Ausgabe 
10.1.1886
 
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Der vierte Geburtstag der Kleinen sah dies Glück noch in bhöchster Blüthe. Ich hatte unserem Liebling zu Gefallen einen Kahn zimmern und mit Blumengewinden schmücken lassen. Im Abendschein ruderte ich Weib und Kind zwischen den malerischen

. niöthigt, da der schnelle Tod eines Weideninseln unseres Teiches hindurch; noch heute höre ich das alten Verwalters meine Anwesenheit auf einem entfernten Vorwerk Jauchzen des Mägdleins, weil sie den Pirol in der Nähe singen dringend nothwendig machte. Ein heftiger Gewitterregen hielt mich

11. hören und die weißen Wasserrosen mit den Händchen greifen konnte. auch in der Nacht und am nächsten Morgen noch dort gefesselt, so

1 Als wir im Dämmerschein am Ufer anlegten, war der Wildfang daß ich erst am Mittag unter den letzten Nachschauern des Unwetters

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noch nicht befriedigt von seiner Geburtstagsfahrt; Lucie, die zuerst ausgestiegen war, hatte Mühe, mir das kleine, zappelnde Ding, das ich ihr entgegenhielt, abzunehmen; dabei geschah wohl das Unheil, daß ihr Fuß von einem Stein, auf den er sich gestützt, abglitt und eine so; schmerzhafte Verletzung erlitt, daß sie trotz aller Tapferkeit nicht einen Schritt mehr vorwärts thun konnte. Als ich ihre leichte, zitternde Gestalt auf meinen Armen in's Haus trug, ahnte ich die Tragweite des kleinen Unfalls

nicht. In Ermangelung eines augenblick ö lichen ärztlichen Beistandes halfen wir uns, so gut es gehen wollte, mit Umschlägen und Salben, was dem Uebel aber keineswegs steuerte, denn als der Doktor im Laufe des anderen Tages von Wunsiedel herüberkam, erklärte er die Entzündung für so vorgeschritten, daß an ein chirurgisches Einschreiten ö vor der Hand nicht zu denken sei; wochenlang lag das muthige Mütterchen nun trotz Schmerzen und Fieber lächelnd 0 auf ihrem Lager; als der Arzt an eine Operation gehen konnte, erklärte er im Voraus, daß eine Lähmung des kranken Gliedes vorauszusehen und ein monate langes, ferneres Stillliegen unvermeid

lich sei. f

So müssen wir uns vor allen Dingen um eine Pflegerin für Mari⸗ anne umschauen, sagte sie, als sie ihr Verhängniß hörte. Die Sorge um das Kind, welches nicht vom Lager der Mutter weichen wollte und in der un gewohnten Zimmerluft schmal und blaß wurde, war das einzige Bedenken der beherzten Frau. 1

Um sie zu beruhigen, sandte ich denn l auch gleich ein Gesuch an eine viel gelesene Münchener Zeitung ab.

Unter qualvollen, heldenmüthig ver⸗ leugneten Schmerzen plauderte das liebe Geschöpf, um die Kleine von vornherein der neuen Pflegerin gewogen zu machen, von einem schönen, guten Wesen, das nächstens kommen werde, um mit ihr zu spielen und in den Wald zu gehen, ihr Märchen zu erzählen und sie im Kahn zu den weißen Wasserrosen zu rudern. a

Die den einlaufenden Offerten bei⸗ 7657

gefügten Photographieen entsprachen f

diesem Bilde, das die Mutterliebe ent⸗ 1 worfen hatte, natürlichkkeineswegs. Da die gesuchte Erzieherin aber ein täglich dringenderes Bedürfniß ward, ent⸗ schlossen wir uns doch, eines jener An gebote zu erwidern und zwar eins, dessen Schreiberin, die ihr Bildniß allerdings nicht beigelegt hatte, durch die feste Klarheit ihrer Schriftzüge und ihrer Ausdrucksweise unser Interesse gewann.

Ehe die nun folgenden brieflichen Auseinandersetzungen noch zu einem end⸗ giltigen Resultat geführt hatten, sah ich mich zum ersten Mal seit Luciens Unfall zu einem weiteren Ausritt ge⸗

Gemälde von Eduard Grützner.

Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.

Klosterschäfflerei.

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