Ausgabe 
10.1.1886
 
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daran gedacht, daß einst vielleicht eine große Liebe wie ein Strom voll Fremde, die, ohne mir je den Schlummer der Nächte zu rauben, Feuer und Leidenschaft in mir erwachen werde. Nun erschien doch jedesmal mit dem ganzen Schmelz ihrer dunkelblauen Schönheit mir jenes erträumte ruhelose Glück nur gering gegen das tiefe, vor meine Seele traten, so oft ich irgendwo auf fremden Pfaden klare Vertrauen und Verstehen, welches mich und das liebliche Weib und Meeren durch eine heimathliche Melodie den Duft einer heimathlichen Blume oder den trauten Glanz bekannter Sternbilder an mein heimisches Nest erinnert ward. Als ich in einem kleinen Städtchen, am Nordrande des Sonjef jords, an das mich außer seinem male⸗ rischen Liebreize noch einige geologische Eigenthümlichkeiten der es umgebenden, kühn und stolz gethürmten Felsenformen fesselten, die Nachricht von meines Onkels Tod erhielt, waren diese Mädchenaugen das erste Bild, das vor meiner Seele aufstieg und das Wort: Arme Lucie! der erste Seufzer, den meine Trauer fand.

Daß ich die Wichtigkeit meiner präch⸗ tigen Kristalfunde und der aus ihnen gefolgerten Kombinationen plötzlich ver⸗ gaß und mit möglichster Eile heimwärts reiste, war daher auch weniger meiner Sorge um das verwaiste Sassen, als meiner warm erwachten Theilnahme für die verwaiste Cousine zuzuschreiben. Als ich hier anlangte, kam ich ge rade noch zurecht, um ihr das Trauer⸗ hütchen von dem blonden Haar zu lösen und den Reisemantel von den Schultern zu nehmen, was sie mit schwermüthigem Lächeln geschehen ließ, obgleich sie mir versicherte, daß sie von einer Freundin in München, die ihr die Stelle einer Gesellschaftsdame bei einer kränklichen Fürstin in Aussicht gestellt, dringend erwartet werde.

Bis morgen hast Du jedenfalls Zeit, sagte ich,wir haben doch manches zu besprechen, was ebenso wichtig ist als das Wohlbefinden Deiner fürstlichen Hoheit.

In der That besprachen wir bis zum andern Morgen Vieles und Wichtiges; daß ich's kurz mache trotz des weh müthigen Ernstes, mit dem die Trauernde die füßen Stimmen des Lebens von sich wehrte, gelang es meinem dringenden Werben, ihr das holdeJa! von dem blassen Munde zu schmeicheln und als sie am andern Tage dennoch schied, geschah es mit seligem:Auf Wieder⸗ sehen!

Ich sage es offen: die Schnelligkeit meiner Verlobung hatte mich selbst über⸗ rascht, und als ich nach der Abreise Luciens mich mit meinen Gedanken allein befand, brauchte ich einige Zeit, um die Wohlthat der doppelten Bande, die mich nun an die Heimath fesselten, ganz zu würdigen. In der Folge zeigte sich's aber recht deutlich, wie die Spezies der Deutschen viel mehr zum glücklichen Rasten als zum Schweifen geboren ist. Jeder Tag, den ich daheim verlebte, jeder Baum, den ich pflanzte, jede Scholle, die ich tragbar machte und jedes Schwalbennest, das ich am First entdeckte, gewann mich der Heimath. Als ich dann nach Ablauf ihrer Trauerzeit noch mein Mädchen heimholte und wir vereinte, deren zarte Schönheit und Güte mein Haus verklärte. nun traulich zu Zweien in dem alten Märchenschlosse hausten, spann Fünf Jahre lebten wir in ungetrübtem Frieden dahin; die sich das Behagen bald wie lustiges Rosengerank um das dunkle Gemäuer. schelmische Lustigkeit unseres Kindes, unserer kleinen, blonden 9

Ich hatte, während ich in der Fremde tändelte und küßte, oft Marianne, gab unserem stillen Glück die reizendste Vollendung. 1

Erinnerung an ein paar große, ernsthafte Mädchenaugen mit in die

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