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zuweilen mit einem
Sylves
eigenen
geben willst, sie muß mich für Manches entschädigen!“ mahnte er Anflug von Resignation.—
„Ist es Ihnen Ernst mit Ihrer Gebirgstour
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so nicht länger zu verschieben,“ sagte der Freiherr, als
0. 0 0 0 9 0 7 „Am Krähenflug sehe
rathe ich, sie wir uns am ich, daß das
tertag zu Tisch setzten. Wetter sich ändern wird.“
Ein heller Freudenstrahl aus des Knaben Augen bekundete dessen Zustimmung. Hätte ich ganz ehrlich sein wollen, so hätte ich ge— stehen müssen, daß das seelische Behagen, womit mich der Zauber des alten Schlosses umsponnen, meine Leidens chaft für schöne, landschaft— liche Eindrücke momentan fast völlig paralysirt hatte.
Oktav's und Gottlieb's lebhafte Freudenäußerungen zogen die Aufmerksamkeit von meiner etwas einsylbigen Zusage ab; nur Marianne, die an meiner Seite saß und die ihre gesenkten Blicke plötzlich voll und forschend zu mir erhob, schien mein Zögern zu bemerken.
„Wovon träumten Sie eben?“ sagte sie lächelnd, da sie sah, wie U 7 1 71
ich mich meinen Gedanken entwand.
„Ich dachte daran, ob es wohl einer jungen Dame zu viel zu⸗ gemuthet sei, wenn man sie zur Theilnahme an der romantischen Schlittenfahrt überreden wollte!“—
In der That war mir plötzlich der Gedanke, ihr ernstes Ge— sichtchen von der Kälte und der Schönheit der blitzenden Winter— welt rosig belebt zu sehn, als ein ganz besonderer, neuer Reiz der eben noch innerlich verschmähten Neujahrsreise erschienen.
Mit ungestümen Bitten unterstützte Oktav meinen Vorschlag.
„Willst Du, so können wir ja bei Tag und Sonnenschein den Uebrigen nachfahren,“ meinte der Freiherr,„und in Alexanderbad mit ihnen zusammentreffen.“
„Wie gut Du bist; es ist wirklich ein wunderhübscher Gedanke!“
sagte sie mit fast lustigem Blick.
Ihre Freude, die ihr so ergreifend schön stand, steckte auch mich an. Die geplante Fahrt erschien mir wieder in demselben poetischen Lichte, wie nach Oktap's erster lockender Erwähnung.
„Ich wecke Dich und Herrn Gutmann um zwei Uhr; auf drei bestelle ich den Schlitten. Ich kann mich sicher auf meine Willens— kraft verlassen,“ rief der Knabe.
Zum ersten Mal suchte ich heute nicht so hastig wie sonst von der Tischgesellschaft hinweg meiner Arbeit zuzueilen.— Als ich dem Bilde endlich im schwindenden Tageslicht wieder gegenüber saß, be⸗ reute ich freilich mein Zögern; seine Schönheit und Poesie umspann mich augenblicklich mit dem eigenthümlichen Zauberduft, in dessen Sphäre alle anderen Empfindungen zerrannen. Der Schmerz, mit dem ich die frühen Dämmerschatten über die lichte Gestalt hinschleichen sah, war mir ein Maßstab für die Wärme und Erregung, mit der mein tiefstes Sein an dieser Arbeit betheiligt war.
Mißmuthig legte ich den Stift aus der Hand, lehnte den Kopf in die Polster des Fauteuils zurück und begann nun— zum Ersatz für die verlorene Tageszeit— mit fest auf das Bild gerichteten Blicken vor mich hin zu träumen. Meine wache Phantasie ergänzte die erbleichenden Umrisse und den farbigen Lebensduft der im Dunkel schwindenden Gestalt, so daß ich sie in ihrer ganzen Zartheit und Heiterkeit wie zum Erfassen deutlich vor mir sah, da ich doch kaum noch das Gold des Rahmens zu unterscheiden vermochte, dessen Ge— flimmer sich nur wie der sonnendurchglühte Aether eines Sommer⸗ abends um die Erscheinung wob.— Da ich, wie in überströmender Empfindung, die Augen schloß, nahm die Vision noch holdere Fassung an. Nun erkannte ich in dem strahlenden Hintergrund, von dem sich die Gestalt wie in idealer Verklärung abhob, deutlich das goldig⸗ blühende Ginstergestrüpp eines Hochwaldes, aus dem sich die schlanken Säulen dunkelgrüner-Edelfichten hoben;— Bienen schwirrten über dem leuchtenden Blüthenmeer und aus der Ferne glaubte ich ver⸗ hallendes Glockengeläut und den zarten Lockruf einer Drossel zu vernehmen.—
„Katharina!“ scholl es da plötzlich durch die weihevolle Stille.
In jähem Schreck sprang ich empor. War es der Ton meiner
*
Stimme oder war es ein anderer der die Verzauberung brach? U J N
„Sind Sie hier?“ scholl es da in wohlbekannten Tönen an mein Ohr.
Als meine von der erträumten Helle verwirrten Sinne sich all— mälich in der realen Dunkelheit des Saales zurechtfanden, erkannte ich des Freiherrn Gestalt an meiner Seite.
