Ausgabe 
10.1.1886
 
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an den Heimritt denken konnte.

meinen Braunen auf den feuchten, quellenreichen Waldpfaden durch das Gezweig, dessen rieselnde Wassertropfen ebenso viel Tropfen siegreich funkelnden Sonnenlichtes zu sein schienen.

Als ich auf halbem Wege zu einer kleinen Anhöhe gelangte, war das letzte, flatternde Gewölk entschwunden; gleich einer Ver⸗ klärung lag der weiße Lichtschein über der feierlichen Schönheit des weit hinaus blauenden Landschaftsbildes.

Wie schon hundert Mal an dieser Stelle, nahm ich auch heute das Fernglas, das ich bei meinen Ritten gern bei mir führte, zur Hand und suchte an den klar und scharf sichtbar werdenden Fenstern der Burg, auf der Terrasse und den lichten Stellen der Parkpfade nach einem Lebenszeichen meiner Lieben aus.

Auf der Steinbank am Teich unter dem rosig⸗blühenden Gesträuch der Herbsttamarinde sah ich auch zu meiner Freude das weiße Kleidchen meines Kindes; während ich noch am Fernrohr drehte, um die Gestalt seiner Begleiterin, die das feine Zweigwerk mir verdeckte, festzustellen, that sich der blühende Rahmen, von weißer Hand getheilt, auseinander, und vom leuchtenden Sonnenschein wie von Goldstift gezeichnet, hob sich der schlanke Körper eines Mädchens von dem farbenreichen Hintergrunde ab. Regungslos, wie von einem höheren Geschick absichtsvoll in meinen Gesichtskreis gestellt, stand sie ein paar Augenblicke, mit dem Kinde an der Hand, im hohen Ufergras; jeder Zug ihrer vornehmen, ausdrucksvollen Schönheit, jedes leise Zucken ihrer Wimpern, jedes Lächeln ihrer weichen Lippen rückte mir mein gutes Glas in schärfster Deutlichkeit nahe.

Als das Mädchen dann langsam, wie um die Wirkung des köstlichen Eindruckes nicht zu zerstören, am Teichrande hinschritt und zwischen den Baumstämmen verschwand, hatte ich das Gefühl, daß ich hier tagelang, ohne zu ermüden, ihrer Wiederkehr harren könne, einige Augenblicke richtete ich mein Glas noch erwartungsvoll nach dem vereinsamten Gestade, bis mir plötzlich, gleich dem Bewußtsein eines neuen Glückes, der Gedanke kam, daß ich ja nur einfach nach Hause zu reiten brauche, um meine Erwartung zu befriedigen.

So wurde der Ritt durch den hallenden, duftreichen Spätsommer⸗ abend denn auch zu einem fröhlichen, seltsam sehnsuchts⸗ und ge⸗ dankenreichen Jagen.

Wie Du gesund und glücklich aussiehst, rief mir Lucie ent⸗ gegen, als ich, glühend von der Eile und der wehenden Abendluft, an ihr Leidenslager trat.

Während ich, ihre feine Hand drückend, von tausend Gedanken bewegt, ihr zur Seite saß, erzählte sie mir mit ihrer klaren, lieben Stimme von der unerwarteten Ankunft der Erzieherin, die mitten im ärgsten Gewittersturm in einem Miethwagen von Wunsiedel herübergekommen sei.

Du wirst staunen, wie lieblich sie ist; zu lieblich fast für das ermüdende Amt einer Pflegerin und doch gerade als solche auch wieder so reizend. Marianne hing nach den ersten Worten, die sie zu ihr sprach, glückselig an ihrem Halse.

Unter dem Anschein ruhigen Lauschens verbarg ich die Spannung, mit der ich dem Anblick des Mädchens entgegensah. Getreulich be richtete mir Lucie, was sie bereits von ihr wußte: daß sie die Waise eines Schweizer Predigers sei und Katharina Lerouche heiße, daß sie für die Stellung in unserem Hause die demüthigste Dankbarkeit hege, da sie, ihren Worten nach, nicht ein Talent besitze, womit sie sich jetzt, nach ihres Vaters Tod, ihr Brot erwerben könne, und daß das dunkle Gewand, in dem sie mir von fern so königlich erschienen war, ein armes, dünnes Trauerkleidchen sei, das ihr freilich wunder voll zu der frischen Blässe ihres schönen Gesichtes stehe.

Tausendmal wollte ich Lucien's Rede unterbrechen und ihr er zählen, daß und wie ich die Fremde schon von Weitem gesehen hatte; darin, daß ich es nicht that, nicht zu thun vermochte, mögen Sie den Beweis erkennen, daß schon dieses erste Sehen verhängniß voll für mich geworden war. 8 d

Der Gedanke, daß des Mädchens Bild nur durch eine Ver kettung besonders poetischer Umstände aus der Ferne so zauberhaft auf mich gewirkt habe, wich bald einer ganz anderen Ueberzeugung. 17 Auch im Dämmerschein von Lucien's Krankenzimmer empfand ich den Eindruck ihres außergewöhnlichen Liebreizes in süß beklem mender Weise; noch ehe ich den Wohlklang ihrer melodischen Stimme vernommen, stand es fest in mir, daß sie das anmuthigste Wesen sei, dem ich je begegnet; der warme Goldton ihrer Flechten, das

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Mit begreiflicher Eile lenkte ich matte Weiß ihres

weichen Gesichtes und der dunkle Glanz ihrer großen Augen reichte hin, um ein Herz zu verwirren.

