Ausgabe 
10.10.1886
 
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S

F

zu den

Ouhrrhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 10. Oktober.

Don Gesualdo.

Von Ouida, deutsch von Arthur Roehl. (Fortsetzung.)

Der Verwalter von Marca wohnte in dem Erdgeschoß des großen Schlosses in hohen Freskengemächern mit gewölbten und vergoldeten Decken, geschnitzten Thüren und Damastvorhängen, in denen Motten und Mäuse ihr Wesen trieben. Sein schmales Eisenbett, sein Fichtentisch und seine Fichtenstühle wollten wenig in diese einst so glanzvollen Hallen passen, doch daran dachte er nicht. Er fühlte sich wohl an dem Ort und alle seine Gedanken galten nur seiner Liebe, dem Weibe Tasso Tassilo's. Von den Terrassen der Villa konnte er die Mühle eine Viertelstunde weiter unten am Fluß sehen, und er spähte in den kurzen Sommernächten oft stundenlang nach den Lichtern darinnen.

Er war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren und leidenschaftlich verliebt. Seine Liebe besaß die ganze Gluth einer verbotenen Passion.

Er war blond und blauäugig, schön und hochgewachsen. Von Charakter war er nicht besser und nicht schlechter als die meisten Männer seines Alters, doch als Verwalter war er ziemlich ehrlich und als Liebhaber vollständig aufrichtig. Er ging mit raschem Schritt in die Halle, seinen Gast aufzusuchen, er glaubte, der Pfarrer wäre gekommen wegen Blumen zum Peter-Paulsfest zum morgigen Tag; denn obgleich das Schloß sonst vollkommen vernachlässigt, waren die Gärten doch reich an Blumen, die weiter keiner Pflege bedurften, wie zum Beispiel Lilien, Rosen, Oleander und Magnolien.

Guten Abend, Ehrwürden, was verschafft wir die Ehre? sagte er so, wie er auf Gesualdo zutrat.Kann ich irgend etwas für Sie thun? ich stehe zu Diensten.

Gesualdo sah ihn aufmerksam an. Er hatte den jungen Menschen früher nur oberflächlich an sich vorbeireiten und in der Messe gesehen.

Ich komme, um mit Ihnen über Generosa Fu, Tassilo's Frau zu sprechen.

Der junge Verwalter erröthete, stutzte und schwieg.

Sie liebt Sie, sagte Gesualdo einfach.

Falko Melegari machte eine Geste, als wollte er sagen, daß er dies weder leugnen noch bestätigen konnte.

Sie liebt Sie, meinte Gesualdo wieder.

Des jungen Mannes Mund umspielte jenes leichte Lächeln, das unbewußt das Bewußtsein der Eroberung ausdrückt.

Doch nicht so heiß wie ich sie, ließ er sich von seiner Leiden schaft hinreißen.

Gesualdo runzelte die Stirn.

Sie ist aber die Frau eines anderen Mannes, sagte er vor wurfsvoll.

Falko Melegari zuckte die Achseln. Das schien ihm gleichgültig. Wie soll das enden? meinte der Priester.

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Der Andere lächelte.

Dergleichen Dinge haben alle ein und dasselbe Ende.

Gesualdo fuhr zurück, als hätte ihn Jemand geschlagen.

Ich komme, Sie zu ersuchen, Marca zu verlassen, sagte er einfach.

Der junge Mann starrte ihn an, dann lachte er ärgerlich.

Lieber Herr Pfarrer, antwortete er ungeduldig.Sie sind ja freilich unserer Seelen Hüter. Hat Tassilo Sie abgesandt?

Es hat mich keiner abgesandt.

Was wollen Sie dann?

Sie mahnen, weil, wenn Sie nicht gehen, ein Unglück un⸗ ausbleiblich ist. Tasso Tassilo ist nicht der Mann, sich ungestraft betrügen zu lassen. Ich kenne Generosa von Kindheit auf, wir sind beide in demselben Ort geboren. Sie ist eine warme Natur, aber keine tiefe; und wenn Sie fortziehen, wird sie Sie bald vergessen haben. Tasso Tassilo ist ein rauher Mann, der sein Weib aber liebt, dem Generosa alles verdankt was sie hat, der ein hohes Recht auf ihre Dankbarkeit besitzt, denn er hat sich gegen sie liebevoll und großmüthig benommen. Sie aber sind ein Fremder. Sie werden mit Leichtigkeit überall wo anders eine neue Liebschaft anbändeln können. Warum wollen Sie nicht fort? Wenn Sie jene Frau wirklich liebten, würden Sie es thun.

Falko lachte.Theurer Don Gesualdo, Sie sind ein heiliger Mann, aber Sie haben von Liebe keinen Begriff.

Gesualda fuhr wieder etwas zurück. Das war das zweite Mal, daß ihm dies an dem Abend gesagt wurde.

Ist das Liebe, sagte er nach einer Pause,das Leben der Geliebten der Rache ihres Mannes auszusetzen? Ich sagte Ihnen schon, Tassilo ist nicht der Mann, ruhig eine Beschimpfung hin zunehmen.

Was geht mich Tassilo an? meinte der junge Verwalter trotzig. Wenn er es wagt, ein Haar auf ihrem Haupt zu krümmen, soll

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er durch meine Hand tausendfach des Todes sterben.

Das sind alles nur Worte, versetzte Gesualdo.Man kann nicht ein Verbrechen mit einem anderen wieder gut machen, und Sie können auch eine Frau vor ihres Mannes gerechter Rache nicht schützen. Nur auf einem einzigen Wege können Sie Generosa aus der Gefahr retten, in der sie schwebt. Sie müssen fort!

Wenn dies Schloß von selber mitgeht, sagte Falko,nicht eher! Fortgehen ich! wiederholte er ingrimmig.Ich fort⸗ laufen wie eine Memme vor Tassilo's Wuth? Generosa allein lassen, daß sie mir flucht, und mich einen treulosen Feigling schimpft! Was? Ich fortgehen, wenn all' das Licht meines Lebens und meiner Seele und all' das Licht meiner Augen in Marca ist? Don Gesualdo, Sie sind ein frommer, guter Herr, aber Ihr Ansinnen ist

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