren Macht, die er ihr gegenüber vertrat, aber sie haßte einmal ihren Gatten und betete ihren Liebhaber an. Von diesen beiden Extremen der Leidenschaft konnte er sie nicht ab⸗
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Seil hingen, jeden Fisch anzulocken, der sich vielleicht noch in dem
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