Sie selbst schien von alledem nur wenig zu wissen; nicht ein Hauch von eitlem Selbstbewußtsein trübte die ungekünstelte Frische ihres Wesens, die sich mit einer Lebendigkeit offenbarte, wie sie nur die feinste Erziehung im Verein mit der reinsten Herzensunschuld einem jungen Mädchen zu verleihen vermag.

Unser Kind, das durch seiner Mutter Krankheit still und nach

denklich geworden war, schien unter Katharina's sonnigem Einfluß

den Druck seines ersten Kinderleidens von sich abzuschütteln; auch mein stilles Weib genoß den Einfluß dieser rosenfrischen Jugend wie eine wundervolle Wohlthat; für die kleinen Hilfsleistungen, die süßen, zartsinnigen Liebesdienste, die das Mädchen der Kranken leistete, schenkte ihr diese ihr ganzes, liebewarmes Herz.

Ich selbst, erlassen Sie mir's, Ihnen die seligen Qualen jener Tage zu entschleiern, Ihnen das wunderbarste Geheimniß des Lebens kund zu thun, das der doch nie begreift, der ihm nicht in eigener Brust nachzuspüren vermag. Ehe das Mädchen noch recht heimisch in unserem Hause wurde, ward ich mir's unter Glühen und Erblassen bewußt, daß ich sie liebe. Mit zwingender Macht,

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gleich einem Wunder, war diese Leidenschaft über mich gekommen,

für die ich Gott bald demüthig wie für eine neue Jugend dankte, bald wie für eine schwere Sünde um Vergebung bat.

Der Anblick Lucien's, die von Tag zu Tag durchsichtiger, gleich sam verklärter ward, rührte mich bei der fieberischen Erregtheit meines Innern doppelt. Oft war ich nahe daran, vor ihr niederzuknieen, ihre lieben, zarten Hände zu küssen und ihr meine Bewegung zu gestehen. Seltsamer Weise aber wand sie mir in solchen Momenten selbst ahnungslos und arglos das Wort aus der Hand, um über das zu plaudern, was ihre liebevolle Seele jetzt am meisten beschäf tigte: über Katharina's Vorzüge. N

Wir müssen sie übrigens mehr zu zerstreuen suchen; sie ist nicht mehr so heiter wie erst, sagte sie einst.Und doch ist sie mehr wie jede andere zu Lust und Lachen geboren. Willst Du nicht zuweilen mit ihr spazieren reiten? Sie erzählte mir, daß sie daheim ihren Vater oft auf seinen Krankenritten begleitet habe. Wenn ich gesund bin, streifen wir dann zu drei durch die Wälder!

So schuf die fürsorgliche Güte der treuen Frau meiner Leiden schaft einen neuen Anlaß zur Entfaltung. Schon mein durch Luciens Kranksein veranlaßtes, traulichen Mahlzeiten, die sie durch ihre vornehme Grazie, ihr ge wandtes Plaudern so köstlich würzte, diese scheinbar absichtslosen Begegnungen in Garten und Wald, die gemeinsame Sorge für die Leidende und das Kind, hatten eine Art süßer verwandtschaftlicher Vertraulichkeit zwischen uns geschaffen, die unter anderen Verhält nissen schwerlich hätte heranreifen können.

(Fortsetzung folgt.)

Lose Blätter.

Klosterschäfflerei.(Siehe Illustration.) Ju Süddeutschland giebt es bekanntlich geistliche Brüderschaften, die sich mit der Bewirthschaftung weiter Ländereien befassen und die selbst an den industriellen Unternehmungen des Landes regen Antheil nehmen. eher berühmt wurden als durch die geistliche Wirksamkeit ihrer Insassen. Solche Klöster haben sich Werkstätten eingerichtet, in denen fleißig gearbeitet wird. Die Ordensbrüder nehmen zwar keinen Antheil an der manuellen Thätigkeit, allein sie beaufsichtigen die Arbeiten und sorgen für leibliche und geistige Erquickung Derer, die in ihrem Dienste stehen. Der humoristische Genremaler Eduard Grützner in München, welcher mit Vorliebe die ge⸗ müthliche Seite des Klosterlebens schildert, stellt uns in seinerKloster⸗ schäffelei das Innere einer Werkstatt vor, in welcher den Arbeitern ein frischer Trunk und ein Imbiß, bestehend aus Brot und Rettig, gereicht d

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Bei der Zusammenkunft Friedrich's II. und Kaiser Josephs zu Neiße äußerte der König, während sich jener mit dem General von Seyjdlitz unter⸗ hielt:Ein schöner, geistvoller Kopf. Ich muß seine Büste besitzen. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. Leiser fügte er hinzu, als ob er mit sich selbst spreche:Er hak viel Talent. Es ist ein Glück, daß die Jugend immer den zweiten Schritt thut, ehe sie den ersten gethan hat. Die wenigen Worte des tiefen Menschenkenners charakterisiren Kaiser Joseph II. auf das Beste, der als Regent sich überhastete, so daß von seinem Wirken nichts zurückblieb. e

öfteres Alleinsein mit der Geliebten, diese

Wir kennen Klöster, welche durch ihr Bier

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