„Ich glaubte Sie längst nicht mehr hier,“ sagte er etwas ver⸗
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wirrt.„Waren Sie eingeschlafen, daß merkten?“
„Ich weiß entrückt.“ f
Ich wollte scherzen, aber meine Stimme klang, ohne daß ich es wollte, feierlich durch den hallenden Raum.
„Ist es nicht das ergreifendste Kriterium einer menschlichen Schönheit, daß sie noch im Tode fortwirkt?“ sagte der alte Mann, indem er meine Hand ergriff und mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer in einen Lehnstuhl sank.
Alles, was ich ihm zu entgegnen vermochte, war eine Thräne, die Dunkelheit seinen Blicken entzog.
Lange saßen wir uns so wortlos, in tiefster Bewegung, gegenüber. r war es, der schließlich zuerst Fassung und Worte fand.
„Ich werde Ihnen alles erzählen, alles Glück und Weh, das sich an das liebe Bildniß knüpft.— Sie werden es verstehen, der Sie die Schönheit und ihre übermächtige Poesie begreifen! hören Sie!“
Noch einige Sekunden sann er, wie nach einer Anknüpfung suchend, still vor sich hin; dann lösten sich seine hageren Finger von den meinen, die sie noch umschlungen hielten, und indem er von seinem Sitze aufstand und langsam, oft stehen bleibend, schritt, begann er:
„Ich hatte das Glück, meine Jugend ungehindert und ungehemmt in vollen Zügen genießen zu können, so daß ich auch nicht eine Spur unbefriedigten Sehnens, ungestillter Wünsche, herben, bittren Ent⸗ sagens in die Jahre hinübernahm, in denen der gährende Jugend— muth sich zu nachdenklichem Mannesernst klärt. Ich hatte auf der Forstakademie zu Aschaffenburg und der Münchner Hochschule die lustigsten Studienjahre verbracht, hatte dann mit der glücklichen Anlage eines feurigen Genießens die schönsten Länder der Welt durchschwärmt, den lieblichsten Frauen gehuldigt, je von irgend einer Leiden— schaft ernstlich verwundet worden zu sein und hatte schließlich von all den köstlichen Kreuz- und Querfahrten nur eben jenen leichten Grad von Ermüdung heimgebracht, der die Ruhe und Sammlung zum Behagen, die endliche Stabilität zu einer freundlichen Wohlthat stempelt.
So wurde nach der größten schränkung für mich zum Glücke, da sie sich mir nicht eher auf⸗ erlegte, als bis sie mir Bedürfniß zu werden begann.
Dies geschah, als mir der Tod— etwa in meinem vierund⸗ dreißigsten Fahr— meinen Onkel, den treuen und selbstlosen Ver⸗ walter und Hüter meiner Besitzungen, raubte. Dieser Mann, ein Bruder meiner Mutter, war mir von meinem früh verstorbenen Vater testamentarisch zum Vormund bestimmt worden. Selten hat wohl ein Mensch umfassender vererbte Pflichten erfüllt, als er.— Daß er diese Pflichten mit Freuden als willkommenen Inhalt eines un⸗ befriedigten Lebens begrüßte, mag sein, denn als der Ruf ihn traf, war er, ein mittelloser Edelmann, schon seit einigen Jahren als invalider Major in den Ruhestand versetzt worden, aus dem sich sein reges Denken herzlich hinaus sehnen mochte. Er siedelte also, dem Vorschlag meines Vaters gemäß, mit seiner kleinen Tochter Lucie nach Sassen und nahm nun zu gleicher Zeit die Verwaltung meines Besitzes und die Erziehung meiner unerzogenen, elternlosen Wenigkeit so thatkräftig in die Hand, daß der Bestand der Sassen schen Forste mit dem status meines Vermögens und meinem eigenen körper⸗ lichen und geistigen Wohlbefinden in luftigem Wettstreite sich ver— vollkommnete. Seine lebensfrohe Natur, die sich in der verhältniß⸗ mäßigen Selbstständigkeit überaus wohl fühlen mochte, war weit davon entfernt, mir die meinige irgendwie beschränken zu wollen. — um so rührender war es, daß er 0
Sie mein Kommen nicht
es nicht. Wenigstens war ich der Wirklichkeit weit
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Schrankenlosigkeit auch die Be⸗
eit dem Beginn meiner Majorität unaufhörlich in mich drang, an die Uebernahme der Güter zu denken, obwohl er damit das beste Glück seines Alters dahinzugeben bereit sein mußte.— Diese treuherzige Selbstlosigkeit fand ihren schönsten Lohn in meinem durch sie groß gezogenen Eigennutz. Ich fand es viel zu schön und bequem, lustig schweifend die Welt zu durchziehn, als daß ich diesen Idealzustand eine Sekunde früher als nöthig auf— gegeben hätte.
Nur flüchtig, wie ein glücklicher zu Zeit am eigenen Herde ein, sah, wie meine Fichten gen Himmel sproßten, wie die edle Zucht meiner Rosse gedieh und das Gold meines Kornes mit dem blauen Lein um die Wette das flurenreiche Vorland meines Heimathgebirges schmückte. So oft ich dann schied,
nahm ich mit dem behaglichen Bilde meines schönen Daseins die
Wanderer, kehrte ich von Zeit
im Zimmer umher


